Der deutsche M&A-Markt hat im ersten Halbjahr 2026 überraschend kräftig zugelegt. Vor allem ausländische Käufer und Finanzinvestoren werden wieder aktiver. Gleichzeitig verschiebt sich das Interesse von Software hin zu industriellen und infrastrukturellen Geschäftsmodellen. Doch die hohe Dealzahl darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Käufer genauer auswählen und Risiken härter einpreisen. Grundlage des Beitrags ist ein einstündiges Webinar, in dem Dr. Florian von Alten in dieser Woche die Ergebnisse des aktuellen Oaklins-M&A-Marktberichts erläuterte und die Entwicklung des deutschen Transaktionsmarkts im ersten Halbjahr 2026 einordnete.
Wachstumsschwäche, steigende Energiepreise, geopolitische Spannungen und eine Insolvenzwelle auf Mehrjahreshoch: Eigentlich waren die Voraussetzungen für eine Belebung des deutschen M&A-Markts denkbar ungünstig. Dennoch zählt Oaklins im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 1.490 angekündigte beziehungsweise abgeschlossene Transaktionen mit deutscher Beteiligung. Gegenüber den 1.296 Deals im Vorjahreszeitraum entspricht das einem Zuwachs von 194 Transaktionen beziehungsweise 15,0%.
„Und trotzdem hat es im ersten Halbjahr überraschenderweise einen Anstieg der Transaktionen um 15% gegeben“, sagt Dr. Florian von Alten, Managing Partner bei Oaklins Germany. Der Markt nähert sich damit wieder dem hohen Niveau des ersten Halbjahres 2024. Bemerkenswert ist auch der langfristige Vergleich: Der Jahresdurchschnitt der vergangenen 28 Jahre liegt laut Oaklins bei 1.770 Transaktionen – und damit nur noch unwesentlich über dem bereits nach sechs Monaten erreichten Wert.
Grundlage der Analyse sind veröffentlichte Transaktionen aus den Datenbanken Mergermarket, Majunke und S&P Capital IQ sowie eigene Recherchen von Oaklins. Erfasst wurden angekündigte beziehungsweise abgeschlossene Deals vom 1. Januar bis einschließlich 24. Juni 2026, bei denen entweder das Zielunternehmen oder der Käufer aus Deutschland stammt und mindestens 20% der Anteile übertragen werden.
Starkes erstes Quartal, nachlassende Dynamik im zweiten
Die Erholung verlief nicht gleichmäßig. Im ersten Quartal wurden 857 Transaktionen registriert, 20,9% mehr als im Vorjahresquartal. Im zweiten Quartal waren es 633 Deals und damit noch 7,8% mehr als ein Jahr zuvor.
Besonders dynamisch entwickelte sich der Markt im März: Die Zahl der Transaktionen lag 51,6% über dem entsprechenden Vorjahresmonat. Im Februar betrug das Plus 22,8%, im April 22,6%. Der Juni war mit einem Rückgang um 9,8% der einzige Monat, der das Vorjahresniveau verfehlte. Allerdings endete der Erfassungszeitraum bereits am 24. Juni, sodass die Monatszahl nur eingeschränkt vergleichbar ist.

„Insgesamt, trotz aller schwierigen Rahmenbedingungen in Deutschland, ist der M&A-Markt sehr aktiv“, bilanziert von Alten. Die Zahlen stehen damit in deutlichem Kontrast zur volkswirtschaftlichen Entwicklung. Nach Einschätzung von Oaklins befindet sich Deutschland seit 16 Quartalen in einer Phase der Stagnation beziehungsweise Rezession. Für 2026 erwartet die Bundesregierung laut Marktbericht ein Wachstum von 1,0%, nach 0,2% im Vorjahr und zwei Rezessionsjahren zuvor.
Auch das Zinsumfeld bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Am 11. Juni erhöhte die Europäische Zentralbank den Einlagenzinssatz um 25 Basispunkte auf 2,25%. Für den M&A-Markt sei die Richtungsänderung wichtiger als das absolute Niveau, so Oaklins: Fremdfinanzierte Übernahmen werden wieder etwas teurer, was insbesondere bei Leveraged Buy-outs die Bewertungsdisziplin erhöhen dürfte.
