Zwischen Insolvenzwelle und KI im Verfahrensalltag

Beim 27. Jahreskongress Insolvenzrecht in Potsdam tauschten sich rund 140 Vertreter aus Rechtsprechung, Wissenschaft, Banken und Beratung über aktuelle Entwicklungen in der Restrukturierungs- und Insolvenzpraxis aus

Eröffnung des 27. Jahreskongress Insolvenzrecht 2026 des Ostdeutschen Sparkassenverbandes

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt weiter, Restrukturierungs- und Insolvenzverfahren werden komplexer. Beim 27. Jahreskongress Insolvenzrecht am 4. und 5. Juni in Potsdam diskutierten rund 140 Teilnehmer aus Rechtsprechung, Wissenschaft, Banken und Beratung über aktuelle Entwicklungen, branchenspezifische Herausforderungen und den wachsenden Einfluss von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auf die Praxis.

Vortrag Prof. Dr. Heinrich Schoppmeyer

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland steigt weiter. Allein im ersten Quartal 2026 erreichte die Zahl der Firmenpleiten laut Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Entsprechend wächst auch der Handlungsdruck für Restrukturierungsberater, Insolvenzverwalter, Banken und Gerichte.

Vor diesem Hintergrund trafen sich Anfang Juni rund 140 Fachleute zum 27. Jahreskongress Insolvenzrecht des BankersCampus in Potsdam. Die Veranstaltung des Ostdeutschen Sparkassenverbands in Kooperation mit BBL Brockdorff gilt seit Jahren als wichtiger Treffpunkt für den Austausch zwischen Praxis, Wissenschaft und Rechtsprechung.

„Angesichts der aktuellen Entwicklung ist der Austausch zwischen Rechtsprechung, Wissenschaft und Praxis umso wichtiger, und die Zahl von rund 140 Teilnehmern an diesem Kongress spricht für sich“, betonte Christian Graf Brockdorff, Partner der Restrukturierungskanzlei BBL Brockdorff, zur Eröffnung der Veranstaltung.

Das Programm reichte von aktuellen Entwicklungen in der Rechtsprechung über Praxisberichte aus Restrukturierungsverfahren bis hin zu den Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie stark sich die Anforderungen an die Insolvenzpraxis verändern.

Jede Branche hat ihre eigenen Herausforderungen

Foto: Nord-Ostdeutsche Sparkassenakademie
Vortrag Axel W. Bierbach

Neben den allgemeinen rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen standen zahlreiche branchenspezifische Herausforderungen im Mittelpunkt. So präentiertenn Nicole Riedemann und Silvio Höfer von Anchor Rechtsanwälte das Fallbeispiel eines Single-Source-Lieferanten in der Automobilindustrie. Fällt ein solcher Zulieferer aus, können ganze Produktionsketten ins Wanken geraten.

Wie komplex Insolvenzverfahren in einzelnen Branchen sein können, verdeutlichte auch Axel W. Bierbach von Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen anhand der Insolvenz von FTI Touristik. Der Fall zeigte die besonderen Anforderungen im Reiseveranstaltergeschäft – von Erstattungsansprüchen bei Pauschalreisen bis hin zu speziellen Fragen der Tabellenführung.

Start-ups zwischen Wachstum und Insolvenzrisiko

Einen besonderen Schwerpunkt widmete der Kongress der Start-up-Szene. Burkhard Jung von Deloitte beleuchtete die Besonderheiten von Restrukturierungen bei jungen Wachstumsunternehmen. Diese unterscheiden sich oftmals deutlich von klassischen Mittelstandsinsolvenzen.

Start-ups investieren häufig frühzeitig in Personal, Technologie und Markterschließung und sind deshalb auf regelmäßige Finanzierungsrunden angewiesen. Gleichzeitig entstehen viele innovative Geschäftsmodelle in Märkten, deren Entwicklung schwer vorhersehbar ist.

