Arndt G. Kirchhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung, Kirchhoff Automotive GmbH: Perspektiven aus der Krise (Ausgabe 6/2009)

Mittelstand und Globalisierung

Für mittelständische Unternehmen gibt es in der globalisierten Welt noch reichlich Luft nach oben. Gerade einmal ein Viertel der Mittelständler ist auf internationalen Märkten aktiv, die allermeisten davon ausschließlich als Exporteure.

Für mittelständische Unternehmen gibt es in der globalisierten Welt noch reichlich Luft nach oben. Gerade einmal ein Viertel der Mittelständler ist auf internationalen Märkten aktiv, die allermeisten davon ausschließlich als Exporteure. Nur etwa 3% wagen nennenswerte Auslandsinvestitionen. Selbst davon beschränken sich die meisten in erster Linie auf Europa – obschon gerade in Russland, Indien und China in den nächsten Jahren die meiste Dynamik zu erwarten ist. Auslandsaktive Familienunternehmen haben gemäß dem BDI-Mittelstandspanel im Durchschnitt einen gut viermal so hohen Umsatz wie nicht auslandsaktive.

Die Chance globaler Megatrends
Dass unternehmerischer Erfolg auch in Zukunft mit dem rechtzeitigen Schritt ins Ausland verbunden sein wird, hat noch einen weiteren Grund – die geschäftstreibenden Megatrends der kommenden Jahre sind global: der verstärkte Klimaschutz, die Nachfrage nach Energie-, Material und Rohstoff-Effizienz, der demografische Wandel, die wachsenden Anforderungen im Gesundheitssektor und das steigende Bedürfnis nach Mobilität. Das sind Themen, mit denen sich nicht nur Deutschland beschäftigt, auch nicht nur die EU – sondern die ganze Welt. Die entsprechenden politischen Initiativen und Regulierungen können uns zum Vorteil gereichen, wenn es der deutschen Industrie gelingt, ihren technologischen Vorsprung in Marktführerschaft umzumünzen. Gesellschaftlich sitzen wir zum Beispiel beim Klimaschutz oder demografischen Wandel mit vielen in einem Boot. Wirtschaftlich kommt es aber darauf an, dass wir am Ruder sitzen.

Vorbild Hidden Champions
Erfolgreich sind in der globalisierten Welt die Mittelständler, die sich nicht darauf beschränken, gut zu sein. Erfolgreich ist, wer in seinem Sektor der Beste sein will. Wer so unternehmerisch handelt, muss auch vor der Globalisierung keine Angst haben. Im Gegenteil: Die deutsche Industrie kennt jede Menge Erfolgsgeschichten mittelständischer Unternehmen, die eine Nische besetzen und als Hidden Champions weltweit dominieren. Es sind die Geschichten von Mittelständlern, die erkannt haben, was die Globalisierung im besten Fall bedeuten kann. Nämlich, dass sich Qualität und Kundenorientierung überall auf der Welt durchsetzen – und dass familiengeführte mittelständische Unternehmen dafür die richtigen Voraussetzungen haben. Warum? Weil sie organisch wachsen und nicht künstlich aufgebläht werden. Und weil sie sich auf das konzentrieren, was sie am besten können.

Vorurteile aus der Welt schaffen
Jetzt heißt es, ein verzerrtes Bild vom mittelständischen Unternehmen in der globalisierten Welt gerade zu rücken: das des Unternehmers aus der Provinz, der auf dem globalen Markt nichts verloren hat. Außerdem muss das leider allzu weit verbreitete Vorurteil, dass mittelständische Unternehmen keine Auslandsinvestitionen brauchen, aus der Welt geschafft werden. Denn das stimmt nicht. Export ist gut und ein wichtiger Teil des deutschen Erfolgsmodells. Aber wer mit seinen Produkten wirklich erfolgreich sein will, muss nah an seine Kunden ran, muss Kundenprobleme vor Ort lösen. Der Schritt über die deutsche Grenze hinweg ist sinnvoll für den familiengeführten Mittelständler – er ist zuweilen sogar spielentscheidend. Wir mittelständische Industrieunternehmen spielen schon lange nicht mehr in der Regionalliga, sondern – ob wir wollen oder nicht – in der Champions League.

Forderungen an die Politik
Die Politik kann mit nahe liegenden Maßnahmen ihren Teil dazu beitragen, um den Schritt ins Ausland zu erleichtern und um mehr Anreize zu schaffen: Die Instrumente zur Außenwirtschaftsförderung müssen besser aufeinander abgestimmt werden. Aber die Politik muss auch international vor Ort Präsenz zeigen: Wenn deutsche Unternehmen ausländische Märkte erschließen und internationale Projekte realisieren, ist es entscheidend, dass die Bundesregierung sie dabei politisch flankiert. Die zentrale außenwirtschaftspolitische Aufgabe muss aber die weltweite Öffnung der Märkte sein. International muss der Einsatz für offene Märkte und gegen protektionistische Tendenzen verstärkt werden. National stehen allen voran der Bürokratieabbau und die weitere Reform der Erbschaftsteuer im Pflichtenheft. Darüber hinaus müssen die nationalen Steuervorschriften so reformiert und Exportkontrollen und Zollvorschriften so vereinfacht und praxisnah gestaltet werden, dass sie mittelständische Unternehmen – deren Manpower und Ressourcen begrenzt sind – in ihren Auslandsaktivitäten nicht unnötig behindern oder gar davon abschrecken.

Fazit:
Mit Kurzarbeit, Einsparprogrammen und mancher Schlankheitskur haben deutsche Unternehmen die Widrigkeiten der vergangenen Monate ausgestanden. Jetzt – wo die Aufträge langsam wiederkommen, wo wieder Ressourcen frei werden – muss es darum gehen, an der richtigen Stelle zu investieren. Schauen Sie über den Tellerrand! Nutzen Sie den Wiederanfang, um Neues zu probieren! In der globalisierten Welt sind es nicht nur Innovationen und Bildung, sondern auch die Auslandsinvestitionen, die unternehmerischen Erfolg und deutsche Arbeitsplätze absichern können.

Zur Person: Arndt G. Kirchhoff
Arndt G. Kirchhoff ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Kirchhoff Automotive GmbH. Die Unternehmensgruppe umfasst 31 Werke in 12 Ländern und erwirtschaftete 2008 rund 681 Mio. EUR. Zudem ist Kirchhoff Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses und Mitglied des BDI-Präsidiums. www.kirchhoff-gruppe.de, www.bdi.eu

Autorenprofil

Arndt G. Kirchhoff ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Kirchhoff Automotive GmbH. Die Unternehmensgruppe umfasst 31 Werke in 12 Ländern und erwirtschaftete 2008 rund 681 Mio. EUR. Zudem ist Kirchhoff Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses und Mitglied des BDI-Präsidiums. www.kirchhoff-gruppe.de, www.bdi.eu

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