Internationale Käufer kehren zurück
Der wichtigste Treiber der Erholung ist das grenzüberschreitende Geschäft. Insgesamt entfielen 855 Transaktionen auf Cross-Border-Deals. Besonders stark nahm das Interesse ausländischer Käufer an deutschen Unternehmen zu: Die Zahl der Inbound-Transaktionen stieg von 387 auf 536 und damit um 38,5%. Ihr Anteil am Gesamtmarkt erhöhte sich von 29,9% auf 36,0%.
Deutsche Käufer tätigten zugleich 319 Übernahmen im Ausland. Das waren 23 Deals beziehungsweise 7,8% mehr als im Vorjahreszeitraum. Das inländische Geschäft legte moderater um 3,6% auf 635 Transaktionen zu und stellte mit einem Anteil von 42,6% weiterhin die größte Einzelkategorie.
Ausländische Investoren könnten dabei nicht nur von der weiterhin starken industriellen Basis profitieren, sondern teilweise auch von enttäuschten Businessplänen, schwacher Kapazitätsauslastung und gesunkenen Bewertungen in Deutschland“, sagt von Alten.

Die USA blieben mit 76 Transaktionen das aktivste ausländische Käuferland, obwohl die Zahl um 2,6% zurückging. Deutlich stärker veränderte sich das Käuferverhaltender Britten: Ihre Aktivität erhöhte sich um 48,5% auf 49 Deals. Aus den Niederlanden kamen 48 Käufer, 29,7% mehr als im Vorjahr.
Bei den ausländischen Zielmärkten deutscher Unternehmen führten ebenfalls die USA mit 38 Transaktionen, allerdings nach einem Rückgang um 19,1%. Den stärksten Zuwachs verzeichnete Österreich mit 34 Deals und einem Plus von 78,9%. Es folgten die Niederlande mit 32, die Schweiz mit 31 und Großbritannien mit 30 Transaktionen.
KI verändert die Rangfolge der Branchen
TMT blieb mit 351 Deals die transaktionsstärkste Branche und legte gegenüber den 308 Transaktionen des Vorjahres um 14,0% zu. Das Wachstum blieb damit jedoch knapp unter dem Gesamtmarkt. Im Quartalsverlauf verlor der Sektor zudem an Marktanteil.
Der Grund ist eine Neubewertung von Softwaregeschäftsmodellen durch künstliche Intelligenz. Käufer hinterfragen stärker, welche Anwendungen dauerhaft differenzierbar sind, welche Dienstleistungen automatisiert werden können und ob bisherige Wachstums- und Bewertungsannahmen noch tragfähig sind.
„Plötzlich wurde die Frage gestellt: Was hat denn eigentlich KI hierauf für einen Einfluss, und welche Geschäftsmodelle sind da noch wirklich nachhaltig?“, beschreibt von Alten den Stimmungswechsel. „Folglich werden aber auch wieder mehr industrielle Assets angeschaut, intensiv geprüft.“
Industrial Machinery & Components legte von 164 auf 192 Transaktionen zu. Construction & Engineering Services verzeichnete einen Anstieg von 110 auf 136 Deals. Business Support Services wuchsen dagegen nur von 196 auf 207 Transaktionen, Healthcare nahezu unverändert von 129 auf 130.
Dabei entsteht ein differenziertes Bild: KI belastet einzelne Software- und Dienstleistungsmodelle, schafft aber zugleich Nachfrage nach physischer Infrastruktur. AWS, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren nach Angaben des Berichts von Oaklins rund 62% des weltweiten Cloud-Infrastrukturmarkts und rund 70% des europäischen Cloud-Markts. Auf europäische Anbieter entfallen weniger als 15%.
Die größten europäischen M&A-Chancen sieht Oaklins deshalb weniger bei KI-Plattformen als bei Unternehmen, die Rechenzentren, Netzanschlüsse, Stromversorgung, Kühlung, Automatisierung und technische Gebäudeausrüstung ermöglichen. Auch bei standardisierbaren Dienstleistungen dürfte der Konsolidierungsdruck zunehmen, weil Automatisierung und Skalenvorteile an Bedeutung gewinnen.

Industrie wird neu bewertet
Die Rückkehr des Interesses an industriellen Unternehmen bedeutet keine pauschale Renaissance sämtlicher Produktionsbetriebe. Vielmehr differenzieren Investoren stärker zwischen strukturellen Gewinnern und Unternehmen, die unter hohen Energie- und Standortkosten leiden.
