„Man bekommt keine höheren Zinsen ohne steigendes Risiko“

MBG Berlin Brandenburg in Corporate Finance nach Corona – die Serie, Teil 16

Angesichts sinkender Bewertungen von Übernahmekandidaten wird es im Jahr 2021 zu einem deutlichen Anstieg der M&A-Aktivitäten kommen.
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Lockdown – dann vermeintliche Entspannung und nun wieder Lockdown – die Unternehmen in Deutschland haben es seit einem Jahr nicht leicht. Der Staat eilt zwar mit einem Unterstützungsprogramm nach dem anderen zu Hilfe, aber trotzdem wird es immer schwieriger, eine passende Finanzierung zu finden. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf den M&A-Sektor? Wie haben die Dealmaker die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie in die Zukunft? Unternehmeredition befragt erfahrene Manager zu ihren Einschätzungen. Dr. Milos Stefanovic, Geschäftsführer der Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Berlin-Brandenburg GmbH im Gespräch mit Alexander Görbing.

Unternehmeredition: Wir haben jetzt rund 15 Monate Corona-Pandemie in Deutschland hinter uns. Die Zahl der Insolvenzen geht weiter zurück – bei den Arbeitslosenzahlen tut sich recht wenig – gerade vermelden die deutschen Autobauer Rekordgewinne. Haben wir überhaupt Krise?

Dr. Milos Stefanovic: Natürlich haben wir eine Krise. Seit sechs Monaten sind diverse Branchen nahezu auf Null reduziert, wir haben ca. eine halbe Million Arbeitslose mehr als vor der Pandemie und aktuell auch 3 Millionen Kurzarbeitende (in der Spitze ca. 5 Mio). Hinzu kommt, dass die Öffnungsschritte langsam sind und nicht planbar. Die Automobilbranche verkauft immer noch deutlich weniger KfZ in Deutschland und Europa als vor der Pandemie und „lebt“ von den guten Verkaufszahlen in China! Die Insolvenzwelle ist nur auf Grund der sehr erheblichen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen ausgeblieben.

Unternehmeredition: Wie zufrieden sind Sie mit dem Management der Pandemie durch „Regierungen“ (also Bund, Länder, Kommunen)?

Stefanovic: Leider kann man den „Regierungen“ kein gutes Management der Pandemie und der Folgen attestieren. Um ein paar Beispiele zu nennen: Das Fehlen einer konkreten, konsistenten Strategie, fehlende interdisziplinäre Kommission zur Beurteilung und Begleitung der Maßnahmen und deren Folgen. Hinzu kommt die Nicht-Nutzung der sommerlichen Entspannung (2020) der Infektionslage um die besonders gefährdeten Gruppen wie die Bewohner der Altersheime in geeigneter Weise zu schützen sowie die verspätete und nicht ausreichende Impfstrategie. Schließlich gab es auch eine um ein Jahr verzögerte breite Testung der Bevölkerung.

Unternehmeredition: Wie beurteilen Sie die Aufgabe von Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften bei der Finanzierung von Unternehmen?

Stefanovic: Die Aufgabe der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften ist es weiterhin die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland mit Eigenkapital zu unterstützen, Ihnen damit zu helfen ihr Rating zu verbessern und deutlich leichter und preiswerter an Kredite zu kommen. In der Pandemiezeit haben wir selbstverständlich unseren Beteiligungsunternehmen mit z.B. Tilgungsaussetzungen aber auch neuem Kapital zur Verfügung gestanden.

Unternehmeredition: Wie sehen Sie die Rolle von Mezzanine-Finanzierungen im Vergleich zu den Finanzierungsmöglichkeiten für kleine und mittlere Unternehmen?

Stefanovic: Im Sinne des Wortes „Mezzanine“ – also das Zwischengeschoss – bieten wir ein Mittelding zwischen der Fremdkapitalfinanzierung und einer Eigenkapitalbeteiligung.  Auf diese Weise helfen wir dem Beteiligungsunternehmen, sein Eigenkapital zu verdoppeln – wenn gewünscht. Neben der besseren finanziellen Ausstattung bekommen Firmen auf diese Wege auch günstigere Konditionen bei einer Kreditfinanzierung. Als Geldgeber wählen wir nicht nur eine stille Beteiligung, sondern wir verhalten uns auch still und reden dem Unternehmen nicht rein.

Unternehmeredition:  Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Rolle und die Verbreitung der Mezzanine-Finanzierung in der jüngeren Vergangenheit geändert auch in Bezug auf die Kosten für Unternehmen?

