Private Debt: Die alternative Finanzierungslösung
Private Debt als alternative Finanzierungslösung

Nach Jahren des Booms mit vollen Auftragsbüchern und ausgelasteten Produktionen müssen sich die deutschen Mittelständler mit der COVID-19-Krise neuen Herausforderungen stellen. Durch den radikalen Lockdown sind innerhalb kürzester Zeit auch viele gesunde Unternehmen unverschuldet in eine bedrohliche Lage geraten. Die Politik hat reagiert und ein umfangreiches staatliches Hilfspaket verabschiedet – damit konnte Zeit gewonnen werden. Nun aber stellt sich die Frage, wie nachhaltige Finanzierungslösungen in der neuen (Post-)Corona-Welt aussehen können. VON KNUD DIPPEL

Das klassische mittelständische Unternehmen in Deutschland finanzierte sich seit Jahrzehnten typischerweise über seine Hausbank. Doch bereits vor der Coronapandemie haben sich die Parameter für den Bankensektor bedingt durch die Folgen der Finanzkrise sukzessive verändert. Insbesondere die durch Basel III und Basel IV gestiegenen Kernkapitalanforderungen haben bei zahlreichen Kreditinstituten zu einer selektiveren Kreditvergabe geführt.

Diese Entwicklung wirkt sich nicht nur auf neue, sondern vor allem auch auf bestehende Kreditengagements negativ aus. Sobald sich die wirtschaftlichen Rahmendaten eines Unternehmens und damit das Risikoniveau – sprich: Rating – verschlechtern, muss wesentlich restriktiver vorgegangen werden. Schnell finden sich Unternehmen dann in der Betreuung durch bankinterne Sanierungs- beziehungsweise Abwicklungsabteilungen mit limitiertem wirtschaftlichen Handlungsspielraum und klaren Prozessvorgaben wieder – Abteilungen, in denen das Personal während der letzten Boomphase aufgrund von Sparmaßnahmen reduziert wurde. Da nun davon ausgegangen werden kann, dass sich als Folge der aktuellen Krise die Unternehmensergebnisse und entsprechend die Bonitäten auf breiter Front negativ entwickeln werden, wird das oben genannte Dilemma der Banken virulent.

Handlungsalternativen von klassischen Finanzierern in der Krise

Ausfallgefährdete Kreditengagements können jetzt aufgrund der fehlenden Spezialisten nur noch standardisiert abgebaut werden. Dabei sind Refinanzierungen durch andere Banken nur in den seltensten Fällen möglich, da sich gerade in Situationen, in denen mehrere Bankpartner involviert sind, meist wenige „unbelastete“ Kreditinstitute am Markt finden. Selbst wenn ein Institut wirtschaftlich grundsätzlich gewillt wäre, als neuer Finanzierungspartner einzusteigen, so unterläge auch dieses den bereits genannten Restriktionen.

In aussichtslosen Situationen liegt es für die meisten Banken daher folgerichtig auf der Hand, die Anteile am Unternehmen aus einer doppelnützigen Treuhand heraus zu veräußern, um ihre Forderungen zu sichern. Im Rahmen eines strukturierten M&A-Prozesses bietet die Aufnahme eines neuen Gesellschafters zahlreiche Potenziale zur Stabilisierung des Unternehmens, ohne dass die Bank selbst in besonderem Maße aktiv werden muss. Dabei geht es oft um frisches Kapital oder weitere Managementkapazitäten.

Somit scheint ein M&A-Prozess bei krisenbehafteten Unternehmen auf den ersten Blick das Allheilmittel zu sein. Dem steht jedoch das Ideal des Familienunternehmers entgegen, sein Unternehmen an die nächste Generation statt an einen Konkurrenten weiterzugeben.
Zumal in solchen Distressed-M&A-Prozessen nur selten Höchstpreise erzielt werden können. Vielmehr werden hierbei meist nur die Banken befriedigt – für die Alteigentümer bleibt hingegen wenig bis gar nichts übrig. Vermögen, Renommee und unternehmerisches Lebenswerk sind für die Familie in den meisten Fällen verloren: der Alptraum des eigentümergeführten Mittelständlers.

Struktur'des'Kreditmarkts'in'Deutschland
Quelle: Patrimonium Asset Management AG

Alternative Finanzierung durch Private Debt-Fonds

Zu diesem Szenario existiert allerdings eine Alternative, nämlich Private Debt – eine Kreditfinanzierungsform, die in der Regel von professionellen Investoren, zum Beispiel Fondsgesellschaften, angeboten wird. Dabei wird meist institutionelles Kapital in klassischen Fondsstrukturen gebündelt und durch spezialisierte Assetmanager verwaltet. Sie übernehmen die Auswahl und Strukturierung der Finanzierungen übernehmen und stellen eine risikoadjustierte Bepreisung sicher. Diese Fonds sind nicht unreguliert, sondern unterstehen einer Vielzahl unterschiedlicher regulatorischer Regimes.

