Post-Corona-Boom: Zunächst Segen und dann Fluch für die Finanzmärkte

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Mit der beschleunigten Impfkampagne hellt sich die Weltwirtschaft weiter auf. Während die Konjunkturdynamik in China schon im 2. Halbjahr wieder etwas abflauen dürfte, zieht sie in den USA und in der Eurozone an. An den Finanzmärkten sind dies gute Nachrichten für Risikoassets wie Aktien und Unternehmensanleihen, während nominale Staatsanleihen unter Druck kommen sollten. Inflationsindexierte Staatsanleihen hingegen dürften von der anziehenden Inflation profitieren. In ihrer Konjunkturkolumne analysieren die Volkswirte des Asset Managers Bantleon ab sofort alle vier Monate die weltwirtschaftliche Entwicklung. Ausgehend von den globalen Konjunkturprognosen werden auch die Chancen für einzelne Assetklassen beleuchtet.

Nach wie vor schwebt die Coronapandemie wie ein Damoklesschwert über der Weltwirtschaft. Allerdings wird der Silberstreif am Horizont immer größer. Die globale Impfkampagne verläuft – zumindest in den westlichen Industrieländern – auf Hochtouren. In Europa und Nordamerika sind bereits mehr als 50% der erwachsenen Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Gleichzeitig befinden sich die Zahlen zu den Neuinfektionen und Hospitalisierungen im freien Fall. Für einen bedeutenden Teil der Welt bestehen somit gute Chancen, bis zum Jahresende zu einer Art Normalität zurückzukehren. Damit ist die Basis für einen globalen Konjunkturboom gelegt.

Bei der Pandemiebekämpfung war zunächst China ein Vorreiter. Das Reich der Mitte ist entsprechend seit Mitte 2020 Lokomotive der Weltwirtschaft. Mittlerweile deuten unsere weit vorausschauenden Frühindikatoren allerdings darauf hin, dass sich die Dynamik im 2. Halbjahr 2021 abschwächt. Ein Grund dafür ist die Zurückhaltung in der Geld- und Fiskalpolitik. Allen voran ist die chinesische Regierung darauf bedacht, den Schuldenberg im Zaum zu halten. Im Ergebnis dürfte das Wachstum zum Jahresende von aktuell über 15% (im Vorjahresvergleich) auf den früheren Trendpfad von circa 6% p.a. zurückfallen.

USA lösen China als Konjunkturlokomotive ab

Für das weltwirtschaftliche Umfeld ist die etwas ruhigere Gangart in China unproblematisch, denn die andere große Volkswirtschaft wird in die Bresche springen: Allen voran hat die ultraexpansive Fiskalpolitik der US-Regierung den Boden für einen kräftigen Konjunkturschub bereitet. Dank der vielfältigen Einkommenshilfen (Steuerschecks, Aufstockung Arbeitslosengeld, Zuschüsse für Selbständige etc.) hat sich bei den Konsumenten ein riesiger Sparüberhang gebildet – nach unseren Berechnungen lagern auf den Konten der Konsumenten über 2 Bln. USD an zusätzlicher Liquidität (knapp 10% des BIP, vgl. Abbildung 1). Wird nur die Hälfte davon in den nächsten Monaten ausgegeben, resultiert daraus ein gewaltiger Wachstumsimpuls. Zumal auch der Immobilienmarkt boomt, die Investitionen anziehen und der Außenhandel brummt. In Anbetracht dessen gehen wird davon aus, dass sich die USA aus der Rezession katapultieren und das BIP Anfang 2022 bereits wieder gut 5% über dem Vorkrisenniveau liegen wird.

Die Eurozone bleibt damit 2021 in ein freundliches globales Umfeld eingebettet. Die weltweit hohe Nachfrage nach Industriegütern sorgt bereits jetzt für ein Stimmungshoch im deutschen verarbeitenden Gewerbe. Dank der gut laufenden Impfkampagne wird es aber auch im Dienstleistungssektor in den nächsten Monaten zu einer Wiederrauferstehung kommen. Schließlich sollte – anders als nach der Finanzkrise – selbst Südeuropa zu den Gewinnern des Aufschwungs zählen. Die gelockerten Fiskalregeln und der Wideraufbaufonds sind ein Segen für Italien, Spanien, Griechenland und Portugal.

Das BIP der Eurozone, das im 1. Quartal 2021 noch mehr als 5% unter dem Niveau von Anfang 2020 lag, dürfte bereits Ende 2021 wieder zum Vorkrisenniveau aufschließen und es 2022 erkennbar überschreiten. Der Schrecken der Rezession wird daher auch in der Währungsunion recht schnell einem gesunden Optimismus weichen.

