Eigenkapital für die Krise

© MFT Maschinenfabrik Thale GmbH

Das Geschäftsmodell der Maschinenfabrik Thale ist gerade in Krisenzeiten in der Schwerindustrie gefragt. Wenn Investitionen zurückgehalten werden und Komponenten vom Hersteller nachgebaut werden müssen, springt das Harzer Unternehmen ein. VON TORSTEN HOLLER

Als nach dem Fall der Mauer Heerscharen von Unternehmensberatern in die ostdeutschen Betriebe strömten, um diese fit zu machen, trafen sie vielerorts auf einen maroden Maschinenpark und dem Zerfall preisgegebene Werkhallen. Vieles wurde durch betriebseigene Reparaturabteilungen instandgehalten, um dem Ersatzteilmangel auf irgendeine Art Herr zu werden. So entwickelten viele der Ingenieure und Facharbeiter ein Improvisationstalent und hielten die Betriebe am Laufen. Zu ihnen gehörte auch Peter Kraus. Der heute 77-Jährige war als Diplomingenieur im Eisen- und Hüttenwerk Thale tätig, welches mit 7.500 Beschäftigten zu den kleineren Werken der Schwerindustrie in der DDR zählte und bereits zu Ostzeiten in den Westen lieferte. Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, stand vor der Tür: „Jetzt galt es, hier mit völlig neuen Ideen gegenzusteuern“, erinnert sich Kraus. Bei der Besichtigung von westdeutschen Stahlwerken stellte Kraus mit seinem damaligen Kollegen Georg Mathea fest, dass auch diese lange auf Ersatzteillieferungen warten mussten.

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Wochenlang standen bei namhaften Konzernen einzelne Walzstrecken still. „Da konnten wir helfen“, sagten sie sich und gründeten gemeinsam mit Klaus Bodenstein die Maschinenfabrik Thale (MFT). Mit 30 Ingenieuren und Facharbeitern starteten sie. Drei weitere Kollegen vervollständigten das Führungsteam. Kurzfristig begleitete ein mittelständischer Unternehmer von der anderen Seite des Harzes, aus Wolfenbüttel, das Team. Die Finanzierung gestaltete sich wie überall im Osten mit extremer privater Risikobelastung durch familiäre Bürgschaften schwierig: „Wäre es schiefgegangen, wäre alles weg gewesen.“ Entsprechend offensiv betrieb das Team von Anbeginn vor allem in westdeutschen Regionen Akquise. Die Mittelständler fanden vor allem in den Konzernen der Schwerindustrie, insbesondere bei Stahlwerken als Lieferanten von schweren technischen Komponenten und dringend benötigten Ersatzteilen, die neuen Auftraggeber.

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2003 geriet das Unternehmen dann in seine erste Krise: Mitgründer Georg Mathea verunglückte tödlich. „Es war die erste Zäsur im Unternehmen“, erinnert sich Kraus, „und nach zwölf Jahren steten Aufwärtstrends auch ein Zeitpunkt, um über die nächste Generation nachzudenken.“  Zu dieser Zeit stieg auch Erik Wagentrotz, 47, als Prokurist ins Unternehmen ein, der als Schwiegersohn des Firmengründers nach Jahren als Offizier bei der Bundeswehr wieder in der Heimat sesshaft werden wollte.

Generationswechsel seit Jahren gesichert

Von Kraus ließ er sich überzeugen, Mitgesellschafter und später Geschäftsführer bei der Maschinenfabrik zu werden. Zuvor waren schon zwei der Manager, die von Anbeginn dabei gewesen waren, als Gesellschafter und Geschäftsführer der MFT berufen worden. Gemeinsam gelang es allen Beteiligten, wieder in die Erfolgsspur zurückzufinden. „Das war die richtige Entscheidung im richtigen Moment für den bleibenden Fortbestand des Unternehmens“, erinnert sich Kraus, der auch heute als Gesellschafter in das Unternehmen eingebunden ist.

