Wie Fusionen unter Gleichen neue Werte schaffen

Foto: © metamorworks_AdobeStock
Foto: © metamorworks_AdobeStock

Die Unternehmensberatung Roland Berger hat eine Untersuchung zum Thema Fusionen unter Gleichen durchgeführt. Nach Angaben der Berater gewinnen solche Zusammenschlüsse als Ausweg für mittelständische Unternehmen und Finanzinvestoren an Bedeutung. Viele Betriebe befinden sich in einer mittleren Unternehmensgröße ohne ausreichende Skaleneffekte. Sie können nicht mit großen Marktführern konkurrieren. Gleichzeitig stehen Private-Equity-Firmen vor der Herausforderung, ältere Portfoliounternehmen erfolgreich zu veräußern. Ein Zusammenschluss unter Gleichen bietet hier neue und nachhaltige Möglichkeiten zur Wertsteigerung und Marktpositionierung beider Partner. Die Autoren der Studie sind Jörg Eschmann, Andreas Grille und Dieter Atzwanger.

Auswege aus strukturellen Größennachteilen

Das Marktmodell zeigt deutliche Unterschiede bei den Unternehmensbewertungen auf. Die Bewertungsmultiplikatoren steigen mit der tatsächlichen Unternehmensgröße spürbar an. Transaktionen mit einem Unternehmenswert zwischen 250 Mio. USD und 500 Mio. USD erreichten laut GF Data durchschnittlich 9,7x EBITDA. Kleinere Transaktionen zwischen 10 Mio. USD und 25 Mio. USD erzielten lediglich 5,9x EBITDA. Dieser Bewertungsunterschied spiegelt den höheren Wert von Skaleneffekten wider. Auch die Ökonomen Fama und French wiesen höhere Kapitalkosten bei kleineren Einheiten nach. Eine Fusion unter Gleichen löst dieses Größendefizit ohne Barzahlung oder Verwässerung direkt auf. Zwei eigenständig zu kleine Einheiten verbinden sich zu einem gemeinsamen Akteur. Operative Vorteile entstehen durch Verschlankung der Wertschöpfungsketten und Reduzierung doppelter Verwaltungskosten. Auch der betriebliche Standortfußabdruck wird optimiert. Finanzielle Vorteile ergeben sich aus einer verbesserten Kapitalstruktur und einer höheren Verschuldungskapazität. Dies erweitert den finanziellen Handlungsspielraum für künftige Investitionen deutlich.

Lösungsansätze für Finanzinvestoren

In sich konsolidierenden Branchen stehen mittelständische Akteure vor der Entscheidung zwischen Wachstum und einer Übernahme. Die Fusion unter Gleichen bietet einen dritten Weg ohne die Asymmetrien klassischer Übernahmen. Anstelle einer Käufer-Zielobjekt-Dynamik treten beide Parteien als gleichberechtigte Miteigentümer auf. Sie teilen zukünftige Wertsteigerungen und gestalten die strategische Ausrichtung gemeinsam. Zusätzlich geraten Private-Equity-Gesellschaften bei älteren Beteiligungen zunehmend unter Handlungsdruck. Rund 30% aller Portfoliounternehmen weltweit sind mittlerweile älter als sieben Jahre. Die Nutzung von Fortführungsfonds nahm stark zu. Das Transaktionsvolumen dieser von Managern geführten Zweitmarktgeschäfte erreichte laut dem Analysehaus Jefferies im Jahr 2025 eine Summe von 115 Mrd. USD. Dies entspricht einem Anstieg um 48% gegenüber dem Vorjahr. Die durchschnittliche Transaktionsgröße stieg auf 900 Mio. USD. Bei den Top-100-Sponsoren schlossen knapp 80% eine solche Transaktion ab. Fortführungsfonds stellen jedoch meist nur einen Haltemechanismus dar. Ein Zusammenschluss verbessert das operative EBITDA-Profil und schafft bessere Voraussetzungen für Verkäufe oder Börsengänge. Zwei einzeln zu kleine Betriebe erreichen gemeinsam die notwendige Emissionsfähigkeit am Kapitalmarkt.

Neue Handlungsspielräume für Technologiesektor

Das aktuelle Umfeld im Technologiesektor erfordert immense Investitionen für künstliche Intelligenz und digitale Transformation. Laut der Stanford University erreichten die weltweiten Unternehmensinvestitionen in künstliche Intelligenz im Jahr 2024 eine Summe von 252,3 Mrd. USD. Die privaten Investitionen stiegen um 44,5% gegenüber dem Vorjahr. Viele mittelständische Technologieunternehmen besitzen zwar spezialisierte Fähigkeiten, aber es fehlt ihnen an Skalierung oder Kapital. Der direkte Kauf eines gleich großen Konkurrenten ist häufig zu teuer. Durch die Vereinigung von Technologieplattformen, Fachkräften und Kundenstämmen erreichen zwei Einheiten die kritische Masse. Dies geschieht im Rahmen einer reinen Aktientransaktion ohne Barzahlung. Das Modell der gemeinsamen Eigentümerschaft sichert beiden Seiten die langfristige Beteiligung am künftigen Erfolg.

