BayBG: „Es ist viel los am Markt für Transaktionsfinanzierungen“

Corporate Finance nach Corona – die Serie, Teil 15

Corona
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Lockdown – dann vermeintliche Entspannung und nun wieder Lockdown – die Unternehmen in Deutschland haben es seit einem Jahr nicht leicht. Der Staat eilt zwar mit einem Unterstützungsprogramm nach dem anderen zu Hilfe, aber trotzdem wird es immer schwieriger, eine passende Finanzierung zu finden. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Sektor? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragt erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Peter Herreiner, Geschäftsführer der BayBG Bayerischen Beteiligungsgesellschaft, im Gespräch mit Alexander Görbing.

Unternehmeredition: Im Frühjahr 2020 beim ersten Lockdown in Deutschland und Europa ist der M&A-Markt praktisch zum Stillstand gekommen. Diese Pause dauerte aber nicht lange und die Interessenten sind wieder am Markt unterwegs. Wie erklären Sie sich dieses beinahe paradoxe Verhalten angesichts einer weltweiten Wirtschaftskrise?

Peter Herreiner: Ich sehe das nicht direkt als paradox – das zeigt auch seit einem knappen Jahr die stark vergleichbare Entwicklung an den Börsen. Es gab sicher anfangs eine enorme Unsicherheit am Markt in der ersten Phase des harten Lockdowns. Erinnerungen an die Finanzkrise 2009 wurden wach und die Negativnachrichten wollten kein Ende nehmen. Die meisten Investoren wollten einfach nicht in das sprichwörtliche „fallende Messer“ fassen. Aber mit dem Frühsommer und sinkenden Inzidenzen besserte sich die Stimmung in der Wirtschaft und bei den Investoren wurde das normale Geschäft wieder aufgenommen. Spätestens seitdem absehbar war, dass es Impfstoffe geben würde, richtete sich der Blick wieder auf die Post-Corona-Opportunitäten. Gleichzeitig hat in so einer außergewöhnlichen und disruptiven Lage wie zum Beginn der Corona-Pandemie der eine oder andere auf ein Schnäppchen gehofft. Das schnelle Wiederanspringen der Transaktionen hat letztlich auch damit zu tun, dass durch das Quantitive Easing-Programm (Qe-Programm) der EZB mit nie dagewesenen Anleihekäufen eine große Liquidität am Markt ist und bei vielen Akteuren enormer Anlagedruck herrscht.

Unternehmeredition: In welchen Branchen – insbesondere in Deutschland – lohnt sich aus Ihrer Sicht gerade ein Investment? Gibt es aktuell Segmente, in denen das Interesse zu groß ist und die Preise überdurchschnittlich steigen?

Herreiner: Die Bewertungen sind in vielen Bereichen eher hoch, aber viele Investoren haben aufgrund der unsicheren Lage ihr Return-Erwartungen abgesenkt. Ich sehe eine Dreiteilung des Marktes – auch in Deutschland. Es gibt Branchen wie Tourismus und Event, die stark unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie leiden. Andere Gruppen von Unternehmen – insbesondere aus der Digitalwirtschaft und Plattformen – profitieren gerade von der Lage. Die größte Gruppe der Firmen in Deutschland spürt zwar leichte Auswirkungen – kommt aber im Großen und Ganzen gut zurecht.

Bei einem anstehenden Investment ist es derzeit nicht in jedem Fall leicht zu erkennen, welche Auswirkungen auf das Geschäftsmodell nachhaltig sind und welche auf einem Sondereffekt von Corona beruhen. Das ist derzeit oft die Kernfrage. Und hier besteht für Investoren durchaus die Gefahr, dass überzahlt wird. Auch Investments in Unternehmen aus Krisen-Branchen können sich lohnen – wir müssen nur genau hinschauen.

Unternehmeredition: Sehen Sie eine Änderung der Finanzierungsmöglichkeiten für M&A-Deals? Sind die Banken auf dem Rückzug und übernehmen Debt-Funds (demnächst) das Kommando?

Herreiner: Auf dem Markt für Transaktionsfinanzierungen ist gerade viel los. Wir erleben neue Akteure auf dem Markt und der Prozess der Aufteilung des Marktes ist sicher noch nicht abgeschlossen. Regulatorische Maßnahmen der Vergangenheit haben dazu geführt, dass Banken in vielerlei Hinsicht weniger beweglich sind. In diese Lücke sind neue Akteure gesprungen. Vielleicht werden die Finanzierungen durch Debt-Fonds auch noch günstiger – das wird man sehen. Inwieweit sich neue Finanzierungsformen durchsetzen, kann man – denke ich – auch immer erst nach einiger Zeit beurteilen. Ich möchte z.B. daran erinnern, dass vor ein paar Jahren Mittelstandsanleihen als der Königsweg galten. Dieser Trend hat sich aber nicht verstetigt.

