Rettung in eigener Regie

 

 

Dem Werkzeugbauer GIW ist dank des neuen Insolvenzrechts die Sanierung in Eigenverantwortung gelungen. Jetzt haben Investoren aus China die Firmengruppe übernommen.

Interessenten aus dem fernen Osten
„Aufbruch nach Westen“ heißt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung, die sich mit der wachsenden Zahl chinesischer Direktinvestitionen in Deutschland befasst. Demnach werden Unternehmen aus dem Reich der Mitte bis zum Jahr 2020 jährlich gut 2 Mrd. Dollar USD in deutsche Firmen investieren –- mehr als dreimal so viel wie noch in 2012. Das meiste davon dürfte in den Mittelstand fließen, für den das allen Unkenrufen zum Trotz positive Seiten hat. „Die übernommenen Unternehmen profitieren häufig von einem verbesserten Marktzugang in China und von der Zuführung frischen Kapitals“, heißt es in der Studie.

Chance für einen Neuanfang
Wie hilfreich Investoren aus dem fernen Osten sein können, haben auch die Gesellschafter und Mitarbeiter des in Heilbronn ansässigen Werkzeugbauers GIW Gruppe erfahren. Dass deren Betrieben heute wieder eine verheißungsvolle Zukunft offen steht, liegt allerdings nicht allein an den neuen Eigentümern. Einen Großteil dazu beigetragen hat auch das im März 2012 in Kraft getretene neue Insolvenzrecht, das erhebliche Vorteile durch die Möglichkeit der Eigenverwaltung mit sich bringt. Die Geschäftsführung kann weiter die Geschicke leiten und muss sie nicht, wie es im Regelinsolvenzverfahren der Fall ist, dem Insolvenzverwalter überlassen.

Für die GIW war das Problem im vergangenen Jahr akut geworden. Die auf Werkzeuge zur Umformung von Fahrzeug-Karosserieteilen spezialisierte Firmengruppe verfügte zwar noch über gut gefüllte Auftragsbücher. Doch aufgrund der langen Projektlaufzeiten von acht bis zwölf Monaten entstand ein erheblicher Vorfinanzierungsbedarf, der schließlich in gefährliche Liquiditätsprobleme mündete. Die drohende Zahlungsunfähigkeit vor Augen suchten die Gesellschafter die Expertise des Münchener Sanierungsberaters Stephan Götschel, der nach gemeinsamer Analyse der Lage dann im Oktober 2012 in die Geschäftsführung berufen wurde. „Viele Gerichte fordern, dass die Eigenverwaltung durch insolvenzerfahrene Manager begleitet wird“, erläutert Götschel, der das Unternehmen nun gemeinsam mit dem bisherigen Geschäftsführer leitete. So sah das auch das Amtsgericht Heilbronn, das dem Antrag auf Eigenverwaltung im November stattgab, und anschließend den Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Tibor Braun als vorläufigen Sachwalter zur Wahrnehmung der Aufsichtsfunktion bestellte. Auch das war eine wichtige personelle Entscheidung. Denn die Strategie des Managements hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn der Sachwalter sie kooperativ begleitet und sich nicht in Opposition zur Eigenverwaltung stellt. „In unserem Fall ist es gelungen, die Sanierungsmaßnahmen in enger gegenseitiger Abstimmung voranzutreiben“, freut sich Götschel.

Zeitfenster für Investorensuche genutzt
Entscheidend für den Erfolg war neben der Sanierung v. a. die zügige Fortsetzung des M&A-Prozesses, den die Gesellschafter bereits im Frühjahr 2012 aktiv gestartet hatten. Als wirklich interessierte Partner erwiesen sich nach wie vor einige strategische Investoren aus China, während es aus Deutschland und Europa keine Angebote gab. Das Management nutzte nun die vorläufige Eigenverwaltung intensiv für die Suche nach dem geeigneten Käufer. Den Zuschlag erhielt schließlich die chinesische Tianijin Motor Dies Gruppe (TQM), die auch das überzeugendste Konzept für die Fortführung hatte. Die börsennotierte Gesellschaft ist einer der weltweit größten Werkzeugbauer, der die Werke in Heilbronn als ideale Ergänzung zum chinesischen Standort sieht und dem der Erwerb zudem einen noch besseren Zugang zu deutschen Premium-Autoherstellern eröffnet. Angesichts des wohl begründeten Interesses beider Seiten ist es dem GIW-Management gelungen, den Verkaufsprozess in einer Rekordzeit von nur zwei Monaten abzuschließen.

Überzeugungsarbeit mit rechtlicher Kompetenz
Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg insgesamt war die frühzeitige Einbindung juristischer Expertise. GIW setzte dabei von Beginn an auf die Beratung durch die Menold Bezler Rechtsanwälte Partnerschaft in Stuttgart, zu deren Schwerpunkten unter anderem Unternehmenskäufe und -verkäufe aus Insolvenzsituationen sowie die Beratung von Investoren aus dem In- und Ausland gehören. Schon beim Insolvenzantrag galt es, durch rechtliche Kompetenz Vertrauen zu schaffen. „Weil viele Gerichte noch nie etwas mit dem Eigenverwaltungsverfahren zu tun hatten, muss man frühzeitig Überzeugungsarbeit für die vom Management geplanten Lösungen leisten und die Anträge sehr fundiert begründen“, betont Dr. Frank Schäffler, Rechtsanwalt bei Menold Bezler. Besondere rechtliche Kompetenz sei zudem rund um den M&A-Prozess erforderlich, da Verträge bei einem Verkauf aus der Insolvenz heraus völlig anders gestaltet werden als im Normalfall.

Die GIW wurde zum 1. Februar im Zuge einer übertragenden Sanierung an die Tianijin Motor Dies Europe GmbH verkauft. Das neu gegründete Unternehmen hat 223 der bislang 300 Mitarbeiter übernommen, wird von einem deutschen Geschäftsführer geleitet und am Standort Heilbronn bleiben. Mit Blick auf die Gläubigerbefriedigung wurden je nach Gruppengesellschaft Quoten bis zu 90 % erreicht. „Wir haben für alle an dem Verfahren Beteiligten ein nahezu optimales Ergebnis erzielt“, resümiert Eigenverwalter Götschel.

Norbert Hofmann
Redaktion@unternehmeredition.de