Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den M&A-Sektor?
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Spätestens seit März war die deutsche Wirtschaft im Würgegriff der Corona-Pandemie. International vernetzte Firmen spürten die Auswirkungen bereits seit den ersten drastischen Maßnahmen in China zum Jahresbeginn. Seit Mai gibt es in vielen Bereichen Lockerungen. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Markt? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragte einige erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Im Gespräch mit Nicolas Gutbrod.

Schnell und konsequent habe der Staat während der Corona-Krise eingegriffen, findet Nicolas Gutbrod, Geschäftsführer bei SGP Schneider Geiwitz Corporate Finance: „Nach meiner Einschätzung waren vor allem die Neuregelungen bei der Kurzarbeit und die umfangreichen KfW-Kredite die effektivsten Maßnahmen aus den diversen Hilfspakten des Bundes und der Länder“.

Es habe sich in einer ersten Nachbetrachtung aber auch gezeigt, dass die Unterstützungsleistungen bei den verschiedenen Branchen unterschiedlich wirken. Für gesunde Betriebe mit einem funktionierenden Geschäftsmodell hätten die Pakete wirksam geholfen eine gewisse Durststrecke zu überstehen, bis die Wirtschaft wieder anspringt. Unternehmen mit einer langfristigen Marktberechtigung sollten nach seiner Ansicht in jedem Falle gerettet werden.

Ein perfekter Sturm

Branchen, die schon vor der Pandemie unter Druck standen – wie beispielsweise Automotive oder Einzelhandel – bekommen nun noch größere Schwierigkeiten. Recht kritisch sieht Gutbrod zusätzlich die Zukunftsaussichten der Bereiche Maschinenbau und Automation. „Das Corona-Virus wirkt als Brandbeschleuniger – besonders bei geringer Liquidität. Manche Unternehmen befinden sich gerade in einem perfekten Sturm“, so Distressed-M&A-Experte Gutbrod. Wie andere Vertreter der Restrukturierungssektors rechnet er mit einer großen Welle von Insolvenzen sobald die Aussetzung der Antragspflicht aufgehoben wird.

Kompromissbereitschaft nimmt ab

In den Krisenbranchen wirkten die Hilfspakete nur als verzögernde Maßnahme, die grundlegenden Probleme blieben hingegen bestehen. Im Gegensatz zur früheren Situation seien im Automotive-Sektor OEMs und Tier1-Produzenten nicht mehr ohne weiteres bereit, kriselnde Unternehmen mit Preiserhöhungen oder Forderungsverzicht zu unterstützen: „Die planen inzwischen neu und sortieren Ihre Lieferantenlandschaft“, so Gutbrod.  Es sei immer eine Frage, wie spezifisch die Teile sind. Die Kompromissbereitschaft der Hersteller verhalte sich direkt proportional dazu, wie unersetzbar der Lieferant ist.

Lieferketten werden konsolidiert

Eine wichtige Folge der Corona-Krise sieht Gutbrod in der Konsolidierung der Lieferketten. Viele Unternehmen hätten auf schmerzhafte Weise erlebt, wie gravierend die Folgen von ausbleibenden Lieferungen sein können – egal ob aus dem fernen China oder dem benachbarten Norditalien. „In vielen Managementetagen werden gerade verschiedene Szenarien durchgespielt, um die Abhängigkeiten zu verringern und auch im Falle einer neuen Krise die Produktion aufrecht zu erhalten“, sagt Gutbrod. Das werde sich auch auf die Preise der auswirken, denn Zuverlässigkeit habe ihren Preis. Weiterhin sind viele Betriebe aufgrund der Krise gezwungen ihren kompletten Kostenapparat zu reduzieren.

Image von Private Equity bessert sich

Aktuell kann sich nach Ansicht von Gutbrod die Akzeptanz von Private Equity bei Unternehmern spürbar verbessern: In der jetzigen Situation seien viele Firmen aufgeschlossener für Gespräche mit PE-Investoren. Man müsse für erfolgversprechende Verhandlungen ein attraktives Unternehmen haben und dürfe nicht in einer strukturellen Krise stecken.  Am Markt beobachtet er zudem, dass sich Private-Equity-Fonds als „Weißer Ritter“ bei kriselnden Unternehmen ins Spiel bringen. Sie versuchen in einer Zeit, in der Unternehmen Liquidität und Eigenkapital benötigen, an neue Investitions- und Übernahmeziele zu kommen. Dies sollte dann am besten „off the market“ geschehen, um preistreibende Auktionen zu vermeiden.

Unternehmenspreise entwickeln sich branchenspezifisch

„Ich gehe davon aus, dass sich das Preisniveau bei Unternehmenskäufen abhängig von der Branche entwickeln wird. Wir werden sicher corona-bedingte Abschläge sehen, aber es kann durchaus bei krisenresistenen Geschäftsmodellen auch Preissteigerungen geben“, sagt Gutbrod. Es komme immer auf das einzelne Unternehmen an und die Aussichten im jeweiligen Wirtschaftssektor. Pauschale Aussagen sind aus seiner Sicht nicht sinnvoll. Grundsätzlich sei der M&A-Markt für Unternehmensverkäufe weiter aktiv – auch wenn die aktuelle Situation vermutlich zu konservativeren Planungen führe.

„Man kann immer noch sehr gut Unternehmen verkaufen. Es bringt aus meiner Sicht wenig, wenn man jetzt einen Verkaufsgedanken aussitzt“, empfiehlt Gutbrod. Wichtig ist aus seiner Sicht eine hohe Prozessqualität. Dazu gehören umfangreiche Unterlagen, eine nachvollziehbare Unternehmensplanung sowie eine umfassende Branchenkenntnis. Als einen weiteren Faktor sieht er die persönliche Ausstrahlung des Managements.

„Es gab nur kleine Dellen“ im M&A-Markt

Insgesamt sei erkennbar, dass die Märkte in vielen Bereichen wieder anspringen. „Gerade im industriellen Sektor gab es in bestimmten Branchen nur kleine Dellen und keine großen Löcher“, erklärt Gutbrod. Besonders in Asien arbeiteten viele Sektoren bereits wieder auf normalem Vor-Krisen-Niveau. Auch der M&A-Markt habe dort wieder an Fahrt aufgenommen. Der April sei mit dem gleichzeitigen weitegehenden Shutdown in Asien und Europa der Höhepunkt der Krise gewesen. Inzwischen seien immer mehr Zeichen einer Erholung erkennbar.


ZUR PERSON

Nicolas GutbrodM&A-Experte Nicolas Gutbrod ist Partner bei SGP Schneider Geiwitz Corporate Finance mit Standorten in München, Neu-Ulm und Ravensburg. Seine Tätigkeitschwerpunkte liegen in den Bereichen Sell- und Buyside M&A/Transaktionsberatung sowie Distressed M&A.