Warth & Klein: „Der Hunger am Markt ist groß“

Corporate Finance nach Corona – die Serie, Teil 12

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den M&A-Sektor?
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Lockdown – dann vermeintliche Entspannung und nun nach dem Lockdown-Light wieder ein harter Lockdown – die Unternehmen in Deutschland haben es gerade nicht leicht. Der Staat eilt zwar mit einem Unterstützungsprogramm nach dem anderen zu Hilfe, aber trotzdem wird es immer schwieriger, eine passende Finanzierung zu finden. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Sektor? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragte einige erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Wilhelm Mickerts, Partner bei der Frankfurter Warth & Klein Grant Thornton AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Co-Head Transaction Services, im Gespräch mit Alexander Görbing

Die neuen Beschränkungen in Deutschland gelten seit Anfang November. Im Vergleich zum Frühjahr mit den einschneidenden Maßnahmen der Regierung scheinen die Auswirkungen auf die Industrie, größere Unternehmen und auch auf den M&A-Sektor deutlich geringer zu sein. „Beim ersten Lockdown haben alle auf die Bremse getreten. Es kam darauf an, Liquidität zu sichern und Finanzpolster aufzubauen. Jetzt gibt es zwar auch kleine Unsicherheiten und es wird in laufenden Transaktionsprozessen eine Extra-Schleife gedreht, aber der Hunger am Markt ist immer noch groß“, sagt Wilhelm Mickerts.

Er beobachtet zwar, dass sich die Beteiligten bei Deals die aktuellen Finanzzahlen und Budgets zurzeit noch einmal intensiv anschauen und über die Anpassung von Details verhandeln, aber die Stimmung ist seiner Meinung nach insgesamt positiv. „Unsicherheit führt immer zu Abschlägen, aber der Unternehmensverkauf macht für viele immer noch Sinn“, fügt Mickerts an. Die Deal-Pipeline fülle sich weiter, insbesondere die Nachfolge-Thematik ist ein regelmäßiger Transaktionsanlass. Als Zeichen für die gute Stimmung im Markt wertet er auch das Niveau der Aktienmärkte, die inzwischen die Vor-Krisenwerte erreicht haben.

Automotive-Sektor ist weiter attraktiv

Welche Unternehmen sind nun aber besonders attraktiv? Als „Gewinner“ der Corona-Krise wertet Mickerts die „üblichen Verdächtigen“ wie E-Commerce und die dazugehörige Logistik, alles rund um IT-Sicherheit und Cloud-Technologien, Software für Industrie und Digitalisierungslösungen sowie der Gesundheitssektor. Eher überraschend fällt seine Analyse des Automotive-Marktes aus. Während viele M&A-Akteure hier eher die Nase rümpfen, so ist Mickerts von einer langfristig positiven Perspektive überzeugt: „Wir haben in Deutschland viele Weltmarktführer im Automotive-Sektor – die schlafen auch nicht. Mobilität wird weiter ein wichtiger Wirtschaftsfaktor bleiben und die Unternehmen arbeiten bereits an neuen Technologien“. Trotz aller negativen Vorzeichen konnte Mickerts in der Corona-Zeit mit seinem Team zwei Deals im Automotive-Bereich closen.

Bedeutung der Banken nimmt weiter ab

Einen stetigen Wandel sieht Mickerts bei der Finanzierung von Übernahmen, denn die klassische Rolle der Banken wandelt sich: „Zum Beginn der Krise hatten auch die Finanzinstitute erst einmal mit eigenen Aufgaben zu tun. Sie mussten ihr Kreditportfolio überprüfen und die Gefahr von Ausfällen neu beurteilen“. Inzwischen habe sich die Lage zwar beruhigt, aber insgesamt seien Banken in der unsicheren Lage vorsichtiger mit der Zusage von Finanzierungen geworden.  „Insgesamt nimmt die Bedeutung der Banken bei Leverage-Finance schon seit den vergangenen Jahren ab, auch wenn sie immer noch eine wichtige Rolle spielen“, erklärt Mickerts.

Private Debt nutzt die Lücke

Diese wachsende Lücke füllen nach seiner Einschätzung Anbieter aus dem Bereich Private Debt, die im angelsächsischen Raum schon über deutlich mehr Erfahrung bei der Finanzierung von Übernahmen verfügen. Für laufende oder geplante Transaktionen ist es nach Mickerts Sicht – nicht weiter überraschend – immer eine Frage der Konditionen, wenn es um die Entscheidung für einen Finanzierungspartner geht. Die Erfahrung der Vergangenheit habe aber auch gezeigt, dass Private-Debt-Anbieter risikofreudiger agieren. „Mittel- bis langfristig rechne ich damit, dass die Anbieter von Private Debt auch am deutschen Markt eine stärkere Rolle spielen werden“, erklärt Mickerts. Wenn es mehr Akteure am Markt für Finanzierungen gibt, dann bieten sich nach seiner Meinung mehr Optionen zum Verhandeln. Gerade für die Verkäuferseite könne sich das positiv auswirken.

