Corporate Finance nach Corona – die Serie, Teil 6

Ebner Stolz: „Wir bemerken in unseren Gesprächen ein hohes Maß an Kreativität bei den Unternehmen“

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den M&A-Sektor?
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Spätestens seit März war die deutsche Wirtschaft im Würgegriff der Corona-Pandemie. International vernetzte Firmen spürten die Auswirkungen bereits seit den ersten drastischen Maßnahmen in China zum Jahresbeginn. Seit Mai nun bahnt sich nun eine Lockerung an. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Sektor? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragte einige erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Im Gespräch mit Michael Euchner.

Die Unternehmen in Deutschland versuchen nach den Ausgangs- und Produktionsbeschränkungen wieder zur Normalität zurück zu kommen. „Wie gut das gelingt, hängt jedoch stark von der Branche ab. Im Handel sehen wir seine solche Erholung noch nicht“, erklärt Michael Euchner, Partner bei der Unternehmensberatung Ebner Stolz Management Consultants in Stuttgart. Auch die Automobilindustrie leide unter einer deutlichen Kaufzurückhaltung. In diesem Sektor müsse es sich zeigen, ob die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer eine spürbare Wirkung entfalten kann. Nach Ansicht von Euchner sind zudem Tourismus und Gastgewerbe weiterhin im Krisenmodus. Hier zeichne sich bisher kaum eine Besserung ab.

Unternehmen haben sehr kreativ reagiert

Der Neustart in den Unternehmen habe zuerst einen erheblichen organisatorischen Aufwand mit sich gebracht. Die Einhaltung von Hygiene-Vorschriften und Abstandsgeboten sowie die Gewährleistung der gesundheitlichen Sicherheit von Mitarbeitern und Kunden stellten die Betriebe vor große Aufgaben. „Daneben bemerken wir in unseren Gesprächen ein hohes Maß an Kreativität bei den Unternehmen, um mit der Sondersituation zu Recht zu kommen. Das beginnt bei der Umstellung des Produktportfolios auf medizinische Hilfsmittel wie Masken oder Beatmungsgeräte sowie innovative Angebote und reicht bis zu cleveren Akquisitionsideen oder Customer-Relationship-Maßnahmen“, sagt Euchner. Diese Innovationskraft sieht er als solide Basis für ein mittelfristiges Erstarken der Wirtschaft in vielen Sektoren.

 Es stellt sich aber die Frage, welche Branchen die besten Aussichten auf eine Erholung haben. „Die IT-Industrie dürfte sehr stark von der weiteren Digitalisierung profitieren. Das gilt aus meiner Sicht für die ganze ITK-Branche“, prognostiziert Euchner. Auch die klassischen Energie- und Versorgungsthemen seien trotz der Krise unverändert gefragt. Gewinner und Verlierer sind im Schaubild gut ersichtlich.

Corporate Finance nach Corona
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf verschiedene Wirtschaftsbereiche. Quelle und © Ebner Stolz Management Consultants

Beantragung der KfW-Darlehen war oftmals kompliziert

„Ein großer Teil unserer Mandanten hat sich schnell um KfW-Kredite bemüht. Das Procedere bei Antragsstellung und den erforderlichen Unterlagen war nicht immer ganz transparent. Gerade zu Beginn der Krise waren die Voraussetzungen noch in ständigem Fluss, was den Aufwand stark erhöht hat“, sagt Euchner. Zu klären waren unter anderem die Kriterien, welche Unternehmen überhaupt Anträge stellen dürfen. Unklar war zudem die Frage, ob ein Unternehmen nicht schon vor der Corona-Krise in Problemen steckte. Schließlich musste mit den Beteiligten auch geklärt werden, was im Rahmen eines solchen Kredites überhaupt finanziert werden darf: Investitionen, Vorräte, Verluste?

Preise für M&A-Transaktionen werden sinken

Die Nachfrage nach Unternehmen wird nach Ansicht von Euchner weiter sinken: „Wir gehen von sinkenden Kaufpreisen aus. Natürlich gibt es noch immer viel Liquidität und Investoren im Markt, so dass es nicht zu einem Abrutschen kommt. Aber die Kaufpreise werden niedriger ausfallen“. Auch bei den Fällen von Distressed M&A dürfte sich die Preisspirale eher rückwärts drehen. Dies werde auch dafür sorgen, dass die Überhitzung in verschiedenen Branchen und Segmenten nachlässt.

Je nach Situation im Unternehmen kann es aber auch in der aktuellen Lage sinnvoll sein, einen Verkaufsprozess zu starten. „Es kommt in erster Linie auf den Anlass an. Wenn es um eine ungelöste Nachfolge oder Krisensituationen geht, duldet das eigentlich keinen Aufschub. Natürlich will niemand etwas verschenken, aber in bestimmten Fällen stellt man auch die Existenz des ganzen Unternehmens in Frage, wenn interne Nachfolger nicht vorhanden sind oder eine Ertrags- oder Liquiditätskrise droht“, sagt Euchner. Dann komme auch nicht immer auf den letzten Euro Verkaufserlös, sondern auf eine solide und langfristige Lösung an. In bestimmten Fällen mache aber ein Abwarten eines geplanten M&A-Prozesses Sinn. Eine Beurteilung im Vorfeld sei aber tatsächlich schwierig und daher sei es ratsam, mit ein paar potenziellen Investoren zu sprechen.

 Corona-Pandemie übertrifft die Finanzkrise

„Die Finanzkrise 2008 / 2009 war eine reine ´Geld-Krise´ des Finanzsektors. Mit Hilfe von Überbrückungen und Anreizen konnte man das Tal schnell überwinden und es waren auch nur bestimmte Branchen betroffen. Wir haben heute ein Gesundheitsproblem. Das stellt fast alle Unternehmen vor logistische und organisatorische Herausforderungen“, sagt Euchner. Unternehmen hätten derzeit große Schwierigkeiten ihre Kunden physisch zu erreichen. Dies stelle die Betriebe vor bisher unbekannte Probleme, die erst mittelfristig zu lösen sein werden. Hinzu kommt eine Kaufzurückhaltung in vielen Bereichen, die die Ertragslage weiter belastet.


ZUR PERSON

Porträt Michal Euchner

Michael Euchner ist Partner der Ebner Stolz Management Consultants in Stuttgart. Seine Tätigkeitschwerpunkte liegen in den Bereichen Cor­po­rate Finance, M&A/Trans­ak­ti­ons­be­ra­tung, Distres­sed M&A sowie Busi­ness­pla­nung. www.ebnerstolz.de

 


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