Nachfolge als Startpunkt für neues Wachstum

Jäger Gruppe: Mit Investitionen in Automatisierung und Digitalisierung fit für die Zukunft

Neue Paketfördertechnik mit sieben neuen Kommissionierplätzen Foto: © Jäger Gruppe

Mit dem Einstieg der Industrieholding Serafin hat die Jäger Gruppe nicht nur ihre Nachfolge geregelt, sondern zugleich eine umfassende Transformation angestoßen. Ein automatisiertes Kleinteilelager, neue IT-Systeme und die Bündelung von Strukturen sollen den traditionsreichen C-Teile-Spezialisten effizienter machen und die Basis für weiteres organisches Wachstum schaffen.

Die Jäger Gruppe agiert seit sieben Jahrzehnten als Spezialist für Verbindungstechnik, Werkzeuge und industriellen Bedarf am Markt. Das Karlsruher Traditionsunternehmen erwirtschaftet inzwischen einen Jahresumsatz von rund 50 Mio. EUR und beschäftigt über 200 Mitarbeiter. Das Kerngeschäft umfasst das ganzheitliche Management von C-Teilen für mittelständische Industriekunden. Zu den Abnehmern zählen vor allem Unternehmen aus dem Maschinenbau, dem Anlagenbau sowie diversen Handwerksgewerken. Das Gesamtsortiment beinhaltet mehr als 500.000 gelistete Artikel, die bedarfsgerecht und flexibel bereitgestellt werden.

Maßgeschneiderte Versorgungskonzepte im Wettbewerb

Im Segment des industriellen Verbindungshandels behauptet sich das mittelständische Unternehmen gegen wesentlich größere Wettbewerber durch eine ausgeprägte Prozessanpassung. Anstelle starrer Standardkonzepte realisiert der Mittelständler individuelle Logistiklösungen für spezifische Produktionsabläufe. Dies betrifft beispielsweise bedarfsgerechte Stücklistenauflösungen, Just-in-time-Lieferungen und kundenspezifische Verpackungen. „Einige unser Marktbegleiter sind deutlich größer als wir – dagegen punkten wir mit kurzen Wegen und schneller Reaktionsfähigkeit“, betont Claudia Schneider, Prokuristin der Schrauben-Jäger AG und Geschäftsführerin der Tochtergesellschaft Werkzeug-Jäger. „Uns zeichnet vor allem aus, dass wir sehr flexibel sind. Wir können sehr individuell auf die Anforderungen unserer Kunden eingehen und Lösungen entwickeln, die zum jeweiligen Bedarf passen. Wir verkaufen kein Schema F, sondern passgenaue Flexibilität“, fährt sie fort.

Schrauben; Foto: © Jäger Gruppe

Die Beschaffung stützt sich auf ein breit gefächertes Netzwerk mit Herstellern in Asien sowie europäischen Märkten. Darüber hinaus setzt die Beschaffungsstrategie je Produktbereich auf verschiedene Quellen, sodass das Unternehmen nicht von einzelnen Ländern abhängig ist, was die Versorgungswege sehr resilient gestaltet. Auch langjährige Partnerschaften mit Lieferanten helfen dabei, flexibel auf sich ändernde Rahmenbedingungen einzugehen. „Gleichzeitig verfügen wir über umfangreiche europäische Alternativquellen, sodass wir flexibel auf geopolitische Entwicklungen, Marktveränderungen oder kurzfristige Bedarfsverschiebungen reagieren können“, betont Schneider. Dieses Modell sichert eine kontinuierliche Lieferfähigkeit bei zugleich schlanker Kapitalbindung und hoher Reaktionsgeschwindigkeit.

Eigentümerwechsel sichert Firmen-DNA

Vor rund dreieinhalb Jahren leitete das Karlsruher Traditionshaus einen strukturierten Generationswechsel ein. Da in der Gründerfamilie keine direkte operative Nachfolge bereitstand, suchte die Inhaberfamilie nach einem langfristigen Partner. Das primäre Ziel bestand in der Wahrung der Unternehmenskultur sowie der operativen Eigenständigkeit. Ende Februar 2023 übernahm die Münchner Industrieholding Serafin das Unternehmen vollständig. Die Beteiligungsgesellschaft verfolgt dabei einen unternehmerischen Buy-and-Hold-Ansatz und fokussiert sich auf die Stärkung etablierter mittelständischer Kernkompetenzen.

Dr. Simon Brösamle, Geschäftsführer bei Serafin, führt zur Strategie aus: „Wir kommen aus dem Mittelstand, da fühlen wir uns wohl; da gibt es viele Stellschrauben, an denen man drehen und optimieren kann. Wir glauben an die Wertsteigerung im operativen Geschäft. Schrauben wird es auch noch in 50 Jahren brauchen.“ Die erfolgreiche Transaktion sicherte die unternehmerische Kontinuität und ermöglichte weitreichende Investitionsentscheidungen für Standorte und IT-Systeme.

