Das deutsch-britische Fintech iwoca hat eine neue Untersuchung zur aktuellen Finanzierungssituation im deutschen Mittelstand vorgelegt. Laut dem aktuellen KMU-Index erwarten 63% der befragten Finanzierungsexperten einen weiteren Anstieg der Firmenpleiten in den kommenden sechs Monaten. Die Befragung spiegelt die zunehmend angespannte Liquiditätslage kleiner und mittlerer Betriebe wider. Im ersten Halbjahr registrierte die Wirtschaftsauskunftei Creditreform bereits knapp 13.000 Unternehmensinsolvenzen.
Schlechte Zahlungsmoral als Insolvenztreiber
Mit 51% führen verspätete Zahlungseingänge die Liste der häufigsten Ursachen für eine Insolvenz oder Insolvenzgefährdung an. Zudem belasten Auftragsrückgänge mit 46 % und direkte Forderungsausfälle mit 42% die Unternehmen massiv. Gestiegene Materialkosten und Beschaffungskosten stellen für 35% der befragten Fachleute einen wesentlichen Risikofaktor dar. Auch ein eingeschränkter Zugang zu Bankfinanzierungen treibt die Schieflagen. Gut 26% der Experten stufen fehlende Kredite als eigenständigen Insolvenztreiber ein. Hohe Energiepreise, steigende Lohnnebenkosten und geopolitische Instabilität erhöhen den wirtschaftlichen Druck auf den Mittelstand zusätzlich.
Großbanken verschärfen die Kreditklemme im Jahresverlauf
Nach Angaben des Fintechs zieht sich der traditionelle Bankensektor weiter aus der Mittelstandsfinanzierung zurück. Aktuell bewerten 87% der Experten das Vergabeverhalten von Großbanken als zurückhaltend oder sehr zurückhaltend. Dieser Wert stieg im Vergleich zu den vorherigen Indizes spürbar an. Im Frühjahr stuften 80% der Befragten die Vergabepraxis der Großbanken als restriktiv ein. Zu Jahresbeginn lag der Anteil bei 81%. Damals meldeten 38% der Finanzierungsexperten steigende Ablehnungsquoten bei den Kreditanträgen. Die Bearbeitungszeiten bei klassischen Banken verharren weiterhin auf einem Niveau von drei bis vier Wochen.
Nachfrage verschiebt sich
Die schwierige Liquiditätslage verändert das Nachfrageverhalten der Unternehmen deutlich. Rund 44% der befragten Experten berichten von einer verstärkten Nachfrage nach ungesicherten Krediten zwischen 25.001 und 50.000 EUR. Bis dato lag der Schwerpunkt der beantragten Finanzierungen bei Beträgen zwischen 50.000 und 100.000 EUR. Gerade kleinere Volumina sind für das tägliche Cashflow-Management vieler Betriebe existenziell. Großbanken vergeben solche Summen jedoch besonders zurückhaltend. Grund dafür sind die im Verhältnis zur Kredithöhe überproportionalen Prozesskosten der etablierten Institute.
Entscheidungstempo als Auswahlkriterium
Für 82 % der befragten Fachleute ist die Schnelligkeit der Kreditentscheidung das wichtigste Auswahlkriterium ihrer Unternehmenskunden. Auch dieser Wert legte im Jahresvergleich zu. In der vorangegangenen Erhebung nannten erst 77 % der Experten das Tempo als ausschlaggebend. Als zweitwichtigstes Kriterium nennen 64 % der Befragten einen geringen Dokumentenaufwand. Frühere Erhebungen belegten bereits eine wachsende Wechselbereitschaft. Rund 35 % der Firmen binden sich nur maximal zwei Jahre an ihren Finanzpartner. Zudem vergleichen 57 % der Unternehmen lediglich zwei Angebote vor der Kreditaufnahme.
Zweigeteilter Finanzierungsmarkt
Thomas Stanner, Chief Product Officer des Vermittlers DFKP, analysierte bereits zu Jahresbeginn eine Spaltung des Marktes. Während für beste Bonitäten ausreichend Liquidität existiere, steigen die Risikoprämien für margenschwächere Firmen rasant. Daniel Möller, Teamlead Sales bei Fynbiz, bezeichnete traditionelle Banken wegen hoher Sicherheiten-Anforderungen als Nadelöhr. Zudem wandelten sich die Finanzierungsmotive im Jahresverlauf. Im Frühjahr nutzten 34% der Betriebe Kredite für das Cashflow-Management und 25% für Investitionen. Laut Capital Economics generierten iwoca-Kredite 217 Mio. EUR an Steuermehreinnahmen. Die zusätzliche Bruttowertschöpfung belief sich auf 600 Mio. EUR. Zudem entstanden durch die Finanzierungen rund 9.000 neue Arbeitsplätze.
Digitale Anbieter schließen Lücken
„Viele kleine und mittlere Unternehmen stehen vor einem Dilemma“, sagt Fabian Platzen, General Manager von iwoca Deutschland. „Sie verfügen über eine solide Auftragslage, doch gerade Zahlungsausfälle von Dritten lassen sich kaum planen oder vorhersehen.“ „Ihr Problem ist kein betriebliches, sondern ein zeitliches“, betont Platzen weiter. „Das Geld steckt in offenen Forderungen fest, während laufende Kosten weiterlaufen. Wer in einer solchen Lage schnell zusätzliche Liquidität braucht, kann nicht mehrere Wochen auf eine Bankzusage warten.“ Digitale Plattformen entscheiden oft innerhalb weniger Minuten und zahlen Kredite noch am selben Tag aus. Damit sichern alternative Anbieter die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit gesunder Betriebe.
Kritik an der Wirtschaftspolitik
Zu Jahresbeginn stuften 69 % der Experten die Wirtschaftspolitik als Belastung für den Mittelstand ein. Lediglich 5 % sahen in den Entlastungspaketen der Bundesregierung eine Unterstützung. Die Fachleute forderten wiederholt einen Abbau bürokratischer Hürden sowie einen verbesserten Zugang zu Kapital. An der aktuellen Befragung nahmen 72 Finanzierungsexperten teil, die zuletzt 2.088 Kreditanfragen bearbeiteten. Im Frühjahr umfasste das Panel 65 Experten mit 2.080 Anfragen, zu Jahresbeginn 65 Fachleute mit 2.600 Anträgen. Zu den befragten Teilnehmern zählten unter anderem laut Iwoca Vertreter der Commerzbank und von Finanzcheck.