„All Equity“ als mögliche Alternative

Wenn aufgrund der aktuell unsicheren Situation keine schnelle Einigung zu den richtigen Konditionen mit Transaktions-Finanzierern erzielt werden kann, dann rät Mickerts zum „All Equity“-Ansatz. Dabei wird die Übernahme zuerst komplett aus Eigenmitteln finanziert. Das ist für die Kapitalrendite im ersten Schritt nicht optimal, aber zumindest kann der Deal gesichert und abgeschlossen werden. Später, wenn sich die wirtschaftliche Lage erholt hat und auch die Unsicherheit abgenommen hat, kann dann eine Refinanzierungslösung mit entsprechenden Partnern in Angriff genommen werden.

Gute Noten für die Rettungspakete

Die verschiedenen Unterstützungs- und Hilfspakete der Regierung für die Wirtschaft in Deutschland zur Abmilderung der Auswirkungen der Corona-Pandemie wertet Mickerts als insgesamt positiv, ausgewogen und sinnvoll. Sicherlich sei man an der einen oder anderen Stelle etwas über das Ziel hinausgeschossen, aber: „wo gehobelt wird, da fallen Späne“. Immerhin musste es sehr schnell gehen und die Exekutive musste umfassende Lösungen finden vom kleinen Solounternehmer bis zu milliardenschweren Konzernen. „Nach den aktuellen Zahlen stehen wir 2020 besser da als 2009“, erklärt Mickerts. Der wesentliche Unterschied liege zudem darin, dass aktuell Finanzmittel zur Verfügung stehen – das sei bei der Finanzkrise nicht der Fall gewesen. Unternehmen und Banken hätten ihre Hausaufgaben gemacht.

Überraschend wenig Insolvenzen

Die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht schätzt Mickerts als eine sinnvolle Maßnahme ein. Er zeigt sich aber überrascht, warum zumindest im vierten Quartal 2020 die Zahl der Pleiten nicht ansteigt. Grundsätzlich rechnet er für die kommenden Monate aber schon mit einer ansteigenden Zahl von Insolvenzen. Begleitet werden dürfte dies von einer zunehmenden Anzahl von Distressed M&A-Deals für Investoren. „Ich sehe schon zahlreiche aufgeschobene Fälle von Insolvenzen und Restrukturierungen“, lautet Mickerts Fazit.

Digitalisierung hat Vor- und Nachteile

Die erste Viruswelle zwang auch das Team von Mickerts innerhalb kürzester Zeit ins Home-Office. „Es lief besser als erwartet. Aber es kann auch kein Dauermodell sein, denn der persönliche Kontakt im Team, zum Mandanten und den bei der Transaktion beteiligten Parteien ist nicht zu ersetzen“, sagt er. Die dynamische Zusammenarbeit in Teams bei der gemeinsamen Suche nach innovativen Lösungen hält er für einen wichtigen Faktor für erfolgreiche Unternehmensberatung. Einen solchen Think Tank kann er sich in einem Zoom-Raum nicht vorstellen. Der sozusagen „positive Effekt“ der Corona-Pandemie war die erhebliche Beschleunigung der Digitalisierung der Arbeitswelt und das Nachdenken darüber wie die Beratung in zehn Jahren aussehen könnte.

Digitalisierung auch bei der Due Dilligence

Die Digitalisierung macht auch vor wichtigen Prozessen bei einer Transaktion nicht halt: „Ich habe bei dem dieses Jahr erstmalig virtuell stattgefundenen Corporate M&A Kongress unter dem Stichwort ´Intelligent Diligence´ einen neuen, innovativen Ansatz bei Durchführung von buy-side und sell-side Due Diligence Prozessen vorgestellt. Mit über 30 Jahren Due Diligence Erfahrung kann ich feststellen: Das ist nun wirklich innovativ“, sagt Mickerts. Entwickelt hat er das neue Tool zusammen mit seiner Partner-Kollegin Frau Kristina Ganzen. Die Effizienz bei der Datenaufnahme und Datenverarbeitung sei durch die neue Technik um ein Vielfaches gesteigert worden. Wo früher viele Mitarbeiter Daten über Wochen in Excel und Word erfasst haben, brauche es heute einige Stunden oder wenige Tage. Dies bringe nicht nur Kostenvorteile, sondern auch sauber verarbeitete Finanzinformationen in Form von Datenbüchern. Ein wichtiger Fortschritt sei zudem die deutlich verbesserte Qualität der Analysen: „Wir verarbeiten heute nicht mehr nur die Bilanzkonten, sondern die ERP Daten auf Transaktionsebene und erhalten so 100% genaue Umsatz- und Margenanalysen nach allen gewünschten Kriterien. Das Ziel einer maximalen Transparenz der Finanzinformationen hat sich für uns als Berater nie geändert, heute sind wir ihm sehr nahe.“ Zudem können sich die Beteiligten auf interaktiven Dash-Boards schnell eigene Analysen erstellen.

Herr Mickerts, vielen Dank für diese spannenden Einblicke!


ZUR PERSON

Wilhelm Mickerts ist Partner und Co-Head Transaction Services Deutschland sowie Mitglied der Geschäftsbereichsleitung Advisory bei der Warth & Klein Grant Thornton AG. Sein Fokus liegt auf Unternehmenstransaktionen im small/mid Cap Bereich, die er seit mehr als 20 Jahren begleitet. In seinem Frankfurter Büro beschäftigt er sich vorwiegend mit Due Diligence-Beratungen und der Begleitung von Verhandlungen.

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