Eurozone: Inflation steigt Richtung 3%-Marke

Der Wermutstropfen ist, dass die neue Allianz aus ultraexpansiver Geld- und Fiskalpolitik nicht nur zur Überwindung der Coronakrise beiträgt, sondern zugleich den Geist der Inflation aus der Flasche befördert. Die Teuerungsrate dürfte in der Eurozone 2021 phasenweise die 3%-Marke streifen. Darin spiegeln sich zwar auch Sonderfaktoren, aber gleichzeitig wurde ein nachhaltiger Inflationsprozess in Gang gesetzt.

So sind die Kapazitätsengpässe an den Rohstoffmärkten und in der Industrie (Stichwort: Chipmangel) nicht so schnell wieder zu beseitigen. Daneben wird die expansive Fiskalpolitik zum Dauerbrenner. Nach der Coronakrise bietet die Herausforderung des Klimawandels einen guten Vorwand, um die öffentlichen Investitionen weiter hochzufahren. Auch sagen immer mehr Regierungen der sozialen Ungleichheit den Kampf an, was inflationstreibend wirkt (unter anderem durch die Erhöhung von Mindestlöhnen). Schließlich ordnen viele Unternehmen ihre globalen Lieferketten neu, wobei nicht mehr Kosteneffizienz, sondern die stabile Versorgung mit Vorprodukten das zentrale Kriterium ist. In Anbetracht dessen rechnen wir damit, dass die Inflation der Eurozone auch 2022 und 2023 auf einem erhöhten Niveau von gut 2% verharren wird, wobei mehr Aufwärts- als Abwärtsrisiken bestehen.

Renditen deutscher Bundesanleihen ziehen weiter an

Dieses makroökonomische Umfeld wird sich auch auf die Finanzmärkte auswirken, weshalb sich ein prüfender Blick aufs eigene Portfolio empfiehlt. So ist mit weiter steigenden Anleihenrenditen zu rechnen, was auch unsere Frühindikatoren nahelegen, die unseren freundlichen Wachstumsausblick untermauern (vgl. Abbildung 2). Die Notenbanken werden in Anbetracht dessen nicht umhinkommen, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen und mit der Rückführung der Wertpapierkäufe zu beginnen. Staatsanleihen geraten vor diesem Hintergrund weiter unter Druck. Die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen sollten Anfang 2022 klar im Plus liegen und 10-jährige US-Treasuries über 2,0% rentieren. Vor dem Hintergrund anziehender Inflationsraten dürften inflationsgeschützte Staatsanleihen weiter besser abschneiden als ihre nominalen Pendants.

Auch Unternehmensanleihen sollten ihre Outperformance gegenüber Staatsanleihen beibehalten. Mit der konjunkturellen Erholung nimmt der Risikoappetit der Investoren zu. Gleichzeitig sinken die Ausfallraten. Wir gehen daher davon aus, dass sich die Risikoprämien von Unternehmensanleihen den früheren zyklischen Tiefstständen nähern. Das größte Potenzial sehen wir bei nachrangigen Anleihen von Industrieunternehmen (Corporate Hybrids) und Hochzinsanleihen (High-Yields).

Aktien und Rohstoffe haben noch Aufwärtspotenzial

Der Renditeanstieg und die Trendwende in der Geldpolitik werden zweifelsohne die globalen Aktienmärkte etwas bremsen. Dennoch sehen wir Aktien weiterhin als attraktiv an. Am Ende ist für die Unternehmen nämlich entscheidend, ob sich die Gewinnperspektiven namhaft verbessern und dies legt der absehbare Konjunkturboom nahe. Zwar wird das Fahrwasser an den Börsen insgesamt etwas rauer, aber dennoch sehen wir bei DAX und Eurostoxx50 bis Mitte 2022 noch Potenzial für ein Kursplus von gut 10%.

Die Hausse an den Rohstoffmärkten ist aus unserer Sicht ebenfalls noch nicht ausgereizt – vor allem bei Industriemetallen. Bis sich die Kapazitäten an die anhaltend hohe Nachfrage angepasst haben, werden einige Quartale vergehen.

FAZIT

Dank des Post-Corona-Booms können die Investoren für die nächsten zwölf Monate nochmals auf Risk-on setzen. Die heraufziehenden Inflationsgefahren werden jedoch langfristig die Ertragsperspektiven an den Finanzmärkten belasten.


 

Autorenprofil
Dr. Daniel Hartmann

Dr. Daniel Hartmann ist Chefvolkswirt der Bantleon Bank AG. Nach seinem Volkswirtschaftsstudium an der Universität Hohenheim arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim und promovierte zum Dr. oec. mit »summa cum laude«. Im Jahr 2005 begann Daniel Hartmann als Analyst Economics bei der Bantleon Bank AG in Zug, im Jahr 2008 wurde er zum Senior Analyst Economic Research ernannt, Ende 2017 zum Chefvolkswirt.

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