Private Debt eignet sich grundsätzlich sowohl zur kurzfristigen Sicherstellung der Liquidität als auch zur mittel- und langfristigen Unternehmensfinanzierung und hat sich über Jahre hinweg am Markt bewährt. Folgende Merkmale von Private Debt erweisen sich insbesondere in Sonder- und Krisensituationen als Erfolgsfaktoren:

Resistenz

Im Gegensatz zu Banken, die vor allem von kurzfristigen Einlagen abhängen, machen die Investoren der geschlossenen Private Debt-Fonds ihre Zusagen bis zum Ende der Fondslaufzeit. In einer zwischenzeitlichen Krise können sie ihr Kapital daher nicht plötzlich
zurückverlangen. Dementsprechend können Kreditfonds antizyklisch agieren und den mittelständischen Unternehmen „geduldiges“ Kapital zur Verfügung stellen.

Freiheit

Anders als beim M&A-Prozess können sich Unternehmenseigner bei Private Debt-Finanzierungen ihren Handlungsspielraum langfristig sichern, ohne Anteile oder Kontrolle über das Unternehmen abgeben zu müssen.

Ratingunabhängigkeit

Private Debt-Fonds können im Gegensatz zu Kreditinstituten ratingunabhängig agieren. Dies erweist sich insbesondere bei exogenen Marktverwerfungen, bei denen quantitative Ratingmodelle limitiert sind, als vorteilhaft. Debt-Fonds haben schließlich die Möglichkeit, sowohl qualitative als auch quantitative Kriterien in ihre Kreditentscheidung miteinzubeziehen, was eine individuellere und ganzheitliche Beurteilung ermöglicht. Beispielsweise können sie Eigentümerstrukturen, Erfahrungswerte des Managements sowie vorhandene Sicherheiten stärker berücksichtigen.

Individualität

Da Debt-Fonds kein standardisiertes Kreditgeschäft betreiben, sondern Finanzierungsanfragen einzelfallbezogen und unternehmerisch bewerten, können sie maßgeschneiderte Finanzierungsstrukturen implementieren. Dies spiegelt sich dann in einer individuell mit dem Unternehmen abgestimmten Vertragsdokumentation wider, welche die situationsspezifischen Gegebenheiten berücksichtigt.

Flexibilität

Verglichen mit klassischen Finanzierern können Private Debt-Fonds mit umfangreicheren Gestaltungsoptionen arbeiten, da sie einer differenzierteren regulatorischen Betrachtung unterliegen. Dies ermöglicht vor allem in komplexen Krisensituationen einen flexibleren Handlungsspielraum. So ist es Debt-Fonds zum Beispiel bei coronabedingten Krisensituationen möglich, insbesondere Fresh Money-Finanzierungen ohne Vorlage eines Sanierungs-/IDW- S6-Gutachtens schnell umzusetzen.

Geschwindigkeit

Zusammen mit den oben genannten Punkten ermöglicht eine agile Organisationsform mit flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswegen aufseiten der Private Debt-Fonds zeitnahe Entscheidungen und eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit – Faktoren, die in Krisensituationen über den Fortbestand des Unternehmens und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit entscheiden können. Häufig vergehen bei Debt-Fonds vom Erstkontakt bis zur Auszahlung nur circa sechs Wochen. Darüber hinaus können spezialisierte Debt-Fonds auch im Rahmen von Insolvenzszenarien kurzfristig geeignete Finanzierungsinstrumente, zum Beispiel Massedarlehen, zur Verfügung stellen, um eine Fortführung des Betriebs sicherzustellen.

FAZIT

Auch wenn die COVID-19-Krise sogar jeweils die Öl- und Finanzkrise in den Schatten zu stellen scheint, bedeutet sie nicht das Ende der Welt. Für Unternehmer ist jetzt der Zugang zu nachhaltigen und unternehmerischen Finanzierungslösungen der kritische Erfolgsfaktor
zur Sicherstellung der Zukunftsfähigkeit. Debt-Fonds, die sich auf Sondersituationen spezialisiert haben und über Krisenerfahrung verfügen, können dabei ein besonders wertvoller Partner sein.


ZUR PERSON

Porträt Knud Dippel

Knud Dippel ist Director Private Debt und betreut bei Patrimonium den Bereich Mittelstandsfinanzierung in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Hierbei verantwortet er den gesamten Investmentprozess mit Fokus auf die Auswahl und Strukturierung von neuen Investments. www.patrimonium.ch