Unternehmeredition: Wie ist das Jahr 2020 im Private Equity-Investment-Bereich für Ihr Unternehmen gelaufen und wie schätzen Sie den Verlauf im Jahr 2021 ein?

Herreiner: Im vergangenen Jahr stand zuerst die die Stabilisierung unserer Portfolio-Unternehmen, die mit rund 50.000 Mitarbeitenden jährlich 11 Mrd. EUR umsetzen, im Vordergrund. Unabhängig davon haben wir 34,5 Mio. EUR neu investiert. Obwohl unternehmerische Expansionsvorhaben zum Teil zurückgestellt werden mussten, haben wir erneut 16,2 Mio. EUR allein in Wachstumsmaßnahmen von mittelständischen Unternehmen investiert. Bei Projekten einer familienexternen Nachfolge oder einer Vermögensdiversifikation investierten wir 4,4 Mio. EUR. Im ersten Halbjahr unseres laufenden Geschäftsjahrs 20/21 haben wir diesen Wert bereits übertroffen, das macht uns für das gesamte Jahr sehr optimistisch.

Unternehmeredition: Gibt es einen verstärkten Trend zu „langfristigen Investments“, um nicht mehr zeitlich durch die Fondslaufzeit gebunden zu sein? Wird das die Branche ändern?

Herreiner: Eine langfristige Beteiligung war schon immer ein gutes Argument, wenn es um verschiedene Formen eines Investments geht. Der Schwerpunkt unserer Investments sind Minderheitsbeteiligungen und/oder Mezzanine-Finanzierungen in Form einer stillen Beteiligung. Beide sind von Natur aus eher langfristig angelegt. Da die BayBG als eine Art „Evergreen-Fonds“ konzipiert ist, unterliegen wir generell keinem Exitdruck. Nun kommen andere Investmentgesellschaften auch auf diese Idee – damit können wir umgehen. Fonds hatten in der Vergangenheit immer schon Verlängerungsoptionen und ich rechne damit, dass  Investmentfonds auch weiterhin als wichtige Akteure am Markt aktiv bleiben werden.

Unternehmeredition: Glauben Sie, dass Firmeninhaber in Deutschland inzwischen aufgeschlossener sind, einen „fremden“ Investor mit an Bord zu holen? Ist hier die Skepsis zurückgegangen?

Herreiner: Nicht jeder Investor ist gleich. Es gibt vor allem verschiedene Methoden im Umgang mit dem Unternehmen, in das investiert wird. Wir haben uns vorgenommen, diese Firmen möglichst ungestört arbeiten zu lassen. Das gilt bei uns sowohl bei etablierten Unternehmen als auch bei Start-ups. Dafür braucht es aber ein sehr solides Vertrauen in das Management. Unabhängig davon unterstützen wir die Unternehmen mit unserem Know-how und unserem über fünf Jahrzehnte gewachsenen  Netzwerk.

Unternehmeredition: Warum kommt es gut an, wenn ein Start-up eine Series-A-Finanzierung erhält – es gibt aber hochgezogene Augenbrauen, wenn ein PE-Investor in ein mittelständisches Unternehmen einsteigt?

Herreiner: „Mein Unternehmen gehört mir“ – unter diesem Motto der traditionellen deutschen Mittelstandskultur, stieß Private Equity in der Vergangenheit regelmäßig auf Widerstände. Inzwischen – es wächst eine neue Unternehmergeneration nach – erkennen aber viele Unternehmen, dass ein weiterer Investor mit zusätzlichem Kapital neue Chancen und Zukunftsperspektiven eröffnet. Kurz, ich stelle in vielen Gesprächen immer wieder fest, dass das Ansehen der Private-Equity-Branche auf breiter Front kontinuierlich besser wird. Trotzdem haben wir noch ein gutes Stück Weg vor uns. Das ist eine gemeinsame Aufgabe für alle Investmentgesellschaften.


ZUR PERSON

Peter Herreiner
Peter Herreiner Foto: BayBG

Peter Herreiner ist seit Februar 2021 Geschäftsführer der BayBG Bayerische Beteiligungsgesellschaft. Herreiner besitzt eine jahrzehntelange Erfahrung in allen Bereichen des Finanzierungs- und  Beteiligungsgeschäfts im Corporate- und Investment-Banking. Für die BayBG war er bereits seit 2017 als stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat tätig. Der Dipl.-Ökonom war zuletzt Leiter des Firmenkundengeschäfts Südbayern der HVB-„UnternehmerBank“.

 

 


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