Private Equity im Umbruch: Neue Strategien prägen DACH-Raum

Foto: © Adobestock_ Екатерина Чумаченко

Nach einer spürbaren Erholung im vergangenen Jahr zeigt der europäische Markt für Private Equity wieder eine deutliche Zurückhaltung. Die Dynamik des Vorjahres konnte nicht über die ersten sechs Monate des aktuellen Jahres gerettet werden. Anhaltende makroökonomische Belastungen bremsen die Aktivität der Investoren spürbar aus. Geopolitische Spannungen und eine hartnäckige Inflation erschweren die Rahmenbedingungen für Übernahmen nachhaltig. Zudem verlängern sich die Prozesse bei Transaktionen erheblich. Die Unsicherheit unter den Akteuren nimmt dadurch weiter zu. Der Markt im DACH-Raum bleibt trotz dieser Dämpfer eine zentrale Säule für Beteiligungskapital in Europa. Bei den Transaktionszahlen belegt die Region weiterhin den zweiten Platz direkt hinter Großbritannien und Irland. Dahinter folgen Frankreich sowie die nordischen Länder. Nach Angaben der Unternehmensberatung Roland Berger stehen bei den Beteiligungsgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz umfangreiche liquide Mittel zur Verfügung. Diese sogenannten Dry Powder Reserven liegen bei mehr als 30 Mrd. EUR. Dennoch halten sich die Akteure mit Abschlüssen im laufenden Jahr eher zurück.

Steigende Komplexität bei Übernahmen

Das veränderte Marktumfeld zwingt Beteiligungsgesellschaften zu neuen Wegen bei Akquisitionen. Die Zeiten einfacher Transaktionen scheinen vorerst vorbei zu sein. Höhere Finanzierungskosten verlangen nach deutlich stärkere Ertragszuwächse, um die angestrebten Renditen überhaupt zu erreichen. Die Prüfung der Zielgesellschaften erfolgt daher wesentlich strenger als in den Jahren zuvor. Investorinnen und Investoren richten ihren Blick verstärkt auf Ausgründungen aus Konzernen sowie auf die Übernahme börsennotierter Gesellschaften. Solche Strukturierungen gelten als anspruchsvoll, bieten aber oft verlässliche Substanz. Gleichzeitig verlängern sich die Verhandlungsphasen bis zum endgültigen Vollzug einer Transaktion deutlich. Laut der Studie von Roland Berger führen das verhaltene operative Geschäft vieler Zielunternehmen und langwierige Prüfprozesse zu Verzögerungen. Um das Kapital in den Portfolios dennoch effizient zu verwalten, nutzen Beteiligungsgesellschaften vermehrt alternative Liquiditätswerkzeuge. Dazu gehören vor allem von den Managern initiierte Zweitmarkt-Transaktionen und spezielle Fortführungsfonds. Diese Instrumente erlauben es, erfolgreiche Beteiligungen länger zu halten und veräußerungswilligen Geldgebern dennoch einen Ausstieg zu ermöglichen.

Wandel bei den Branchen

Eine deutliche Verschiebung zeigt sich bei den bevorzugten Sektoren für Investitionen. Zwar bildeten technologieorientierte Unternehmen, Dienstleistungen sowie der Logistiksektor zuletzt die stärksten Säulen beim Dealflow. Allerdings geraten traditionelle Softwaremodelle zusehends unter Druck. Das Zeitalter von fast unbegrenztem Wachstum bei reinen Software-as-a-Service-Anbietern weicht einer veränderten Realität. Durch die rasche Ausbreitung künstlicher Intelligenz entstehen neue Alternativen zu etablierten Arbeitsabläufen. Das führt zu Unsicherheiten bei der Bewertung solcher Geschäftsmodelle. Im Gegenzug rücken Industrieunternehmen mit technologischem Schwerpunkt wieder stärker in den Fokus der Geldgeber. Der enorme Ausbau von Infrastruktur für künstliche Intelligenz treibt das Interesse an handfesten Technologien an. Gefragt sind Anbieter von Stromversorgungssystemen, Kühltechnik oder Präzisionsfertigung. Solche Unternehmen gelten als unverzichtbare Zulieferer für moderne Rechenzentren. Nach Einschätzung von Roland Berger bewerten Investoren diese krisenfesten Industriebetriebe mit vertraglich gesicherter Nachfrage wieder deutlich höher. Sie bilden einen stabilen Gegenpol zu stark bewerteten Softwarefirmen.

KI als Leistungstreiber

Die Integration von künstlicher Intelligenz entwickelt sich zu einem entscheidenden Faktor für den Erfolg von Beteiligungsgesellschaften. Der Einsatz geht längst über reine Experimente hinaus und wird zu einer strukturellen Trennlinie im Wettbewerb. Führende Fonds verankern entsprechende Werkzeuge fest in ihrem gesamten Investitions- und Wertsteigerungsprozess. Dadurch entsteht eine klare Leistungslücke zwischen Vorreitern und Nachzüglern im Markt. Eigene technologische Fähigkeiten werden somit zu einem zentralen Vorteil bei der Verhandlung von Übernahmen. Für das verbleibende Jahr erwarten Experten ein weiterhin anspruchsvolles Marktumfeld auf Gesamtebene. Die Hoffnung ruht vor allem auf den strukturellen Trends wie komplexeren Übernahmestrukturen und dem Comeback industrieller Technologien. Beteiligungsgesellschaften müssen ihre Hausaufgaben bei den Portfoliounternehmen gründlich erledigen, um Wertsteigerungen zu realisieren. Nur durch eine aktive operative Entwicklung lassen sich die gestiegenen Anforderungen an Rendite und Risikoprofil derzeit noch erfüllen.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

Vorheriger ArtikelDealCircle bündelt Nachfolgeplattformen unter der Marke DUB
Nächster ArtikelWachstum durch passgenaue Finanzierungsmodelle