Skepsis gegenüber dem Massenkredit

Crowdlending gilt als schicke Alternative zum Kredit bei der Hausbank. Vor allem Technologiefirmen finden hier Geldgeber. Doch der Markt kommt nur schwer in Gang. Mittelständler tingeln immer noch lieber zur Hausbank. Dabei können Mischformen der Kreditfinanzierung durchaus sinnvoll sein.

Ein Hersteller aus Hessen hat das verstanden: Die 1985 gegründete Firma Stehr Baumaschinen produziert und vertreibt Spezialgeräte für den Straßenbau. Für eines der Firmenpatente ist die Auftragslage besonders gut. Allerdings fehlten Mittel, Produktionskosten für den neuen Plattenverdichter aus dem Cashflow zu stemmen. Statt der gesamten Summe über 750.000 Euro streckte die Bank nur einen Teil vor. Um die restlichen 250.000 Euro zusammenzubekommen, setzte Stehr ebenfalls auf private Investoren. Was genau die Maschine kann, fanden Anleger online. Binnen drei Tagen griffen sie zu. Die Produktion kann starten.

Plattenverdichter von Stehr: Ein Massenkredit half bei der Finanzierung.
Plattenverdichter von Stehr: Ein Massenkredit half bei der Finanzierung.

Ob der Kredit nebst 5,25 Prozent Zinsen bis in vier Jahren vollständig zurückbezahlt ist, bleibt offen. Kapilendo-Gründer Grätz hat bei mehr als 30 Projekten bisher einen Ausfall. Glück im Unglück: Nur die letzten zwei Raten sind ausgefallen. Die Anleger haben die Hälfte ihres Investments zurückbekommen. Deshalb dürfen nur maximal 10.000 Euro pro Investor und Projekt über den Tisch gehen. KPMG-Beraterin Pitter ist sich sicher, dass die Entwicklung des Crowdlendings unter Beobachtung steht: „Die BaFin wird genau hinschauen, wie das alternativ kreditierte Volumen wächst.“ Es werde demnächst Vorgaben geben, weiß die Fachfrau. So wie in China. Dort haben Behörden Regeln definiert und bei Nichteinhaltung kurzerhand Fintechs geschlossen. 500 von etwa 4000 Plattformen hat es erwischt. Pitter sieht es für Europa nicht ganz so dramatisch. „Die EU will ein funktionierendes Spielfeld erhalten“, sagt sie. Dieses könnte dann auch für Mittelständler zunehmend interessant sein.

 


So läuft der Ratingprozess beim Crowdlending

Auch FinTechs prüfen Kennzahlen und beurteilen Bonitäten. Bei Kapilendo etwa sehen die Kriterien so aus:

  1. Im ersten Schritt des Ratingprozesses ziehen die Plattformen Daten von Wirtschaftsauskunfteien und wollen Informationen zum jeweiligen Unternehmen und Eigentümer. Darunter fallen Schufa-Auskunft sowie Laufzeiten bestehender Darlehen. Daneben Makrodaten zur Branche der Firmen, Ausfallraten oder Gefahren saisonaler Schwankungen.
  2. Anschließend analysieren Ratingteams die Qualität der Kreditnehmer, dabei blicken die Experten auf Branche, Marktposition und Finanzkennzahlen. Ausgewertet werden Jahresabschlüsse, BWAs und Bankenspiegel. Außerdem prüfen die Rater Liquidität, Verschuldungsgrad und den Kapitalfluss des Unternehmens. Die erhobenen Daten ergänzen die Infos der Wirtschaftsauskunfteien und werden für einen Rückvergleich (Backtesting) genutzt.
  3. Das Ergebnis dieser Kreditanalyse ergibt das Rating für den Kreditnehmer. Bei einer positiven Auswertung legen die Kreditvermittler den maximalen Kreditbetrag und die Laufzeit des Finanzierungsprojektes fest. Final werden das Rating sowie die Daten über die Ausfallraten in Korrelation zueinander gestellt. Diese Auswertung dient der Ermittlung des Kreditrisikos mit dem dazugehörigen Zins.

Hier finden Sie einen Marktcheck zu ausgewählten Crowdlending-Plattformen