Erfolgreiche Sanierung ohne fremde Hilfe

Zunächst stand aber die erste Sanierung an: „Das Eigenkapital war bis auf 14% gesunken“, erinnert sich Wagentrotz. „Da war erst einmal eisernes Sparen angesetzt, auch weil die einzelnen Kundensegmente sehr schwankend waren.“ Neue Kunden wurden akquiriert. Es gelang, ohne fremde Hilfe wieder ins ruhige Fahrwasser zu kommen. Kaum war dieser Prozess vorbei, kam 2008/2009 die weltweite Finanzkrise. „Und diese Jahre waren bis dahin die besten in unserer noch jungen Firmengeschichte“, sagt Wagentrotz, „weil genau da die Konzerne umgehend begannen, die Investitionen zu stoppen und stattdessen die Altanlagen zu modernisieren.“ Es gelang, die Eigenkapitalquote auf 71% zu steigern. Das hilft jetzt in der Coronakrise: „Wir mussten keine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Gab es trotzdem kurzzeitig mal nichts zu tun, haben wir im Unternehmen etliches erledigt, wozu wir in Zeiten der Hochkonjunktur nicht gekommen sind“, so der Geschäftsführer.


Interview mit Erik Wagentrotz, Geschäftsführer Maschinenfabrik Thale: „Wir mehren im Team das Unternehmervermögen“

Unternehmeredition: Herr Wagentrotz, die Maschinenfabrik Thale ist ein typisches Unternehmen der Old Economy. Wie planen Sie die Zukunft?
Eric Wagentrotz: Wir sehen einen großen Rückstau an Investitionen und der Erhaltung der öffentlichen Infrastruktur. Das sollte jetzt reaktiviert werden, damit der Mittelstand nicht nur von gedrucktem Geld lebt, sondern aktive Wertschöpfung betreiben kann. In diesem Bereich wollen wir um 20% bis 25% wachsen. Auch die Stahlindustrie in Deutschland haben wir nicht abgeschrieben, auch hier sehen wir Wachstumspotenzial. Dazu kommt der Strukturwandel im Zuge des Kohleausstiegs, wo sich für uns interessante Chancen und neue Wege wie beispielsweise die Digitalisierung der Zuliefererindustrie ergeben können. Wir wollen damit die solide Eigenkapitalbasis erhalten und durch die Krise kommen.

Erik Wagentrotz, MFT-Geschäftsführer © MFT Maschinenfabrik Thale GmbH

Können Sie in diesem Bereich mit preisgünstigeren Anbietern aus Osteuropa oder Fernost konkurrieren?
Auf jeden Fall. Den Einkäufern in den Großunternehmen nützt es wenig, wenn sie 100 Angebote einholen. Unternehmen aus diesen Regionen fehlt oft die Anlagenkenntnis vor Ort. Uns ist es möglich, auch Anlagenkomponenten aus verschiedenen Ländern passgenau einzufügen.

Finden Sie genug Fachkräfte für Ihren Betrieb?
Das ist in der Tat ein Problem. Deshalb gehen wir ungewöhnliche Wege und haben beispielsweise einem Mitarbeiter für die gesamte Zeit seines Ingenieurstudiums ein Stipendium gewährt. Im Gegenzug hat dieser sich verpflichtet, für eine größere Zahl an Jahren bei uns zu bleiben. Wir sehen darin mehr Möglichkeiten, im Team unser Unternehmervermögen für die Zukunft zu mehren, als es auf die hohe Kante zu legen.


Kurzprofil MFT Maschinenfabrik Thale GmbH

Gründungsjahr: 1991
Branche: Sondermaschinenbau
Firmensitz: Thale/Harz
Beschäftigte:  110
Umsatz 2019: 14 Mio. EUR
www.mft-thale.de

Diese Fallstudie ist erschienen in der Unternehmeredition 4/2020.