Claudia Schneider Foto: © Jäger Gruppe

Direkt nach der Übernahme startete das Unternehmen die größte Einzelinvestition seiner Geschichte. Am Hauptsitz entstand ein automatisches Kleinteilelager mit knapp 40.000 Behälterstellplätzen. Die hochmoderne Anlage wird künftig von 24 Robotern gesteuert und löst das 26 Jahre alte Bestandssystem ab. Die Inbetriebnahme soll in diesem Monat erfolgen. „Es ist die größte Investition, die Jäger in der bisherigen Unternehmensgeschichte getätigt hat“, erläutert Schneider. Die Kunden werden den Übergang nicht spüren, da das bisherige Lager parallel weiterbetrieben wird. Das Bauen im laufenden Bestand sei logistisch anspruchsvoll. „Es sichert uns aber zukunftssichere und skalierbare Kapazitäten für weiteres Wachstum“, so Schneider weiter. Der Einsatz modernster Robotertechnik vervielfacht die Pickleistung, senkt Fehlerquoten und verkürzt Durchlaufzeiten für dringende Fertigungsaufträge signifikant.

IT-Transformation sichert Zukunft

Acht neue Arbeitsplätze für die Einlagerung von Waren in das neue Kompaktlager. Foto: © Jäger Gruppe

Parallel zum Logistikausbau erneuert die Unternehmensgruppe ihre digitale Infrastruktur. Ein gruppenweites Projekt zur Einführung eines einheitlichen ERP- und Warehouse-Management-Systems befindet sich in Vorbereitung. Im Zuge dieses Prozesses wird die rechtliche Verschmelzung der Gesellschaften Schrauben-Jäger und Werkzeug-Jäger vorangetrieben. Dadurch entstehen direkte Synergien im Vertrieb, Einkauf und in der Kundenanbindung. Dr. Brösamle beschreibt die nächsten Meilensteine: „Nachdem viel Energie nach innen geflossen ist, legen wir den Schalter um. Wir geben die Energie in den Markt, um Marktanteile abzugreifen. Das bedeutet vertriebliche Aktivitäten, Neukundengewinnung und ein durchdachtes Pricing.“

Mit robotergestützter Lagerlogistik, konsolidierter Systemlandschaft und individuellem Service festigt das Karlsruher Traditionshaus seine Marktposition im verarbeitenden Gewerbe dauerhaft.

„Wir investieren in etablierte mittelständische Unternehmen“

Interview mit Dr. Simon Brösamle, Geschäftsführer, Serafin

Unternehmeredition: Serafin investiert mit der Jäger-Gruppe in einen klassischen C-Teile-Händler für Schrauben und Werkzeuge. Warum setzen Sie bewusst auf solche industriellen Basisgeschäfte statt auf Hightech oder künstliche Intelligenz?

Foto: © Serafin

Dr. Simon Brösamle: Wir investieren in etablierte mittelständische Unternehmen, vor allem im produzierenden Bereich. Dabei denken wir langfristig. Das klingt vielleicht erst einmal etwas altmodisch, aber in Europa gibt es viele Hidden Champions mit Potenzial. Schrauben werden auch in Zukunft gebraucht – selbst das modernste Rechenzentrum kommt nicht ohne sie aus. Und natürlich setzen wir in unseren Unternehmen auch KI ein, um Prozesse zu verbessern und effizienter zu werden.

Neben Jäger gehören unter anderem der Bohrerhersteller Heller Tools und weitere Industrieunternehmen zum Serafin-Portfolio. Nutzen Sie dabei Synergiepotenziale?

Wir nutzen Synergien, etwa beim Einkauf und durch den Austausch innerhalb der Gruppe. Auf zentrale Shared Services verzichten wir in diesem Bereich bewusst, denn das Geschäft der Jäger-Gruppe ist regional geprägt – da zählen Kundennähe, kurze Wege und schnelle Entscheidungen. Diese Stärken vor Ort wollen wir erhalten.

Die Jäger Gruppe realisiert gerade ein automatisches Kleinteilelager und startet eine ERP-Transformation. Warum sind diese Maßnahmen aus Investorensicht wichtig?

Wir investieren heute, um morgen die Früchte zu ernten. Mit diesen Investitionen wird Schrauben-Jäger effizienter werden, neue Kunden gewinnen, das Pricing verbessern und vor allem organisch wachsen.

Mit neuem Lager und einer neuen ERP-Software ist die Jäger Gruppe inmitten einer umfassenden Transformation. Wie geht es aus Serafin-Sicht weiter?

Klar, solche Themen binden erst einmal Ressourcen. Die Kundenzufriedenheit stand aber immer an erster Stelle. Die Investitionen sind ein klares Signal an die Kunden und die Mitarbeiter: Wir investieren in den Standort und in die Zukunft des Unternehmens. Schrauber-Jäger soll wachsen, ein verlässlicher Partner sein und ein attraktiver Arbeitgeber bleiben.

Wir danken für das Gespräch!

 

KURZPROFIL

Jäger Gruppe

Gründungsjahr: 1956

Branche: Schraubengroßhandel

Firmensitz: Karlsruhe

Mitarbeiterzahl: 220

Umsatz 2024/2025: circa 50 Mio. EUR

www.jaegergroup.com

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

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