Der wirtschaftliche Erfolg bleibt dabei keineswegs garantiert. „Lediglich rd. 10–20 Prozent überstehen die initiale Phase und sichern so ihre wirtschaftliche Existenz“, sagte Jung.

Besonders kritisch sei die Abhängigkeit von externem Kapital. Oft bleibe bis kurz vor Abschluss einer Finanzierungsrunde offen, ob neue Mittel tatsächlich eingeworben werden können. Für Geschäftsführer könne dies erhebliche Risiken mit sich bringen, insbesondere wenn sich die Frage einer möglichen Insolvenzverschleppung stelle.

Gleichzeitig verwies Jung auf die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche. Rund 23.000 aktive Start-ups mit etwa 360.000 Beschäftigten sowie ein Finanzierungsvolumen von 7,2 Mrd. Euro im Jahr 2025 unterstreichen die Bedeutung des Sektors für Innovation und Wachstum in Deutschland.

Von der Papierakte zum digitalen Workflow

Mit der Digitalisierung der Insolvenzverwaltung beschäftigten sich André Binder und Jonas Karioui von BBL Brockdorff. Binder zeichnete die Entwicklung der vergangenen Jahre nach – von papiergebundenen Verfahren hin zu digitalen Dokumenten- und Workflow-Systemen.

Die Digitalisierung habe nicht nur die Geschwindigkeit vieler Prozesse erhöht, sondern auch die Zusammenarbeit grundlegend verändert. Dokumente können heute standortübergreifend bearbeitet, Informationen schneller verfügbar gemacht und komplexe Verfahren effizienter organisiert werden.

Spätestens die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass zahlreiche Tätigkeiten inzwischen ortsunabhängig organisiert werden können – vom Posteingang über die Sachbearbeitung bis hin zu Buchhaltung und Zahlungsverkehr.

KI hält Einzug in die Insolvenzpraxis

Auf dieser Grundlage rückt nun die nächste Entwicklungsstufe in den Fokus: der Einsatz Künstlicher Intelligenz.

Jonas Karioui zeigte auf, wie KI bereits heute bei der Analyse großer Dokumentenmengen, der Recherche oder der Aufbereitung komplexer Informationen unterstützen kann. Gerade in umfangreichen Insolvenzverfahren eröffnen sich dadurch erhebliche Effizienzpotenziale.

Gleichzeitig warnte er davor, den Einsatz von KI auf einzelne Experimente zu beschränken. Ziel müsse es sein, „von der Guerillataktik zur systematischen Nutzung“ zu gelangen. Die Herausforderung bestehe nun darin, erste Erfahrungen in nachhaltige und praxistaugliche Anwendungen zu überführen.

Dabei wurde deutlich, dass technologische Innovation allein nicht ausreicht. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel von digitalen Werkzeugen, klar definierten Prozessen und fachlicher Expertise.

Komplexität nimmt weiter zu

Referentinnen und Referenten des 27. Jahreskongress Insolvenzrecht 2026

Der Jahreskongress Insolvenzrecht 2026 machte deutlich, dass Restrukturierungs- und Insolvenzexperten vor einer Phase wachsender Komplexität stehen. Steigende Insolvenzzahlen treffen auf spezialisierte Geschäftsmodelle, digitale Wertschöpfungsstrukturen und neue technologische Möglichkeiten.

Für Berater, Insolvenzverwalter und Banken bedeutet dies, dass neben juristischem Know-how zunehmend auch Branchenkenntnis, technologische Kompetenz und ein tiefes Verständnis digitaler Prozesse gefragt sind. Der fachliche Austausch zwischen Praxis, Wissenschaft und Rechtsprechung dürfte damit weiter an Bedeutung gewinnen.

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Eva Rathgeber ist Chefredakteurin der Unternehmeredition und verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation. Inhaltlich liegt ihr Fokus auf Mittelstand, Familienunternehmen, Finanzierung, Investitionen, Private Equity, M&A, Nachfolge, Digitalisierung und Innovation.

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