Das Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal hat eine Untersuchung zum Thema Due-Diligence-Praxis im Private-Equity-Sektor durchgeführt. Laut der Studie verändern Volatilität, Künstliche Intelligenz und operative Komplexität die Prüfung von Unternehmensübernahmen grundlegend. Investoren legen den Schwerpunkt verstärkt auf die Umsetzungssicherheit, die Widerstandsfähigkeit bei Marktbrüchen sowie die integrierte Wertschöpfung. Nach Angaben von Alvarez & Marsal basiert der Bericht auf einer Befragung von 83 führenden Private-Equity-Experten in Europa. Die Erhebung wurde von Statista Q im ersten Quartal 2026 durchgeführt. Die traditionelle Due Diligence konzentrierte sich auf die Überprüfung der historischen Finanzleistung. Diese Ausrichtung reicht in einem volatilen Marktumfeld nicht mehr aus.
Künstliche Intelligenz als Standardwerkzeug
Künstliche Intelligenz wird zu einer wesentlichen Grundlage bei Transaktionsprüfungen. Über 70% der Befragten nutzen KI-Technologien regelmäßig oder experimentieren mit ihnen. Bei Tier-1-Fonds setzen bereits 70% KI durchgängig ein. Bei mittelgroßen Fonds liegt dieser Anteil bei rund 30%. Die Technologie übernimmt zeitraubende Routineaufgaben. Dazu gehören die Datenerfassung, Risikoanalysen und Szenario-Planungen.
Ein befragter Senior Partner eines deutschen Private-Equity-Fonds erklärte: „KI kann schnell Tausende von Verträgen verarbeiten und Schlüsselklauseln, Verpflichtungen und Risiken in einem Bruchteil der Zeit identifizieren, die eine manuelle Überprüfung erfordern würde.“ Ein anderer Senior Partner aus Deutschland ergänzte: „Repetitive Due-Diligence-Aufgaben wie Datenextraktion, Verschlagwortung und Berichterstattung werden durch KI automatisiert, sodass sich die Analysten auf die Strategie konzentrieren können.“ Ein befragter Managing Director eines Schweizer Fonds berichtete: „Wir nutzen KI, um Beziehungsnetzwerke zu analysieren und potenzielle wertsteigernde Verbindungen oder Verbindlichkeiten aufzudecken.“
Abfiterung von Abwärtsrisiken
Die erfolgreichsten Anwendungsfälle von KI betreffen die Markt- und Betriebsanalysen. Dieser Bereich macht 31% der Nennungen aus. Vorausschauende Modellierungen und Szenarioanalysen erreichen 26%. Betrugs- und Anomalieerkennung kommen auf 22% der Nennungen. Die Überwachung von Compliance und Regulierungen macht 21% aus. Zudem nutzen 80% der Investoren KI als Treiber für den Unternehmenswert. Davon bewerten 41% KI auf operativer Ebene zur Effizienzsteigerung. Weitere 39% sehen KI als Wachstumstreiber für kommerzielle Expansionen.
Laut der Erhebung verbinden knapp 60% der Private-Equity-Fonds die Wertschöpfung mit einer Risikoprüfung. Geopolitische Risiken gelten als größte Bedrohung für Transaktionen. Fast 70% der Befragten stufen geopolitische Gefahren am höchsten ein. Rund 60% der Sponsoren haben in den vergangenen zwölf Monaten einen Deal wegen geopolitischer Bedenken abgebrochen. Die Marktvolatilität habe die Bedeutung von Szenarioplanung und Stresstests vergrößert. Zur Absicherung reagieren die Investoren mit operativen Anpassungen. 89% der Befragten priorisieren den Aufbau belastbarer und skalierbarer Betriebsabläufe. 42% konzentrieren sich auf die Lokalisierung von Lieferketten oder Nearshoring.
Bedeutung der operativen Due Diligence
Die operative Prüfung gewinnt gegenüber rein finanziellen Analysen an Gewicht. 79% der Sponsoren nennen die operative Komplexität als Hauptgrund für die Beauftragung einer operativen Due Diligence. Carve-outs bilden für 57% den Auslöser für eine vertiefte Analyse.
Stimmen aus der Studie: Ein Senior Director aus Spanien führte aus: „Wir beauftragen eine ODD, um die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells zu beurteilen und festzustellen, wie effektiv das Unternehmen wachsen und eine stiegende Nachfrage bewältigen kann.“ Ein Senior Director aus Schweden merkte an: „Skalierungsrisiken in Multi-Länder-Betrieben sind ein wesentlicher Faktor für unsere Entscheidung, eine ODD zu beauftragen.“ Zur Relevanz komplexer Lieferketten sagte ein Senior Director aus Spanien: „Komplexe Lieferketten – Sourcing aus mehreren Ländern, Logistikrisiken – sind ein primärer Auslöser für die Beauftragung einer ODD.“ Ein Senior Partner aus den Niederlanden ergänzte: „Operative Risiken durch Rohstoff-, Logistik- oder Arbeitsmarktvolatilität sind ein kritischer Faktor bei unseren ODD-Entscheidungen.“
Lücke beim integrierten Beratungsangebot
Der Bedarf an ganzheitlichen Analysen nimmt nach Aussage der Untersuchung deutlich zu. Bei Carve-outs hielten 63% der Befragten eine integrierte Prüfung für wertvoll. Bei KI-gefährdeten Zielunternehmen liegt der Wert bei 57%. Grenzüberschreitende Transaktionen erreichen 54%. Dennoch hinkt das Marktangebot der Nachfrage hinterher. Nur 18% der Befragten erhalten von ihren Beratern voll integrierte Due-Diligence-Dienstleistungen. Bei 54% erfolgt die Integration nur teilweise. Bei 28% arbeiten die Prüfungssparten weiterhin getrennt in Silos.
Laut Alvarez & Marsal stammen die Befragten aus elf europäischen Ländern. Dazu gehören Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Schweden, Dänemark, Norwegen, die Niederlande, die Schweiz, Spanien, Italien und Griechenland. Die verwalteten Fondsgrößen reichen von 500 Mio. EUR bis über 5 Mrd. EUR. 59% der Befragten arbeiten im Bereich Due Diligence und Wertschöpfungsplanung. 41% sind in der operativen Transformation tätig.