Stefanovic: Wir bekommen ein prozentuales Entgelt entsprechend unserer Höhe der Beteiligung. Weiterhin erhalten wir eine Beteiligung am Gewinn, wenn es für das Unternehmen gut läuft. Mezzanine-Kapital ist aufgrund des aktuell sehr niedrigen Zinsniveaus für Kredite ein wenig teurer, aber einen Kredit muss man auch erst einmal bekommen. Und durch eine zeitlich befristete Eigenkapitalbeteiligung kann sich ein junges und innovatives Unternehmen vielleicht eine zusätzliche Finanzierungsrunde sparen oder die zusätzliche Kreditvergabe erleichtern.

Unternehmeredition: Was sagen Sie zur Rolle von Debt-Funds, die seit einiger Zeit verstärkt auf dem Markt auftreten?

Stefanovic: Wir sehen Debt-Funds für uns als Mittelständische Beteiligungsgesellschaft nicht als Konkurrenz an, da sich diese Finanzierer nur mit größeren Summen engagieren. Allgemein gesagt gilt für mich die Devise, dass man nicht höhere Zinsen bekommen kann, ohne dass auch das Risiko steigt. Die Geschichte hat mit Equinotes oder den Mittelstandsanleihen gezeigt, dass diese Risiken auch irgendwann Konsequenzen haben.

Unternehmeredition: Auf welche Weise würden Sie insbesondere einem jungen Unternehmer die Vorteile einer Mezzanine-Finanzierung schmackhaft machen?

Stefanovic: Für Startups „in der Pubertät“ kann Beteiligungskapital die Basis für den nächsten größeren Wachstumsschritt sein – vor allem bei einer geplanten internationalen Expansion. Ein ähnlicher Fall gilt auch dann, wenn für die Hausbank oder einen anderen Geldgeber die erforderlichen Summen für die  Finanzierung einfach zu groß ist. Auch dann kann eine Eigenkapitalspritze die Verhandlungen erleichtern. Auch bei einer Unternehmensnachfolge bietet Mezzanine eine gute Möglichkeit für den Übergang des Unternehmens auf die neuen Inhaber.

Unternehmeredition: Gab es eine steigende Nachfrage nach Mezzanine-Kapital in den vergangenen Monaten der Corona-Pandemie? Spüren Sie wieder eine stärkere Nachfrage, da viele Unternehmen ihren Bestand an Eigenkapital erhöhen müssen?

Stefanovic: Wir haben im vergangenen Jahr beim Volumen der Finanzierungen um rund 20% zugelegt. Für uns ist es also ziemlich gut gelaufen und wir spüren eine entsprechende Nachfrage. Dabei haben wir vor allem auf Wachstumsfinanzierungen gesetzt. Mein Eindruck ist, dass Banken gerade eher nach Finanzierungspartnern mit einer kräftigen Eigenkapitaldecke suchen, das hat unsere Möglichkeiten vergrößert. Ich denke, dass man besser mit einem Geldgeber lebt, der „mitzittert“, als mit einem der alle Sicherheiten einbehalten hat.

Unternehmeredition: Wie haben sich die Unternehmen aus Ihrem Portfolio in der Corona-Pandemie entwickelt?

Stefanovic: Die Anzahl der Ausfälle hat sich bei uns nicht erhöht. Ich sehe den Grund dafür in den immensen staatlichen Förderungsmaßnahmen wie Kurzarbeit oder direkten Hilfen. Vielen Unternehmen ging es auch in der Krise weitgehend gut. Im einen oder anderen Fall haben wir auch eine Tilgungsaussetzung angeboten. Strategisch haben wir uns so verhalten, dass wir das Ende der Pandemie vorweggenommen und an das Wieder-Anspringen der Wirtschaft geglaubt haben. Daher investierten wir auch ganz bewusst in den Bereichen Tourismus und Event.

Unternehmeredition: Was sind für Sie und Ihr Unternehmen die Lehren aus der Corona-Pandemie? Haben Sie sich strategisch angepasst? Oder haben dies vor?

Stefanovic: Digitalisierung ist das Zauberwort. Das war es schon vorher, aber die aktuelle Krise hat es vielen Firmen schmerzhaft vor Augen geführt, dass es ohne eine digitale Strategie nicht funktionieren kann. Zudem hat sich gezeigt, dass man flexibel sein muss und auch die Bereitschaft mitbringen muss, um neuen Wege zu suchen. Getreu dem Sprichwort: Wenn der große Wind kommt, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.

 


ZUR PERSON

Dr. Milos Stefanovic

Dr. Milos Stefanovic ist seit 2004 Geschäftsführer der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG) Berlin-Brandenburg. Die MBG Berlin-Brandenburg wurde 1991 gegründet und hat seitdem 8.200 Bürgschaften ausgegeben. Insgesamt wurden Investitionen im Umfang von 4,6 Mrd. EUR begleitet und dadurch 140.000 Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert. Dr. Stefanovic ist zudem auch Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK).

 

 


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