Besonders kritisch werden energieintensive Geschäftsmodelle aus Chemie, Metallverarbeitung, Baustoffindustrie, Kunststoffverarbeitung und Teilen des Maschinenbaus geprüft. Attraktiv bleiben dagegen Unternehmen aus Automatisierung, Elektrifizierung, Defense, Infrastruktur, Energieversorgung und thermischem Management.
„Es gibt momentan sehr attraktive Zielunternehme auf dem Markt im Bereich Industrial Machinery & Components“, sagt von Alten. Entscheidend seien unter anderem stabile Lieferketten, Energieeffizienz, technologische Wettbewerbsvorteile und die starke Position gegenüber günstigeren Anbietern aus Osteuropa oder Südostasien.
Der steigende Strombedarf der digitalen Infrastruktur verstärkt diese Spreizung. Nach den im Oaklins-Bericht zitierten Daten könnte sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von rund 415 TWh im Jahr 2024 auf etwa 945 TWh im Jahr 2030 mehr als verdoppeln. Damit gewinnen Anbieter von Netztechnik, Stromversorgung, Kühlung und Wärmemanagement strategisch an Bedeutung.
Private Equity hält einen Marktanteil von 35%
Finanzinvestoren waren an 522 Transaktionen beteiligt, 15,7% mehr als im Vorjahreszeitraum. Ihr Anteil am Gesamtmarkt erhöhte sich geringfügig um 0,2 Prozentpunkte auf 35%. Im Jahr 2024 hatten sich Finanzinvestoren auf Grund der hohen Zinsen und den Folgen des Russlandkriegs noch deutlich zurückgehalten und lagen nur bei 24%. Strategische Käufer blieben mit 968 Deals und einem Anteil von 65% die größere Gruppe.
„Die Kassen der Finanzinvestoren sind prall gefüllt. Es ist nach wie vor ein hoher Appetit an Transaktionen da“, sagt von Alten. Neben dem günstigeren Finanzierungsumfeld der vergangenen Monate erhöht der Druck, eingesammeltes Kapital zu investieren und länger gehaltene Beteiligungen zu veräußern, die Aktivität.

Besonders aktiv war Greenpeak Partners mit 22 Transaktionen. Es folgten Triton mit 15, Warburg Pincus mit elf sowie EQT und Bregal Unternehmerkapital mit jeweils zehn Deals. Greenpeak, Triton und Warburg Pincus vereinten zusammen 9,2% der Finanzinvestoren-Transaktionen auf sich.
Auch bei Private Equity verschiebt sich der Branchenfokus. In Industrial Machinery & Components stieg der Anteil der Finanzinvestoren von 37,1% auf 47,4%. Bei Business Support Services sank er dagegen auf 28,5%. Viele frühere Buy-and-Build-Felder sind bereits stärker konsolidiert, während industrielle Plattformen wieder genauer untersucht werden.
Insolvenzen treiben Distressed M&A
Die steigende Zahl der Unternehmensinsolvenzen dürfte das Transaktionsgeschehen zusätzlich prägen. Nach rund 24.000 Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2025 – dem höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren – wurden im ersten Quartal 2026 bereits 6.275 Fälle gezählt. Das waren 6,5% mehr als im Vorjahresquartal.
Allein im März wurden 2.308 Unternehmensinsolvenzen beantragt, 15,8% mehr als ein Jahr zuvor. Die angemeldeten Gläubigerforderungen lagen im ersten Quartal bei rund 9,3 Mrd. EUR. Dass sie trotz steigender Fallzahlen unter dem Vorjahreswert blieben, deutet laut Oaklins darauf hin, dass vor allem zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen betroffen waren.
Damit gewinnen Distressed-M&A-Transaktionen, Carve-outs, Asset-Deals und Refinanzierungen an Bedeutung. Gut kapitalisierte Strategen und Finanzinvestoren können Technologien, Produktionskapazitäten oder Marktpositionen aus Sondersituationen erwerben. Verkäufer stehen dagegen häufiger unter Zeit- und Liquiditätsdruck.
