Finanzierung.com: „Viele klassische Finanzierer sind vorsichtig geworden“

Corporate Finance nach Corona – die Serie, Teil 11

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den M&A-Sektor?
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Lockdown – dann vermeintliche Entspannung und nun Lockdown-Light – die Unternehmen in Deutschland haben es gerade nicht leicht. Der Staat eilt zwar mit einem Unterstützungsprogramm nach dem anderen zu Hilfe, aber trotzdem wird es immer schwieriger, eine passende Finanzierung zu finden. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Sektor? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragte einige erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Joachim Haedke, Geschäftsführer des Münchener Finanzierungsdienstleisters Finanzierung.com im Gespräch mit Alexander Görbing

Unternehmeredition: Wie haben sich nach Ihrer Erfahrung die Anforderungen an Finanzierungen für kleine und mittelständische Unternehmen in den vergangenen Monaten durch den Einfluss der Corona-Krise geändert.
Joachim Haedke: Die Anforderungen an Finanzierungen sind leider prozyklisch zu Ungunsten der Unternehmen. Der Hintergrund ist, dass keiner genau weiß, wie und wann die Covid-19-Pandemie und deren Auswirkungen vorbei sein werden. Viele klassische Finanzierer wie Banken sind vorsichtig geworden oder haben das Geschäft nahezu eingestellt. Das spiegelt sich auch in unserem Tagesgeschäft wieder. Wir fokussieren uns wieder mehr auf unser Kerngeschäft – alternative Finanzierungen, die vielfach krisensicherer sind.

Unternehmeredition: Ist der Bedarf größer geworden?
Haedke: Ja und nein: Viele Unternehmen haben sich zu Beginn der Pandemie mit günstigen Corona-Hilfen eingedeckt und hatten dementsprechend keinen großen Bedarf an weiteren Finanzierungen. Ausnahme waren allerdings Firmen mit schlechteren Bonitäten. Diese Betriebe waren oft bereits bevor der Corona-Pandemie in wirtschaftlicher Schieflage, die sich durch die Einschränkungen im Zuge der Bekämpfung des Virus noch verstärkt haben. Zu alldem haben diese Unternehmen keinen Zugang zum günstigen KfW-Geld erhalten, wodurch sie besonders hart getroffen wurden. Das heißt Corona hat bisher eher „schwächere“ Firmen getroffen. In Zukunft könnte sich das aber ändern. Ich erwarte auch beim Mittelstand Probleme, da viele Mittelständler ihre Kapitaldienstfähigkeit mit den Corona-Krediten bereits ausgeschöpft haben. Wir arbeiten daher vor allem mit asset-basierten Finanzierungen, um Unternehmen kurzfristig Liquidität zu ermöglichen.

Unternehmeredition: Brauchen die Unternehmen das Geld in kürzerer Frist?
Haedke: Das konnte ich bisher nicht beobachten. Durch das günstige KfW-Geld und die zeitweise Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ist die Lage aktuell entspannter als man meinen könnte. Ich denke aber, dass es die Ruhe vor dem Sturm ist. Viele Experten gehen davon aus, dass uns eine Pleitewelle bevorsteht und bevor es zu dieser kommt, werden die Unternehmen händeringend nach kurzfristiger Liquidität suchen.

Unternehmeredition: Haben sich die Anforderungen an Sicherheiten und Dokumentation an die Kredit-Interessenten erhöht?
Haedke: Auf jeden Fall. Manches Finanzierungsgeschäft, das noch vor einem Jahr ganz einfach funktioniert hat, kann nun nicht mehr so unkompliziert abgewickelt werden. Die sorgfältige Vorbereitung des Antrags und die Auswahl des richtigen Partners, um möglichst wenig Sicherheiten einbringen zu müssen, ist eine echte Herausforderung geworden. Wir haben beobachtet wie quasi schlüsselfertige Finanzierungen aufgrund der wachsenden Unsicherheit im Zuge der Corona-Pandemie „last minute“ von den Finanzierungspartnern abgesagt wurden. Das ist für die betroffenen Unternehmen natürlich extrem problematisch. In solchen Fällen versuchen wir, dem Kunden möglichst zeitnah eine Alternative zu beschaffen.

Unternehmeredition: Die gleiche Frage interessiert mich dann auch bezüglich der Finanzierung von M&A-Transaktionen. Der M&A-Markt in Deutschland ist ja seit dem Sommer wieder angesprungen – wie zahlreiche Transkationen bestätigen. Sind die Unternehmen sowie die P&E-Gesellschaften auf der Suche nach neuen Finanzierungswegen?
Haedke: Der Finanzierungsmarkt ist immer im Wandel und selbst ein alter Hase wie ich, der das Ganze seit 25 Jahren macht, muss sich immer umstellen. Das grundsätzliche Einmaleins von Bankenseite hat sich natürlich nicht geändert, aber die Transaktionsfinanzierung wird grundsätzlich stetig flexibilisiert. Wir beobachten zum Beispiel, dass eine Ergänzung des Fremdkapitals durch Mezzanine-Kapital oder eine Teilfinanzierung aus den Assets immer intensiver angenommen wird.

Unternehmeredition: Wie sehen bei der Begleitung von M&A-Transaktionen Ihre Angebote und Möglichkeiten aus?
Haedke: Wir bieten unseren Kunden Transaktionssicherheit, da wir auch sehr hohe Beträge außerhalb der Bankenwelt schnell zwischenfinanzieren können. Davon abgesehen beraten wir Kunden, wie sie ihre Rendite erhöhen können durch größere Hebel sowie die Refinanzierung durch Assets aus dem Target. Grundsätzlich übernehmen wir die Erstellung einer marktgerechten Finanzierungsstruktur, mit der wir an Banken und sonstige Finanzierungspartner herantreten. Oft ist es notwendig, nicht nur auf den Beitrag einer (Haus-)Bank abzustellen, sondern auch andere Partner einzubinden – insbesondere Mezzanine und Debt Fonds. So können wir dem Kunden relativ schnell mitteilen, welche Struktur und letzten Endes welcher Kaufpreis wahrscheinlich finanzierbar ist (ohne sich schon beim Verkäufer festgelegt zu haben).

Unternehmeredition: Hilfreich wäre vielleicht auch ein relativ aktuelles Beispiel für eine M&A-Transaktion.
Haedke: Wir konnten bei der Übernahme einer Druckgesellschaft sowohl mit Sale and Lease back als auch Factoring Teile des Kaufpreises refinanzieren und über einen Fonds den Kaufpreis zwischenfinanzieren. Final wurde der Hauptbetrag dann sehr günstig auf eine Bank umfinanziert. Wichtig war zu Beginn, schnell Transaktionssicherheit zu haben. Das konnten wir durch unsere Strukturierung gewährleisten. Parallel haben wir die weiteren Schritte vorbereitet und zügig umgesetzt.

Herr Haedke, vielen Dank für die spannenden Einblicke.


ZUR PERSON

Joachim Haedke ist Geschäftsführer der Finanzierung.com GmbH und Experte im Bereich Corporate Finance. Schwerpunte seiner Tätigkeit sind die Neustrukturierung von Bilanzen durch alternative Finanzierungen sowie Eigenkapitalbeschaffung im Zusammenhang von Börsengängen.

 

 

 

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