Eine Fusion unter Gleichen gehört laut den Studienautoren zu den komplexesten Aufgaben in der Unternehmensfinanzierung. Im Unterschied zu normalen Übernahmen müssen beide beteiligten Partner alle Prozessschritte völlig parallel und transparent durchführen. Bei der Partnerwahl entscheiden der strategische und der kulturelle Fit über das Gelingen. Fehlende Übereinstimmungen bei der Vision oder beim Wachstum gefährden das Vorhaben. Zusätzlich müssen identifizierte Synergiepotenziale ausreichend Sicherheit für spätere Korrekturen bieten. Der Austausch von vertraulichen Handelsdaten erfordert streng kontrollierte Datenräume zur Vermeidung von Kartellrechtsverstößen. Beide Unternehmen agieren gleichzeitig als Käufer und Verkäufer. Dies erfordert die steuernde Koordination von vier parallelen Due-Diligence-Prozessen. Die Bewertung beider Einheiten muss auf konsistenten Methoden und einheitlichen Annahmen basieren.

Zielmodell für den gemeinsamen Betrieb

Die Ermittlung der Aktienverteilung stellt eine zentrale Verhandlung dar. Die Anteile müssen die Stand-alone-Werte und die jeweiligen Synergiebeiträge widerspiegeln. Ein vollständiges Zielbetriebsmodell sichert die Funktionsfähigkeit ab dem ersten Tag. Dazu gehören eine klare Ausrichtung auf Kundensegmente, ein operatives Zielmodell und ausgewogene Führungsstrukturen. Für die Begleitung entwickelt Roland Berger das Rahmenwerk RB Merger Helix. Das Modell unterteilt den gesamten Ablauf in zwei synchrone Hauptphasen. Phase 1 umfasst die Ausrichtung, die Prüfung der Fusionshypothesen und die vorläufige Bewertung. Am Ende steht eine Go-No-Go-Entscheidung. Phase 2 beinhaltet die Due Diligence, die Finalisierung der Bewertung, die Kartellanmeldung und die Vorbereitung der Integration. Das Modell unterstützt Vorstandsmitglieder bei allen strategischen Schritten.

Ein zentrales Element bilde der Clean-Room-Ansatz im Rahmen der sogenannten Sandbox. Ein neutrales Beraterteam analysiert sensible Daten unter strengen Informationsbarrieren. Dadurch bleiben Betriebsgeheimnisse geschützt. Auch kartellrechtliche Vorgaben werden eingehalten. Nur aggregierte und anonymisierte Ergebnisse werden geteilt. Jörg Eschmann, Senior Partner bei Roland Berger, erklärt: „Der Erfolg einer Fusion unter Gleichen hängt von der frühzeitigen Einbindung und Abstimmung aller Stakeholder ab.“ Integrationsprozesse müssten synchronisiert werden. Dies sei der einzige Weg für eine zukunftssichere Organisation. Andreas Grille arbeitet als Partner bei der Beratung und sagt: „Fusionen unter Gleichen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, gemeinsam Werte freizusetzen.“ Kein Partner könne diese Werte allein realisieren. Strategische Ausrichtung und gegenseitiges Vertrauen seien essenziell. Dieter Atzwanger ist Director bei der Gesellschaft. Er sagt: „Der Erfolg einer Fusion unter Gleichen hängt von einer disziplinierten Orchestrierung ab.“ Parallele M&A-Prozesse müssen abgestimmt werden. Die Abstimmung müsse bei Timing, Transparenz und Entscheidungen stimmen.

Strukturierte Steuerung sichert Gesamterfolg

Die Abstimmung aller Beteiligten auf eine gemeinsame strategische Vision muss frühzeitig erfolgen. Ein strukturierter Integrationsplan sichert die Belastbarkeit aller Synergieannahmen ab. Neutral moderierte Reinräume schützen beide Parteien ab dem ersten Datenaustausch. Klare Verantwortlichkeiten für einzelne Arbeitspakete verhindern Verzögerungen im Ablauf. Die frühzeitige Einigung auf gemeinsame Bewertungsparameter wie Peer-Groups, Abzinsungssätze und Projektionslogiken verhindert spätere Konflikte. Die Anteilsverteilung muss die relativen Beiträge transparent abbilden. Governance-Strukturen, das operative Zielmodell und Maßnahmen zur Bindung von Leistungsträgern müssen vor der Vertragsunterzeichnung geklärt sein. Das Beratungsunternehmen wurde 1967 gegründet und hat seinen Hauptsitz in der Stadt München. Es ist die einzige weltweite Strategieberatung europäischen Ursprungs. Das Haus erzielte im Geschäftsjahr 2025 mehr als 1.000 Mio. EUR Umsatz. Die Experten begleiteten bereits mehr als 500 Fusions- und Integrationsprojekte in Konsumgütern, Industrie, Automobilbau, Gesundheit sowie Finanzdienstleistungen.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

Vorheriger ArtikelCutting Company übernimmt insolvente Angerer-Betriebe