Neuer Rekordwert bei den Insolvenzen in Deutschland

Foto:©DOC RABE Media_AdobeStock
Foto:©DOC RABE Media_AdobeStock

Die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland hat im April 2026 einen neuen Rekordwert erreicht. Nach einer Analyse vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) liegt der aktuelle Wert über dem Niveau des Vormonats März. Insgesamt registrierte das IWH im April 1.776 Insolvenzen in der Bundesrepublik. Dies entspricht einer Steigerung von 3 % im Vergleich zum März und 10 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 liegt die aktuelle Zahl sogar um 82 % höher. Damit erreichten die Firmenpleiten in Deutschland den höchsten Stand seit Juni 2005.

Besorgniserregende Entwicklungen

Besonders betroffen von der aktuellen Insolvenzwelle sind laut IWH die Bereiche Hotel und Gastronomie sowie Grundstücks- und Wohnungswesen. Auch im Handel und bei den Dienstleistungen wurden neue Höchstwerte nur sehr knapp verfehlt. Regionale Unterschiede zeigen sich vor allem in Berlin und Bayern. In Berlin lässt sich der starke Anstieg durch eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Hotelinsolvenzen erklären. Die Schließung großer Arbeitgeber führt laut den Experten häufig zu erheblichen und dauerhaften Lohnverlusten bei den betroffenen Beschäftigten. Im April waren in den größten 10 % der insolventen Unternehmen knapp 20.000 Arbeitsplätze direkt betroffen.

Düstere Aussichten

Die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze stieg im Vergleich zum März um 43 % an. Gegenüber dem April des Vorjahres beträgt das Plus 39 %. Diese Entwicklung geht unter anderem auf zwei Großinsolvenzen im Handel mit insgesamt knapp 6.000 Jobs zurück. Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am IWH, sieht vorerst keine Entspannung der Lage. Sehr hohe Werte der Frühindikatoren in den vergangenen Monaten lassen weiterhin hohe Zahlen erwarten. Laut Steffen Müller ist bis einschließlich Juli 2026 mit sehr hohen Insolvenzzahlen zu rechnen. Lediglich im Mai könnte die geringe Anzahl an Werktagen die Statistik kurzzeitig etwas dämpfen.

Insolvenzwelle rollt über Westeuropa

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Westeuropa haben die Insolvenzzahlen im Jahr 2025 einen neuen Höhepunkt erreicht. Nach einer aktuellen Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung markieren sie den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Insgesamt wurden in Westeuropa 197.610 Unternehmensinsolvenzen registriert. Das entspricht einem Anstieg von 4,8 % gegenüber dem Vorjahreswert von 188.623 Fällen. Laut der Creditreform handelt es sich längst nicht mehr nur um eine konjunkturelle Schwächephase. Strukturelle Standortprobleme, hohe Energiepreise und Bürokratie belasten die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe massiv. Hinzu kommen geopolitische Risiken und ein schwacher Welthandel.

Unterschiedliche Dynamik in den europäischen Staaten

Laut Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, frisst sich die doppelte Belastung tief in die Substanz der Betriebe. In Westeuropa liegt das Insolvenzniveau mittlerweile sogar höher als nach der Finanzkrise 2008. Die Mehrzahl der westeuropäischen Länder verzeichnete 2025 einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen. Am stärksten fiel der Zuwachs in der Schweiz mit einem Plus von 35,3 % aus. Es folgen Griechenland mit 24,4 % und Finnland mit 12,1 %. In Deutschland stiegen die Insolvenzen laut der Analyse um 8,8 %. Auch in Österreich kletterten die Fallzahlen um 4,3 % nach oben.

Große Industrieländer wie Deutschland, Frankreich und Italien litten unter einer ausgeprägten Konjunkturschwäche. Laut Patrik-Ludwig Hantzsch treibt die Krise in diesen Ankerländern die Insolvenzzahlen in ganz Westeuropa an. Das Wirtschaftswachstum in diesen Staaten lag unter dem europäischen Durchschnitt. Nur sechs Länder verzeichneten einen Rückgang der Firmenpleiten. Dazu gehörten unter anderem die Niederlande, Irland und Norwegen. Im Dienstleistungssektor wurde in Westeuropa ein Zuwachs der Insolvenzen um 8,7 % registriert. Das Verarbeitende Gewerbe verzeichnete ein Plus von 3,6 %. Im Baugewerbe blieben die Zahlen mit einem Plus von 0,1 % nahezu unverändert.

Gegenläufige Entwicklung in Osteuropa

Ein völlig anderes Bild zeigt sich in den osteuropäischen Ländern. Dort verringerte sich die Gesamtzahl der Unternehmensinsolvenzen um 7,1 % auf 36.939 Fälle. Damit liegen die Zahlen etwa auf dem Niveau des Jahres 2020. In acht der zwölf untersuchten Länder wurden 2025 weniger Insolvenzverfahren registriert. Der stärkste Rückgang war in Kroatien mit minus 19,4 % zu beobachten. In Polen sank die Zahl geringfügig um 0,6%. Trotz dieses Trends liegen die Zahlen in vielen Wirtschaftsbereichen weiterhin auf einem hohen Niveau. Vor allem das Baugewerbe und der Dienstleistungssektor sind deutlich stärker betroffen als vor der Pandemie.

Steigende Insolvenzzahlen in den USA

Auch in den Vereinigten Staaten erreichte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2025 den höchsten Stand seit fünf Jahren. Insgesamt wurden 31.810 Fälle registriert. Dies ist ein Anstieg um 5,3 % im Vergleich zum Vorjahr. Laut der Analyse der Creditreform erschwerten hohe Zinsen und eine restriktivere Kreditvergabe notwendige Sanierungen. In der Türkei stieg die Zahl der Insolvenzen um 6,0 % auf insgesamt 34.546 Fälle an. Für das Jahr 2026 bleibt der globale Trend laut Experten ungewiss. Ein weiterer Anstieg der Zahlen in vielen Regionen gilt jedoch als wahrscheinlich. Die strukturellen Probleme vieler Volkswirtschaften scheinen sich weiter zu verfestigen.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

Vorheriger ArtikelRSM Ebner Stolz gewinnt Dr. Marc Oberhardt für Standort Düsseldorf
Nächster ArtikelNeue Handelspartner für die deutsche Wirtschaft