Fachkräfte wählen heute genau aus, wo sie arbeiten wollen. Geld allein reicht nicht mehr – Sicherheit, Gesundheit und Wertschätzung sind zu Schlüsselfaktoren geworden. Unternehmen, die beim Arbeitsschutz sparen, zahlen am Ende doppelt: durch Ausfallzeiten, sinkende Produktivität
Arbeitsschutz ist längst kein Pflichtprogramm mehr, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sicherheit zur echten Stärke im Wettbewerb um die besten Fachkräfte wird
Fachkräftemangel als Ausgangspunkt
Vom Grundsatz her betrachtet, ist die Ausgangslage eindeutig: Wir haben in Deutschland einen Fachkräftemangel, und zwar unabhängig von Branchen und Unternehmensgrößen. Das zeigt sich sowohl im Handwerksbetrieb um die Ecke, etwa beim Bäcker, der keine Mitarbeitenden mehr findet, als auch in der Produktion oder Logistik.
In der Nahrungsmittelindustrie sowie auch im Logistikbereich tritt dieser Mangel teilweise noch stärker auf, als in anderen Branchen. Hier werden häufig ungelernte Kräfte eingesetzt, die erst angelernt werden müssen; zudem gibt es vielerorts Sprachbarrieren. Dass sich diese Situation in absehbarer Zeit grundlegend ändert, ist nicht zu erwarten. Unternehmen sind daher gezwungen, Mitarbeitende einzustellen, die nicht die volle fachliche Expertise mitbringen, und gleichzeitig Strategien zu entwickeln, um die vorhandenen Fachkräfte am Markt gezielt anzusprechen und langfristig zu halten.
Dabei spielt Sicherheit eine immer größere Rolle. Bewerberinnen und Bewerber fragen zunehmend nach konkreten Themen wie Unfallzahlen, Krankenständen oder den Maßnahmen zum Gesundheitsschutz. Vor allem aus dem Mittelstand und aus Konzernen ist verstärkt zu hören, dass im Vorstellungsgespräch gezielt nach dem Arbeits- und Gesundheitsschutz gefragt wird. Wer hier keine überzeugenden Antworten hat, verliert an Attraktivität.
Sicherheitskultur als Teil der Unternehmenskultur
Arbeitsschutz ist kein isoliertes Thema, sondern eng mit der Unternehmenskultur verbunden. Wo Mitarbeitende Angst haben, über Arbeitsunfälle oder Beinahe-Unfälle zu sprechen, weil sie Sanktionen befürchten, werden auch Abweichungen bei Qualitätsthemen nicht gemeldet. Kognitiv lässt sich das nicht trennen: Eine Kultur des Schweigens in einem Bereich zieht Folgen in vielen anderen nach sich.
Deshalb ist eine starke Sicherheitskultur notwendig, die Offenheit und Vertrauen schafft. Eine solche Kultur führt dazu, dass Arbeitsunfälle und unsichere Verhaltensweisen reduziert werden und sichere Aktivitäten zunehmen. Sie entsteht allerdings nicht von allein: Sie muss von der Führung vorgelebt und systematisch aufgebaut werden. Führungskräfte haben hierbei eine zentrale Rolle: Sie müssen ihre Aufgaben im Arbeitsschutz kennen, Gefährdungsbeurteilungen durchführen, Unterweisungen umsetzen und die Beschäftigten aktiv einbeziehen. Nur wenn Vorgaben nicht am grünen Tisch entstehen, sondern in Zusammenarbeit mit den betroffenen Mitarbeitenden, kann eine gelebte Sicherheitskultur entstehen.
Von Regeln zu gelebter Verantwortung
Eine wirksame Sicherheitskultur bedeutet, weg von Schuldzuweisungen und hin zu einem offenen Umgang mit Fehlern zu kommen. Ziel ist es, gemeinsam aus Fehlern zu lernen. Das schließt arbeitsrechtliche Konsequenzen in Extremfällen nicht aus, doch im Vordergrund steht immer, einen offenen, wertschätzenden Umgang zu pflegen.
Für viele Menschen ist es heute entscheidend, nicht nur zur Arbeit zu gehen, sondern sich dort auch wohlzufühlen und respektiert zu werden. Genau das kann durch eine starke Sicherheitskultur erreicht werden. Und gelingt es, Arbeitsschutz so in die Unternehmenskultur zu integrieren, dann wirkt sich das auch positiv auf andere Bereiche aus – von der Qualität über über geringere Abfallmengen in der Produktion bis hin zu einer guten Produktionsmarge.
