Wirtschaftsweise kappen Konjunkturaussichten

Die sogenannten Wirtschaftsweisen haben heute ihre Wirtschaftsprognosen für die Konjunktur um mehr als die Hälfte gekappt.
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Die sogenannten Wirtschaftsweisen haben heute ihre Konjunkturprognose um mehr als die Hälfte gekappt. Für das aktuelle Jahr rechnen die Experten noch mit einem Wachstum von 1,8% – im November waren sie noch von 4,6% ausgegangen. Das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 werde voraussichtlich erst im dritten Quartal 2022 wieder erreicht. Mit dieser unerfreulichen Nachricht beginnen wir die Übersicht über aktuelle Wirtschaftsprognosen.

Vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine hätten nach Ansicht der Wirtschaftsexperten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“) die zunehmende Industrieproduktion und der robuste Arbeitsmarkt für eine konjunkturelle Erholung gesprochen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nun drastisch verschlechtert. „Durch den Krieg werden die wegen der Coronapandemie bereits angespannten Lieferketten zusätzlich beeinträchtigt. Gleichzeitig belasten die nochmals kräftig gestiegenen Preise für Erdgas und Erdöl die Unternehmen und den privaten Konsum,“ erklärte heute Achim Truger, Mitglied des Sachverständigenrates. Ab dem Sommer dürfte jedoch der Konsum kontaktintensiver Dienstleistungen zunehmen und positiv zur Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) beitragen. Die Coronapandemie stellt nach Ansicht der Gutachter aber weiterhin ein Risiko für das Wachstum dar.

Inflationsrate von 6,1%

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Die stark gestiegenen Preise für Energieträger werden die Verbraucherpreise laut dem Gutachten in diesem Jahr weiter steigen lassen. Daher rechnet der Sachverständigenrat mit einer Inflationsrate von 6,1% im Jahr 2022. Im kommenden Jahr soll dieser Wert dann auf 3,4% zurückgehen. „Die hohe Inflation und die steigenden Inflationserwartungen werden voraussichtlich die Tarifverhandlungen beeinflussen. Die Dynamik für Lohnforderungen dürfte ab dem zweiten Halbjahr 2022 zunehmen. Damit steigt das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale,“ sagte dazu heute Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrates. Auch das Münchener ifo Institut hat in einer Befragung ermittelt, dass immer mehr Firmen ihre Preise in den kommenden drei Monaten erhöhen wollen. Vor allem in den konsumnahen Branchen müssten die Menschen mit stark steigenden Preisen rechnen. „Der Angriff Russlands auf die Ukraine treibt nicht nur die Energiekosten in die Höhe, sondern auch die Preise vieler Agrarrohstoffe“, sagt Timo Wollmershäuser, Leiter der ifo-Konjunkturprognosen. Er rechnet mit einer Inflationsrate von „deutlich über 5%“. Und damit liegt er im Bereich der Erwartungen der Wirtschaftsweisen. Eine solche hohe Rate bei den Preissteigerungsraten habe es zuletzt vor über 40 Jahren gegeben, als die Inflationsrate nach der zweiten Ölpreiskrise im Jahr 1981 auf 6,3% kletterte.

KfW-ifo-Mittelstandsbarometer stürzt ab

KfW-ifo-Barometer
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Unter dem Eindruck des russischen Überfalls auf die Ukraine ist auch das Geschäftsklima im deutschen Mittelstand abrupt eingebrochen. Mit -9,4 Zählern liegt es jetzt auf einem ähnlichen Niveau wie zur zweiten Covidwelle im Winter 2020/2021. Dies hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) heute mitgeteilt. Die Geschäftserwartungen der befragten Unternehmen sanken so stark wie noch nie seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2005. Besonders groß sei der Pessimismus unter den kleinen und mittleren Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe. Besonders die Aussicht auf längerfristig stark erhöhte Energiepreise, das Risiko von Lücken bei der Gasversorgung sowie neue Engpässe bei wichtigen Rohstoffen aus Russland und der Ukraine haben laut KfW in der Industrie die Geschäftsaussichten massiv eingetrübt. Auch die KfW rechnet in ihrem aktuellen Mittelstandsbarometer „mit einem zusätzlichen Inflationsschub durch längerfristig erhöhte Energie- und Rohstoffpreise, die neben der privaten Kaufkraft auch die Geschäftstätigkeit in den besonders energie- und rohstoffintensiven Wirtschaftsbereichen belasten.“

IW rechnet mit negativen Auswirkungen

Der Krieg in der Ukraine setzt auch nach Ansicht des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW) auf ein unsicheres Wirtschaftsumfeld auf: Seit dem starken Wirtschaftseinbruch im zweiten Quartal 2020 befinde sich Deutschland in einem pandemiebedingten „Stop-and Go“. In vielen Branchen bleiben die Produktionsprozesse bis heute gestört – unter anderem weil Mitarbeiter und Vorleistungen fehlen. Insgesamt hat die deutsche Wirtschaft nach IW-Berechnungen allein bis Ende letzten Jahres 340 Mrd. EUR an Wertschöpfung verloren. Der Weg zur ökonomischen Normalität ziehe sich weiter in die Länge. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine habe in kurzer Zeit die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen nochmals drastisch verändert. „Die bestehenden Probleme in den globalen Zuliefernetzwerken werden verschärft und Produktionseinbußen gegenüber einer ungestörten Wirtschaftswelt erhöhen sich“, sagt IW-Ökonom Michael Grömling. Zusätzliche Belastungen entstehen laut IW durch höhere Kosten für Vorleistungen, Rohstoffe und Energie. Fast vier von fünf Betrieben rechnen nach einer Umfrage unter 1.600 Unternehmen kurzfristig mit starken und mittleren negativen Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit allein aufgrund höherer Energiekosten.

Importpreise steigen um 26,3%

Die Importpreise waren im Februar 2022 um 26,3% höher als im Vorjahresmonat. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilte, lag die Steigerung gegenüber dem Vorjahr im Januar 2022 bei +26,9% sowie im Dezember 2021 bei +24,0%. In diesen Werten seien die Auswirkungen des Ukrainekrieges noch nicht berücksichtigt. Einen deutlichen Preisschub gab es auch bei der Energie: Die Energiepreise stiegen nach Destatis-Angaben im Februar 2022 im Vergleich zum Vorjahr auf allen Wirtschaftsstufen stark an. Importierte Energie war 129,5% teurer als im Vorjahresmonat, im Inland erzeugte Energie kostete 68,0% mehr.

Exporterwartungen sinken

Die Stimmung unter den deutschen Exporteuren ist in Folge des Krieges in der Ukraine nach einer aktuellen Erhebung des ifo Instituts eingebrochen. Die ifo-Exporterwartungen sind auf -2,3 Punkte abgestürzt, von 17,0 Punkten im Februar. Einen stärkeren Rückgang gab es bisher nur zu Beginn der Coronakrise im April 2020. In allen Branchen der Industrie seien die Exporterwartungen gefallen. Einen deutlichen Rückschlag mussten nach ifo-Angaben auch die Autohersteller und ihre Zulieferer verkraften.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören dabei Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen sowie Tech-Startups.

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