Gehaltstransparenz wird zur Pflicht

Wie offene Zahlen die Jobsuche verändern

Ab Juni 2026 werden Unternehmen verpflichtet, Gehälter im Bewerbungsprozess offenzulegen und über Entgeltstrukturen zu informieren.
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Die neue EU-Richtlinie zur Gehaltstransparenz bringt Bewegung in den Arbeitsmarkt: Ab Juni 2026 werden Unternehmen verpflichtet, Gehälter bereits im Bewerbungsprozess offenzulegen und regelmäßig über Entgeltstrukturen zu informieren. Was bislang als freiwilliger Schritt zu mehr Fairness galt, wird damit zur gesetzlichen Pflicht – und zu einem echten Wettbewerbsfaktor im Kampf um Fachkräfte. Wer Transparenz schon jetzt aktiv lebt, stärkt nicht nur das Vertrauen potenzieller Mitarbeitender, sondern positioniert sich als moderner, verantwortungsvoller Arbeitgeber.

Die neue EU-Richtlinie zur Gehaltstransparenz, deren Umsetzung bis zum 7. Juni 2026 erfolgen muss, dürfte die Jobsuche und das Recruiting erneut verändern. Künftig müssen Gehaltsangaben bereits im Bewerbungsprozess erfolgen, jährliche Informationen zu Entgeltkriterien werden verpflichtend, und bei Lohndiskriminierung liegt die Beweislast künftig beim Arbeitgeber. Sanktionen bei Verstößen erhöhen den Druck, faire Vergütungsmodelle umzusetzen. Damit ist klar: Unternehmen, die sich frühzeitig auf die neuen Regelungen einstellen, sichern sich nicht nur einen Vorsprung bei der Fachkräftesuche, sondern vermeiden auch rechtliche Risiken.

Gehälter offen zu kommunizieren ist für viele Unternehmen noch ungewohnt, für Bewerberinnen und Bewerber heute jedoch ein entscheidender Faktor. Laut einer Stepstone-Befragung 2024/2025 steigt die Bewerbungswahrscheinlichkeit deutlich, wenn Gehaltsangaben vorhanden sind. Umgekehrt hat bereits jede zweite Person auf eine Bewerbung verzichtet, wenn die Vergütung in der Anzeige fehlte.

Wer schweigt, verliert

Transparenz in Sachen Gehalt prägt das Unternehmensimage nachhaltig. Bewerberinnen und Bewerber erhalten durch klare Angaben eine realistische Orientierung: Für 76 % der Befragten entscheiden Informationen über die Vergütung, ob ein Jobangebot überhaupt interessant ist. Klare Zahlen vermeiden Frust in späteren Gesprächsrunden, wenn Gehaltsvorstellungen plötzlich auseinandergehen. Zudem signalisieren Unternehmen damit Offenheit, Wertschätzung und Vertrauen. Eine große Mehrheit – 82 % der Menschen in Deutschland – befürwortet eine allgemeine Gehaltstransparenz ausdrücklich. Spätestens mit Inkrafttreten der EU-Richtlinie wird Offenheit daher kein freiwilliges Plus mehr sein, sondern eine Voraussetzung, um als Arbeitgeber wettbewerbsfähig zu bleiben.

Klare Zahlen schaffen Vertrauen

Unternehmen profitieren von transparenter Vergütung auf mehreren Ebenen. 86 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten bewerten Firmen positiv, wenn Stellenanzeigen transparente Gehaltsangaben enthalten. Diese fördern relevante Bewerbungen und reduzieren Zeitverluste durch unpassende Kandidaturen. Offene Kommunikation schafft eine Situation auf Augenhöhe, in der unnötige Gehaltsverhandlungen entfallen. Darüber hinaus wirkt Gehaltstransparenz als wirksames Instrument gegen den Gender Pay Gap: Aktuell liegt die Lohnlücke in Deutschland bei rund 15 % – 2020 waren es noch knapp 19 %. Offene Gehaltsstrukturen ermöglichen eine faire Vergütung und tragen dazu bei, Diskriminierung zu vermeiden. Unternehmen, die diesen Weg aktiv gehen, positionieren sich als fortschrittliche Arbeitgeber und setzen ein starkes Zeichen für Gleichberechtigung.

Offenheit lohnt sich doppelt

Das Entgelttransparenzgesetz aus dem Jahr 2017 gewährt Beschäftigten bereits Auskunft über vergleichbare Gehälter in Unternehmen ab 200 Mitarbeitenden und verpflichtet Betriebe ab 500 Mitarbeitenden zu regelmäßigen Berichten über Entgeltgleichheit. Doch erst durch die neue EU-Richtlinie bekommt das Thema echten Schub: Offene Gehaltsangaben fördern Vertrauen, sparen Zeit und ziehen qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber an. Gleichzeitig leisten sie einen Beitrag zu fairer Bezahlung und Gleichberechtigung. Wer Transparenz jetzt schon aktiv lebt, kann die kommenden Vorgaben nicht nur stressfrei erfüllen, sondern sich als moderner, verantwortungsvoller Arbeitgeber positionieren. Für Kandidatinnen und Kandidaten bedeutet das: eine fundierte Entscheidungsgrundlage und mehr Sicherheit bei der Jobsuche.

Fazit:

Gehaltstransparenz wird zum festen Bestandteil einer modernen Arbeitskultur. Sie schafft Vertrauen, stärkt die Arbeitgebermarke und trägt zu echter Gleichberechtigung bei. Unternehmen, die frühzeitig auf Offenheit setzen, gewinnen nicht nur Talente – sie sichern sich einen klaren Vorsprung in einem zunehmend werteorientierten Arbeitsmarkt.

Autorenprofil
Jan-Niklas Hustedt
Sparkassen-Personalberatung GmbH | Website

Jan-Niklas Hustedt ist Geschäftsführer der Sparkassen-Personalberatung. Sie gehört zur Sparkassen-Finanzgruppe und ist in dieser Form die größte Inhouse-Personalberatung in der DACH-Region. Derzeit beschäftigt das Unternehmen 60 Mitarbeiter. Dabei versteht sich die Sparkassen-Personalberatung als Vermittler hochqualifizierter Fach- und Führungskräfte für Festanstellungen innerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe sowie bei deren Kunden aus Wirtschaft und Gesellschaft. Ihr Fokus liegt sowohl auf Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels als auch auf der Etablierung eines modernen, bewerberorientierten Recruiting-Prozesses.

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