Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den M&A-Sektor?
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Spätestens seit März war die deutsche Wirtschaft im Würgegriff der Corona-Pandemie. International vernetzte Firmen spürten die Auswirkungen bereits seit den ersten drastischen Maßnahmen in China zum Jahresbeginn. Seit Mai nun bahnt sich nun eine Lockerung an. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Sektor? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Wochen erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragte einige erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Im Gespräch mit Dr. Sven Oleownik

Dämpfer bei einigen Portfoliounternehmen

„Natürlich haben auch wir einen Dämpfer bei einigen Portfoliounternehmen, aber so langsam keimt auch bei diesen wieder Hoffnung auf“, lautet das Zwischenfazit von Dr. Sven Oleownik, Partner und Head of Germany bei Gimv, im Gespräch mit der Unternehmeredition. Bei den 53 Beteiligungs-Unternehmen gab es die komplette Bandbreite von Corona-Effekten: von 100% Kurzarbeit bis hin zu einem absoluten Run auf die Produkte. Überdurchschnittlich gut liefen einige Unternehmen aus dem Healthcare-Sektor und auch ein Security-Unternehmen verzeichnete Zuwächse. Wichtig war für ihn die Erkenntnis, dass er keine Unternehmen im Bestand hatte, die mit systemischen Problemen zu kämpfen hatten. Für Oleownik stellt sich aber die Frage der Nachhaltigkeit der sich abzeichnenden Besserung. Ob es nun langfristig wieder aufwärts geht, kann er derzeit nicht abschätzen.

Noch nicht alle Ampeln wieder auf Grün

Für jedes der Portfoliounternehmen wurden bei den ersten Anzeichen der Krise adhoc neue Planungen aufgestellt und individuelle Maßnahmen entwickelt. Dabei half es, sich über das ganze Portfolio hinweg schnell auszutauschen, best practices zu teilen und „das Rad nicht zweimal zu erfinden.“ Inzwischen laufen alle Aktivitäten, um den Geschäftsbetrieb zu sichern, wieder aufzunehmen und auch um sich ergebende Chancen zu nutzen. „Aber wir wollen uns nicht zu früh freuen“, fährt Dr. Oleownik fort. Das Kreditprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) haben Oleownik und sein Team nicht in Anspruch genommen. „In Deutschland brauchten wir für unsere Portfoliounternehmen keine externe Hilfe wie staatliche Kredite, wir sind auch für die härteste See gewappnet“, erklärt er zur aktuellen Situation. In einigen Fällen wurde überlegt die Linien zu ziehen, um keine Zeit zu verlieren und keine Kunden oder Lieferanten in Anspruch zu nehmen und somit an anderer Stelle Probleme zu verursachen.

„Wir sind im Dealmode“

Neben der notwendigen Betreuung der Beteiligungsunternehmen ist Gimv aber unverändert auf dem Markt aktiv. „Wir sind im Deal-Mode! Wir haben die Augen offen und die Kassen sind voll“, gibt sich Oleownik kämpferisch. Neue Deals liegen bereits zur Prüfung auf dem Tisch und werden intensiv geprüft und der eine oder andere Zukauf auch vollzogen. Als schwierig empfindet der Manager die Beurteilung der Geschäftszahlen der Unternehmen, die er im Fokus hat. Welche Auswirkungen sind nur auf Corona zurückzuführen und werden damit wieder verschwinden und welche Effekte sind eher systemisch – übrigens auch bei aktuellen Umsatzsteigerungen.

Due-Diligence im Zoom-Call?

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass man sich bisher mit dem Management der Unternehmen nicht persönlich treffen konnte. „Mit einem Zoom-Call kann ich mir einen ersten Eindruck verschaffen, aber vor Ort bekommt man viel mehr mit“, sagt Oleownik. Eine Due-Diligence am Computer sei im Prinzip vorstellbar, aber irgendwie für ihn auch gewöhnungsbedürftig und nicht ausreichend. Man müsse sich persönlich in die Augen blicken, Vertrauen aufbauen und sich gut verstehen – wie in einer Ehe eben für die guten wie die schlechten Zeiten. Besonders im Fokus hat er Investments in den Sektoren, Healthcare, Food oder Food-Supply, IT und Sustainability. Grundsätzlich sollten es Firmen sein, die eher „corona-resistent“ sind. Von Unternehmen, die bereits vorher in einer Restrukturierung steckten oder die durch Insolvenzverfahren nun auf den Markt kommen, lässt Oleownik auch weiterhin die Finger weg: „Die passten vorher nicht zu uns und das ist nicht besser geworden. Wir sind stark, wenn es darum geht, Unternehmen strategisch nach vorne zu bringen, sozusagen auf den nächsten Level zu heben und die dazu notwendige Veränderung auf allen Ebenen zu begleiten“. Die Begleitung von harten Restrukturierungen gehört nicht zum Geschäftsmodell bei Gimv.

Preisniveau für Beteiligungen wird wieder steigen

Das derzeitige Dealflow-Niveau liegt nach Einschätzung von Oleownik bei lediglich 10 bis 15% des Normalzustands: „Das ist eine unglaubliche Bremsspur“. Insgesamt gebe es zu viele Unwägbarkeiten, die eine sorgfältige Planung erschweren. Die Banken sind nach Oleowniks Einschätzung sehr zurückhaltend und Mezzanine-Beteiligungen würden spürbar teurer. Auch das Bewertungsniveau der Unternehmen habe sich abgesenkt. „Ich sehe in der mittleren Frist einen Knick in der Bewertung, aber dann wird das Niveau wieder steigen“, ist Oleowniks Einschätzung. Der Grund liegt für ihn auf der Hand: „Es ist unverändert viel Geld auf dem Markt und das zieht das Preisniveau in der Zukunft unweigerlich wieder nach oben“. Wenn Unternehmen die Corona-Krise recht gut überstanden haben, dann könnten sie sogar eine deutliche Wertsteigerung erzielen.

Corona beschleunigt den Wandel

Die Krisenmonate in der Wirtschaft werden nach Einschätzung von Oleownik langfristige Folgen mit sich bringen. Wer nun gelernt hat, dass man Management-Teams auch mit Telefonkonferenzen führen kann und dass nicht jeder Interkontinentalflug alternativlos ist, werde sein Verhalten auch langfristig anpassen. „Ich sehe für die Zukunft viele Änderungen in den Lieferketten und bei der Mobilität“, sagt Oleownik. Nachdem nun quasi „die halbe Welt im Hausarrest gewesen ist“ müsste in vielen Bereichen ein Umdenken stattfinden. Schlagworte wie „Nachhaltigkeit“ würden an Bedeutung gewinnen bei der Führung von Unternehmen, aber auch bei der Entscheidung für Investments.


ZUR PERSON

Dr. Sven Oleownik ist Partner und Head of Germany bei Gimv. Zuvor war er zwölf Jahre als Managing Partner bei Deloitte für den Bereich Corporate Finance Advisory zuständig und beriet dort neben Corporates und mittelständischen Unternehmen auch Private Equity-Häuser. www.gimv.com