Corporate Finance nach Corona – die Serie, Teil 8

Hannover Finanz: „Die Wolken verziehen sich langsam“

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den M&A-Sektor?
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Spätestens seit März war die deutsche Wirtschaft im Würgegriff der Corona-Pandemie. International vernetzte Firmen spürten die Auswirkungen bereits seit den ersten drastischen Maßnahmen in China zum Jahresbeginn. Seit Mai nun bahnt sich eine Lockerung an. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Sektor? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragte einige erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Im Gespräch mit Goetz Hertz-Eichenrode.

Die Zukunft der deutschen Wirtschaft wird von der aktuellen Coronapandemie bestimmt. Von dem Verlauf der Krise und der Dauer bis zum vollständigen Hochfahren hängt ab, wie stark die Auswirkungen auf die Unternehmenslandschaft sein werden. „Mit dem Stand von heute haben Politik und Verbände in Deutschland gut und beherzt auf diese Krise reagiert. Manchmal ging es vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus“, erklärt Goetz Hertz-Eichenrode, Geschäftsführer der HANNOVER Finanz GmbH zu den beschlossenen Hilfspaketen. Besonders hohe Erwartungen habe er an den Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF), der mit einem Volumen von 600 Mrd. EUR mittlerweile gestartet wurde. Dennoch geht Hertz-Eichenrode davon aus, dass nicht alle Unternehmen von den Hilfen erreicht werden: „Es wird eine Lücke bleiben und einige Betriebe fallen unverschuldet durch die Maschen“. Insgesamt sei das Working Capital stark gesunken durch die Auswirkungen der Corona-Krise.

„Die Wolken verziehen sich so langsam“

Der Wiederaufbau des Geschäfts dürfte für viele Betriebe eine schwierige Aufgabe werden und viel Geld kosten. Eine größere Zahl von Insolvenzen sei zu erwarten, wenn diesen Unternehmen im Prozess des Neustarts das Geld ausgeht. Beim eigenen Portfolio ist Hertz-Eichenrode recht guter Dinge: „Die Banken waren kooperativ. Wir haben in einigen Fällen auch die Linien ausweiten können.“ In einigen Fällen habe man auch KfW-Kredite in Anspruch genommen. Die Abwicklung sei aber nicht einfach gewesen, denn die Frage der Risikoverteilung musste geklärt werden. Rückblickend würde er in Zukunft eher ausschließlich das Gespräch mit der jeweiligen Hausbank suchen. Eine Lehre für die Zukunft sei, dass Unternehmen mehr vorsorgen: „Der Worst-Case muss meiner Meinung nach durchfinanziert sein“.

Insgesamt sei zu erkennen, dass „sich die Wolken so langsam verziehen“. Auch in den Gesprächen mit Banken habe sich gezeigt, dass diese wieder etwas mutiger werden. Mitten in der Krise hat die HANNOVER Finanz sogar eine Akquisition vorgenommen. „Wir sind weiter auf der Suche und führen Gespräche“, sagt Hertz-Eichenrode. Die Coronakrise hat nach einer Ansicht unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Branchen und damit auch auf die zu erwartenden Unternehmenswerte bei möglichen Verkäufen.  Als „Krisenprofiteure“ sieht Hertz-Eichenrode die Bereiche E-Commerce, Software und Digitalisierung. Eine Sonderkonjunktur würden derzeit unter anderem Fahrradhersteller oder auch Lieferanten von Chemikalien erleben. Das werde aber vermutlich wieder nachlassen. In anderen Sektoren habe die Coronakrise die vorher schon vorhandenen massiven strukturellen Probleme verstärkt. Dies gelte unter anderem für die Bereiche Automotive, stationärer Einzelhandel, Mode sowie die Zulieferer von Luftfahrtunternehmen. In vielen anderen Branchen seien viele – ursprünglich gesunde – Unternehmen massiv betroffen. Hier sollten mögliche Käufer warten, bis der Markt wieder anspringt, um die Zukunftsaussichten besser beurteilen zu können.

Teilweise gibt es Corona-Premium-Aufschläge

In der Vergangenheit sei das Preisniveau im M&A-Bereich etwas zu hoch gewesen. Die zukünftige Entwicklung der Preise hänge von der jeweiligen Branche ab. „Wir sehen inzwischen sogar ´Corona-Premium-Aufschläge´ bei Unternehmen, die die Krise besonders gut gemeistert haben“, wundert sich Hertz-Eichenrode. Es sei unverändert viel Geld im Markt unterwegs, das nach Anlagemöglichkeiten sucht. Grundsätzlich rechnet er aber damit, dass sich die Spreu vom Weizen trennen werde. Bei Automotive würden die Preise beispielsweise mit hoher Wahrscheinlichkeit sinken. In anderen Industriebereichen komme es auf die Branchen und die wirtschaftliche Lage des Unternehmens an.  Grundsätzlich sei aber damit zu rechnen, dass es in der Zukunft variablere Transaktionsstrukturen geben wird. Als Möglichkeiten sieht Hertz-Eichenrode beispielsweise variable Kaufpreisbestandteile oder größere Rückbeteiligungen seitens der Unternehmensinhaber. „Ich denke zudem, dass sich Unternehmensverkäufer in Zukunft mehr aufhübschen müssen – der Markt hat sich gewandelt“, fügt er an.

Corona als Digitalisierungs-Motor

In der Zeit der Pandemie seien einige Projekte viel schneller abgeschlossen worden, als man es im eigenen Team erwartet habe. In dieser Zeit habe sich eine erstaunliche Dynamik entwickelt. Beinahe scherzhaft meint Hertz-Eichenrode: „Die Fortschritte in der Digitalisierung haben nicht der CEO oder der CIO, sondern Corona gebracht“. Videokonferenzen und Home-Office würden zukünftig in die normalen Arbeitsroutinen integriert. Aber der persönliche Kontakt könne nicht 100%ig durch digitale Medien ersetzt werden, denn das Zwischenmenschliche gehe komplett verloren. Eine der Lehren aus der Coronapandemie ist für den Manager die Notwendigkeit, mit hohem Druck an den Themen Breitbandausbau, Digitalisierung und EDV in Schulen zu arbeiten. Es gelte, nicht den Anschluss zu verlieren.


ZUR PERSON

Goetz Hertz-Eichenrode ist Vorstandssprecher der HANNOVER Finanz Gruppe und führt die Beteiligungsgesellschaft mit Standorten in Hannover und Wien in zweiter Generation. Er gehört dem Vorstand des von seinem Vater mitgegründeten Private-Equity-Hauses seit 2009 an. Von 2007 bis 2009 arbeitete er für die Alpha Gruppe, eine europäische Private- Equity-Gesellschaft. Zuvor war er bei Deloitte & Touche in den Bereichen Wirtschaftsprüfung und Transaction Services tätig. www.hannoverfinanz.de


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