Mehrfachinsolvenzen: warum die Extrarunde oft keine Überraschung ist

Die zweite Insolvenz kommt selten aus dem Nichts

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Ein Insolvenzverfahren löst eine Krise nicht automatisch. Es verschafft zwar Zeit, Liquidität und rechtliche Handlungsmöglichkeiten. Langfristig trägt eine Sanierung aber erst, wenn auch Geschäftsmodell, Kostenseite, Marktauftritt und Controlling konsequent überprüft werden. Wer im Verfahren nur finanziell aufräumt, kann schneller als gedacht wieder vor den gleichen Problemen stehen.

Mehrfachinsolvenzen treffen auch bekannte Namen: Nachdem ein erstes Verfahren 2023 beendet worden war, geriet etwa der Hamburger Schuhhändler Görtz letztes Jahr erneut in die Insolvenz. Auch die Einzelhandelskette Depot ist jüngst zum zweiten Mal in die Insolvenz gerutscht – bei Galeria berichtet die Presse aktuell ebenfalls, dass ein erneutes Verfahren nicht ausgeschlossen werden kann, nachdem es bekanntlich schon mehrere Vorverfahren gab. Der KFC Uerdingen 05 wurde Ende April in einem fünften Verfahren innerhalb der letzten 20 Jahre mit Hilfe eines Insolvenzplans entschuldet. Alle diese Fälle zeigen: Schafft die erste Sanierung keine tragfähige Struktur, ist die nächste Krise oft nur eine Frage der Zeit.

Denn: Eine Insolvenz kann akute finanzielle Not lindern, beseitigt aber nicht automatisch die tieferen Ursachen einer Unternehmenskrise. Werden Marktposition, Kosten, Geschäftsmodell oder Organisation nicht konsequent überprüft, bleibt der Betrieb anfällig. Die zweite Insolvenz ist dann häufig keine „neue“ Krise, sondern die Fortsetzung der alten, auch weil meist leistungswirtschaftliche Defizite bestehen, die mit den Instrumenten des Insolvenzrechts nur partiell behoben werden können.

Beim zweiten Mal schauen alle genau hin

Bei einer erneuten Insolvenz ist das Vertrauen meist schwerer aufrechtzuerhalten als beim ersten Verfahren. Gläubiger, Kunden, Lieferanten und Finanzierer wollen genau wissen: Wurde aus dem ersten Verfahren etwas gelernt? Wurden Sanierungsmaßnahmen wirklich konsequent umgesetzt? Oder wurde nach der Entschuldung einfach weitergemacht wie vorher?

Genau hier liegt der kritische Punkt: Wird das erste Insolvenzverfahren aufgehoben, wird das häufig als Abschluss der Krise (miss-)verstanden. Tatsächlich beginnt dann erst die eigentliche Umsetzung. Das Verfahren kann Altlasten ordnen, Liquidität sichern und eine Fortführung ermöglichen. Ob das Unternehmen danach tragfähig bleibt, entscheidet sich im Alltag.

Liquidität ist wichtig, aber nicht das Allheilmittel

Der zentrale Treiber von Mehrfachinsolvenzen liegt häufig in einem zu engen Verständnis von Sanierung. Viele Unternehmen konzentrieren sich darauf, kurzfristig wieder zahlungsfähig zu werden. Das ist richtig, aber nicht ausreichend. Eine Sanierung, die nur Schulden beseitigt, greift zu kurz.

Entscheidend ist, ob auch leistungswirtschaftliche Ursachen angegangen werden: Sind Produkte und Dienstleistungen noch marktfähig? Stimmen Preise und Margen? Sind Struktur und Organisation effektiv? Passen Verträge und Finanzierung noch? Funktionieren Einkauf, Vertrieb und Controlling? Sind die neuen Unternehmensziele so kommuniziert worden, dass sie auch von allen getragen werden?

Nicht Sprint sondern Ausdauerlauf

Auf die Insolvenz folgt in der Regel die Langfrist-Bewährungsprobe. Die Aufhebung des Verfahrens ist nicht das Ende der Sanierung, sondern oft erst der eigentliche Start der langfristigen Umsetzung erarbeiteter Maßnahmen. Genau hier droht die Rückkehr in alte Muster: Nach dem Verfahren wird leicht nur auf kurz- bis mittelfristig stabilisierte Umsätze geschaut, statt konsequent an den erkannten Schwachstellen zu arbeiten.

Die einmalige Insolvenz darf auch nicht als unangenehme Episode der Vergangenheit abgetan, sondern muss als wichtige Erfahrung und Chance zur strukturellen Neuordnung genutzt werden. Dazu bedarf es einer ehrlichen Analyse. Flaue Konjunktur, steigende Kosten, schwierige Finanzierung – all das können Krisenauslöser sein, sicher. Die entscheidende Frage ist jedoch sehr oft, warum das Unternehmen diesen Belastungen nicht standhalten konnte. Und ob das künftig gelingt.

Ziele setzen und Learnings kommunizieren

Deshalb ist die Nachinsolvenzphase so relevant. Notwendig sind hier weiter klare Zielvorgaben, eine belastbare Liquiditätsplanung, regelmäßiges Maßnahmencontrolling und eine offene Kommunikation mit Finanzierungspartnern, Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten. Vertrauen muss oft neu wachsen. Am besten dadurch, dass gezeigt wird, dass Ursachen verstanden und daraus etwas gelernt wurde. Insolvenz- und sanierungsrechtlich erfahrene Partner können bei dieser nicht immer einfachen Aufgabe als Sparringspartner unterstützen.

Fazit: Oberflächenreparaturen vermeiden keine Mehrfachinsolvenzen

Mehrfachinsolvenzen lassen sich nicht immer verhindern. Märkte verändern sich, große Projekte verzögern sich, geopolitische Entwicklungen stören die Lieferkette. Doch in vielen dieser Fälle sinkt das Risiko, wenn eine Sanierung nicht nur auf den schnellen finanziellen Neustart zielt, sondern strukturelle und leistungswirtschaftliche Veränderungen bewirkt. Wer dagegen nur oberflächlich ausbessert und dann weitermacht wie vorher, dreht im Zweifel ein paar Jahre oder gar Monate später eine unangenehme Extrarunde.

Autorenprofil
Thomas Ellrich
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht at 

Thomas Ellrich ist Partner bei Voigt Salus, Rechtsanwalt, Insolvenzverwalter und Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht. Seine Schwerpunkte liegen im Insolvenz- und Wirtschaftsrecht sowie in der Beratung von Unternehmen bei Sanierungen und Restrukturierungen. Ellrich studierte Rechtswissenschaften in Bonn, Köln und Lausanne und ist seit 2005 als Rechtsanwalt zugelassen; seit 2009 leitet er den Kölner und Aachener Standort der Kanzlei.

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