NAVEX, ein globaler US-Anbieter von Cloud-basierter Software und Lösungen im Bereich Governance, Risk und Compliance (GRC) sowie Risikomanagement, hat eine neue Studie zum Stand von Risk und Compliance in Deutschland vorgelegt. Laut dem Bericht verfügt der deutsche Markt im internationalen Vergleich über eine sehr starke Compliance-Kultur. In Deutschland gibt mehr als die Hälfte der Befragten an, dass die Führungsebene an ethischem Handeln festhält. Der weltweite Vergleichswert liegt hingegen bei genau der Hälfte. Der Vergleichswert für die Europäische Union ohne Deutschland beträgt lediglich rund ein Drittel. Zudem befürchtet in Deutschland gut ein Drittel der Beschäftigten negative Konsequenzen nach der Meldung von Fehlverhalten. Weltweit liegt dieser Anteil knapp über der Hälfte. Darüber hinaus erwartet über ein Drittel der hiesigen Organisationen eine Steigerung ihrer Budgets um mindestens 10%. Weltweit plant nur etwa ein Drittel der Firmen mit einem solchen Wachstum.
Lücken bei operativer Umsetzung
Nach Angaben der Studienautoren offenbart die Erhebung jedoch deutliche Schwächen bei der operativen Umsetzung. Deutsche Organisationen berichten häufiger als europäische Konkurrenten von Hürden bei der Erfüllung regulatorischer Vorgaben. So nennt gut ein Drittel der Befragten konkrete Probleme bei den Vorgaben zur Korruptionsbekämpfung und Ethik. Im übrigen Europa betrifft dies nur ein Viertel der Betriebe. Schwierigkeiten beim Schutz von Hinweisgebern nennt knapp ein Drittel der deutschen Firmen. In den anderen Staaten der Europäischen Union liegt dieser Anteil bei lediglich ein Fünftel.
Mittelstand zeigt strukturelle Defizite
Mittelständische Betriebe mit 2.500 bis 9.999 Beschäftigten weisen besondere Rückstände bei den Compliance-Maßnahmen auf. Lediglich rund ein Drittel dieser mittelständischen Firmen bietet ihren Beschäftigten anonyme Meldekanäle an. Bei vergleichbaren Unternehmen weltweit liegt dieser Wert bei fast der Hälfte. Eine strategische Einbindung des Leitungsorgans berichtet über ein Drittel der deutschen Unternehmen. Bei lokalen mittelständischen Organisationen sinkt dieser Wert jedoch auf knapp ein Drittel. Nur gut ein Zehntel dieser Gruppe erreicht die höchste Reifestufe ihres Compliance-Programms. Zudem nutzt lediglich knapp ein Drittel der mittelständischen Firmen Schulungsdaten zur Bewertung ihrer Programme. Bei kleinen Firmen liegt dieser Anteil bei über drei Fünfteln. Große Firmen erreichen hier einen Wert von knapp drei Fünfteln. Gap-Analysen zur Risikoidentifikation führt etwa ein Drittel der mittelständischen Betriebe durch. Externe Audits nutzt in dieser Gruppe lediglich knapp ein Drittel der Unternehmen.
Führungsebene mit deutlichem Gefälle
Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft das Verhalten des mittleren Managements in den Firmen. Während über die Hälfte die oberste Führung als ethisch wahrnimmt, sagt dies nur ein Drittel über das mittlere Management. In mittelständischen Firmen nimmt nur knapp die Hälfte das mittlere Management als ethisches Vorbild wahr. In kleinen Organisationen liegt dieser Wert bei über drei Fünfteln. Große Organisationen erreichen hier sogar fast drei Viertel. Zudem berichtet fast die Hälfte von Problemen im mittleren Management beim Umgang mit Bedenken. Nur gut ein Zehntel der Firmen nutzt Kennzahlen zur Speak-up-Kultur bei Führungsbewertungen. Verpflichtende Schulungen zum Umgang mit eingehenden Meldungen bietet lediglich gut ein Drittel der Unternehmen an.
Experte fordert klare Prozesse
Der Branchenexperte Oliver Riehl fordert vor diesem Hintergrund den Ausbau organisatorischer Strukturen. Riehl betont: „Deutschland investiert stark in GRC.“ Arbeitnehmer fühlen sich laut Riehl im internationalen Vergleich eher ermutigt, Missstände offen anzusprechen. Organisationen benötigen laut Riehl jedoch auch klare Prozesse und wirksame interne Meldekanäle. Gleichzeitig müssen Führungskräfte konsequent in das operative Tagesgeschäft eingebunden werden. Relevante Kennzahlen sollten dafür zentral ausgewertet werden. So lassen sich Verantwortlichkeiten klar definieren und Risiken frühzeitig erkennen. Das mittlere Management benötigt dafür maßgeschneiderte Schulungen. Nur so lässt sich eine wirksame Praxis im Betrieb etablieren. Angesichts neuer Regeln wie EU AI Act, CSDDD und NIS2 steigt der Druck auf die Unternehmen. Riehl sagt: „Deutschland startet eindeutig aus einer Position der Stärke.“ Die Herausforderung besteht nun in der Überführung dieser Grundlagen in robuste Prozesse und Strukturen. Für die Befragung wurden weltweit 1.179 Führungskräfte aus verschiedenen Branchen befragt.