Megadeals treiben das Transaktionsvolumen
Auch das Volumen der größten Transaktionen stieg deutlich. Die Top 30 Deals erreichten zusammen 84,3 Mrd. EUR. Insgesamt 16 Transaktionen hatten einen Wert von mindestens 1 Mrd. EUR.Der April war mit sieben Großtransaktionen und einem Gesamtvolumen von 38,5 Mrd. EUR der volumenstärkste Monat. Im Februar wurden mit neun Deals die meisten Top-30-Transaktionen angekündigt.
Größter Deal war der Verkauf von TK Elevator an Kone für 29,4 Mrd. EUR. Die Transaktion steht allein für 35% des Top-30-Volumens. Es folgt die Übernahme von Delivery Hero durch Uber für 10,7 Mrd. EUR. Beide Vorhaben stehen noch unter dem Vorbehalt der Kartellbehörden.
Bei sechs der Top 30 Deals beziehungsweise 20% trat ein Finanzinvestor als Käufer auf. Diese Transaktionen summierten sich auf 7,0 Mrd. EUR. Größter Private-Equity-bezogener Deal war die Übernahme von Amprion durch ein Joint Venture von RWE und Apollo Global für 3,6 Mrd. EUR.
Industrial Machinery & Components und TMT stellten mit jeweils sechs Transaktionen die stärksten Branchen unter den Top Deals. Energy erhöhte sich von einer auf vier Transaktionen, Logistics war nach keinem Deal im Vorjahreszeitraum wieder mit zwei vertreten.

Geopolitik verändert die Dealstruktur
Der Nahostkonflikt wirkt weniger über abgesagte Transaktionen als über höhere Ausführungsrisiken. Über die Straße von Hormus laufen laut Oaklins rund 20% des weltweiten LNG-Handels und etwa 25% des seeseitigen Ölhandels. Störungen wirken sich deshalb unmittelbar auf Energiepreise, Transportwege und Lieferketten aus und treffen Europa und Asienvstärker als die USA .
Käufer und Finanzierer prüfen wirtschaftlich Berechtigte, Sanktionsrisiken, Energieabhängigkeiten und die Stabilität der Lieferketten intensiver. Oaklins beobachtet längere Transaktionslaufzeiten, zusätzliche Closing-Bedingungen, höhere Kaufpreiseinbehalte, mehr Earn-outs und vorsichtigere Finanzierungsannahmen.
Gleichzeitig profitieren Unternehmen aus den Branchen Verteidigung, Luft- und Raumfahrt, Cybersecurity und kritische Infrastruktur. Teilweise beginnen Maschinenbauer und Automobilzulieferer damit, Rüstungsgüter oder Komponenten zu produzieren, um schwach ausgelastete Kapazitäten besser zu nutzen. Der Markt erlebt damit keine breite, undifferenzierte Erholung, sondern konzentriert sich auf Assets mit Resilienz-, Sicherheits- oder Infrastrukturbezug.
Fazit: Gute Unternehmen bleiben umkämpft
Die Zahlen des ersten Halbjahres zeigen eine deutliche Belebung, aber noch keinen uneingeschränkten Verkäufermarkt. „Die Interessenten, die Unternehmen kaufen wollen, gehen sehr selektiv vor“, betont von Alten. Überdurchschnittliche Kaufpreise werden vor allem für resiliente, gut planbare und stabile Geschäftsmodelle gezahlt.
Oaklins rechnet auch für das Gesamtjahr mit einem Wachstum gegenüber 2025. Dafür sprechen die anhaltend hohe Inbound-Aktivität, der wieder gestiegene Appetit der Finanzinvestoren und zunehmende Transaktionen aus Sondersituationen. Dagegen stehen die weitere Zinspolitik der EZB, hohe Energiepreise und der Verlauf des Nahostkonflikts.
„Krise ist das New Normal. Die Akteure haben sich daran gewöhnt und nutzen die Chancen, die sich durch anorganisches Wachstum auf der einen Seite und durch Nachfolgeregelung, neue Technologien, Exits und Konzentration auf Kernkompetenzen auf der anderen Seite ergeben“, sagt von Alten. Für den deutschen Mittelstand bedeutet das: Der Markt ist offen – aber nur überzeugend vorbereitete Unternehmen können die hohe Aktivität auch in attraktive Bewertungen übersetzen.









