Mit Präzision zum Hidden Champion der Halbleiterindustrie

Carlotta Baumann entwickelt Finetech mit technologischem Fokus und organischem Wachstum konsequent weiter

Die Finetech hat ihren Sitz in Berlin-Marzahn.; Fotos: © Finetech GmbH & Co. KG

Als der oberpfälzische Maschinenbauunternehmer Georg Baumann die Nachfolge seiner Unternehmensgruppe regelte, erhielten die vier Kinder nach und nach einzelne Unternehmen. Tochter Carlotta Baumann hat mit der Finetech GmbH einen mittelständischen Nischenanbieter für die Halbleiterindustrie übernommen und in die Zukunft geführt.

Die Produktionshalle der Finetech am Standort Berlin-Marzahn.; Fotos: © Finetech GmbH & Co. KG

Das Firmengelände wirkt eher wie ein Universitätscampus. Die Sitzgruppe am Empfang erinnert an die hippe Start-up-Szene Berlins, Bänke und Tische auf grünen Rasenflächen laden zum Verweilen ein, eine riesige Comiczeichnung am Treppenaufgang zeigt wie in einem Wimmelbild die Entwicklung der Technologie des Unternehmens seit seiner Gründung Anfang der 1990er-Jahre auf. Die Räume für das Büropersonal sind in unterschiedlichen Farben designt. Durch die Fenster in der ersten Etage kann man einen Blick in das Produktionsgebäude werfen. Hier entsteht ein Nischenprodukt: Maschinen, die auf den Mikrometer genau Halbleiterchips montieren. Man stelle sich ein Sandkorn vor, das mit höchster Präzision auf ein anderes Sandkorn aufgesetzt werden müsste, und das nicht nur einmal, sondern Tausende Mal pro Stunde, unter Produktionsbedingungen, mit absoluter Platziergenauigkeit von bis zu 0,2 Mikrometern – das entspricht dem Zweihundertstel eines menschlichen Haares. Was hieraus entsteht, findet sich in fast jedem modernen Gerät: in Chips im Smartphone, in Sensoren autonomer Fahrzeuge, im Herzschrittmacher und modernen Quantencomputern. Kunden in aller Welt und vielfältigen Branchen ordern die Maschinen aus Berlin-Marzahn für ihre Entwicklungs- und Produktionsstätten. Zu je einem Drittel sitzen die Käufer in den USA, in Europa und in Asien.

Erfolgreiche Nachfolgeregelung

Produktneuheit für Fertigungsstätten – FiNEXT P3; Fotos © Finetech GmbH & Co. KG

1992 wurde Finetech in einer Ostberliner Mietswohnung gegründet. Knapp sechs Jahre später stieg Georg Baumann aus dem oberpfälzischen Amberg als strategischer Investor in die junge Firma ein. Das von seiner Familie geführte Maschinenbauunternehmen blickt auf eine Tradition zurück, die bis ins Jahr 1890 reicht. Über die Jahre hinweg gelang es Finetech, organisch zu wachsen. Als es um die Nachfolge im Unternehmen ging, teilte Georg Baumann die Unternehmensgruppe auf die vier erwachsenen Kinder auf. „Unternehmertum liegt bei uns quasi im Blut. Wenn man in einer Familie aufwächst, in der Unternehmen gebaut, geführt und weiterentwickelt werden, entwickelt man ein Gespür dafür – lange, bevor man es formell lernt“, sagt Carlotta Baumann, Jahrgang 87. Sie begann sich schon frühzeitig für technische Dinge zu interessieren und studierte in Berlin Elektrotechnik. Ihre Masterarbeit schrieb sie im Fachbereich Sensorik und Aktuatorik; unter Letzterem versteht man die Kraftübertragung im Maschinenbau vergleichbar mit einem menschlichen Muskelsystem. 2015 begann sie bei einer Tochtergesellschaft von Finetech im Management. 2021 übernahm sie als geschäftsführende Gesellschafterin die Anteile an Finetech, die mittlerweile auf 200 Beschäftigte angewachsen war.