Strategische Entwicklung statt Einzelmaßnahmen
Eine gute Sicherheitskultur zu etablieren ist bereits für sich genommen ein anspruchsvolles Ziel, an dem viele Unternehmen scheitern. Häufig liegt das daran, dass sich auf zunächst gut klingende Einzelmaßnahmen verlassen wird. So wird beispielsweise eine verhaltensbasierte Begehung, bei der auf Verhaltensweisen von Mitarbeitenden geachtet wird, alleine eine Kultur nicht verändern können. Zu Komplex sind die Wechselwirkungen und Dynamiken in einem Unternehmen.
Stattdessen braucht es einen klaren Fahrplan. Zunächst müssen die bestehenden Strukturen und Probleme analysiert werden. Dazu gehört die Frage, ob Mitarbeitende noch Ängste haben, unsichere Situationen oder Beinahe-Unfälle zu melden. Ebenso ist zu prüfen, ob Führungskräfte ihre Aufgaben im Arbeitsschutz wirklich kennen und in der Lage sind, diese umzusetzen. Wichtig ist außerdem, zu klären, wie die Mitarbeitenden beteiligt werden, welche Hürden bestehen und welche Prozesse in der Praxis nicht sinnvoll sind.
Auf dieser Grundlage kann eine Strategie entwickelt werden, die Sicherheit systematisch verankert. Es geht darum, wegzukommen von einer rein regelbasierten Kultur, in der Vorschriften gemacht und deren Einhaltung erwartet wird, hin zu einer Kultur des Miteinanders. Eine solche Kultur entsteht nur, wenn alle Ebenen, von der Geschäftsführung bis zu den Mitarbeitenden, eingebunden werden. Sie verlangt nach Offenheit, Vertrauen und der Bereitschaft, Fehler als Lernchancen zu begreifen. Nur wenn Arbeitsschutz ganzheitlich und strategisch gedacht wird, kann er seine volle Wirkung entfalten.
Kommunikation nach innen und außen
Doch selbst die beste Sicherheitskultur entfaltet nur begrenzt Wirkung, wenn sie unsichtbar bleibt. Arbeitsschutz muss aktiv kommuniziert werden, innerhalb des Unternehmens und nach außen. Intern ist es wichtig, dass Führungskräfte und Beschäftigte regelmäßig über Fortschritte, Maßnahmen und Ziele informiert werden. Dadurch wird Arbeitsschutz als selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitsalltags erlebbar.
Nach außen trägt Kommunikation ebenfalls entscheidend bei. Unternehmen sollten ihre Website nutzen, um ihr Engagement im Bereich Arbeitssicherheit sichtbar zu machen, Erfolge darzustellen und, wo sinnvoll, auch Mitarbeitende in die Kommunikation einzubeziehen. Auf Messen, bei Azubi-Veranstaltungen oder Arbeitgeberauftritten sollte das Thema Arbeitssicherheit stets präsent sein. Dazu gehört auch, psychische Gesundheit mitzudenken: Mental-Health-Angebote sind längst kein „weiches“ Thema mehr, sondern ein fester Bestandteil moderner Präventionsarbeit.
Wer seine Sicherheitskultur sichtbar macht, gewinnt an Glaubwürdigkeit und schafft Vertrauen, sowohl bei Bewerberinnen und Bewerbern als auch bei den eigenen Mitarbeitenden.
Sichtbare Ergebnisse als Wettbewerbsvorteil
Eine konsequente Sicherheitskultur führt dazu, dass Unfallzahlen und Krankheitsstände sinken. Unternehmen, die hier erfolgreich sind, können auf Nachfragen überzeugende Kennzahlen präsentieren. Diese Zahlen sind nicht nur intern wichtig, sondern auch für das Image nach außen. Sie zeigen, dass Arbeits- und Gesundheitsschutz nicht nur gefordert, sondern gelebt wird.
Bewerberinnen und Bewerber entscheiden sich eher für einen Betrieb, in dem sie Sicherheit, Gesundheit und Wertschätzung erleben. Gleichzeitig steigt die Bindung der bestehenden Fachkräfte, die sich ernst genommen fühlen und Vertrauen in die Unternehmenskultur entwickeln. Damit entsteht ein doppelter Effekt: weniger Ausfälle, mehr Motivation und eine höhere Attraktivität als Arbeitgeber.
Fazit: Sicherheitskultur als entscheidender Faktor im Kampf um Talente
Am Ende ist Arbeitssicherheit weit mehr als die Erfüllung gesetzlicher Pflichten. Sie ist Ausdruck einer wertschätzenden Unternehmenskultur und damit ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten. Wer konsequent in eine starke Sicherheitskultur investiert, verbessert nicht nur seine Unfall- und Krankenzahlen, sondern erhöht zugleich die Attraktivität als Arbeitgeber. So wird Arbeitsschutz zu einem echten Wettbewerbsvorteil.