Regelmäßiger Austausch mit den Geschwistern über KI-Themen

Chip-Packing – wichtiges Teilgebiet der Halbleiterindustrie; Foto: © Finetech GmbH & Co. KG

Unter den Geschwistern, die innerhalb ihrer Gruppe rund 1.600 Mitarbeiter beschäftigten, herrscht ein regelmäßiger Austausch zu Themen der Unternehmensführung und zu Zukunftsthemen wie Digitalisierung und dem Einsatz von KI. „Strategisch wollen wir Innovationsführer in unserer Nische werden und unser umfassendes Servicekonzept weltweit ausbauen. Dann haben wir eine KI-Roadmap aufgesetzt – diese soll sowohl in unsere Produkte als auch in unsere internen Prozesse einfließen“, schildert Carlotta Baumann die Ziele in ihren Unternehmen. „Wir haben dabei ein übergreifendes KI-Team installiert, damit alle Geschwister von den Erfahrungen der anderen profitieren können. Auf diese Weise können KI-Lösungen für jedes Unternehmen, das die vier Geschwister führen, zeitgleich entwickelt werden. KI ist zwar ein strategisches Thema für jeden von uns, aber die Umsetzung ist harte Arbeit, gerade weil sie sich so dynamisch entwickelt“, so die Inhaberin von Finetech. So profitieren alle von KI-Lösungen, die unter anderem gemeinsam mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin entwickelt werden. Auch die Mitarbeiter werden im Rahmen von regelmäßigen Sprechstunden motiviert, Ideen für den Einsatz der KI zu entwickeln. „Wichtig ist, dass jeder den Mehrwert von KI erkennt und sich nicht durch sie bedroht fühlt“, so Carlotta Baumann.


„Finanzielle Unabhängigkeit ist für mich ein strategisches Prinzip“

Interview mit Carlotta Baumann, geschäftsführende Gesellschafterin, Finetech GmbH & Co. KG

Unternehmeredition: Frau Baumann, wie wirkt sich die aktuelle globale Wirtschaftslage insbesondere im Halbleitergeschäft auf Ihr Unternehmen aus?

Carlotta Baumann; Foto: © Finetech GmbH & Co. KG

Carlotta Baumann: Natürlich spüren wir geopolitische Veränderungen – aber wir können sie abfedern, weil wir sehr breit aufgestellt und in mehreren Branchen aktiv sind. Und wir sind geografisch diversifiziert. So konnten wir zum Beispiel den Wegfall des Russlandgeschäfts kompensieren. Auch ein anderer Faktor spielt eine Rolle: unsere finanzielle Unabhängigkeit.

Was hat es damit auf sich?

Wir haben keine externen Investoren, die in Krisenzeiten Druck machen. Das gibt uns eine Stabilität, die ich in dieser Branche für nicht selbstverständlich halte. Finanzielle Unabhängigkeit ist für mich ein strategisches Prinzip. Wir wachsen aus eigener Kraft und reinvestieren konsequent in Innovation. Die Fähigkeit, aus eigener Kraft zu entscheiden, ist ein Wettbewerbsvorteil, den man erst zu schätzen weiß, wenn man ihn hat.

Was ist für Sie das Wichtigste bei der Führung Ihres Unternehmens?

Ich glaube, das Wichtigste ist, sich über die eigene Nische im Klaren zu sein und sie dann konsequent zu führen. Wir sind kein Unternehmen, das versucht, für alle da zu sein. Wir sind tief in unserem Bereich und genau das macht uns stark. Was ich außerdem weitergeben möchte: Investiere in die Teams und Kollegen. Motivierte, engagierte Mitarbeiter sind kein Bonus – sie sind entscheidend.


KURZPROFIL

Finetech GmbH & Co KG

Branche: Maschinen- und Anlagenbau

Gründungsjahr: 1992

Firmensitz: Berlin

Mitarbeiter: 200

Umsatz: 25 Mio. EUR

www.finetech.de

Autorenprofil
Torsten Holler

Der Wirtschaftsjournalist Torsten Holler schreibt seit 1987 regelmäßig für renommierte Wirtschaftsmedien über verschiedenste Themen.

Vorheriger Artikel„Die Eigenverwaltung kennt keine Dual-Track-Pflicht“