„Buy and Build bleibt ein zentrales Instrument“

Interview mit Thomas Weber, Mitglied der Geschäftsleitung, Deutsche Beteiligungs AG

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Der deutsche Private‑Equity‑Markt erholt sich allmählich von dem „perfekten Sturm“ der Jahre 2022/2023 und befindet sich wieder auf einem Pfad selektiver Normalisierung, wie aktuelle Analysen von BVK, PwC und EY zeigen. Im Fokus stehen Mid‑Market‑Transaktionen in technologie‑ und dienstleistungsnahen Sektoren, während das Marktumfeld Investoren zu klaren Value‑Creation‑Strategien zwingen. Thomas Weber, Managing Director bei der Deutschen Beteiligungs AG, erläutert im Gespräch, wie die DBAG in diesem Umfeld Nachfolgen, Buy‑and‑Build‑Plattformen und Wachstumsfinanzierungen im Mittelstand strukturiert.

Unternehmeredition: Herr Weber, wo steht der deutsche M&A‑ und Private‑Equity‑Markt heute – haben wir den „perfekten Sturm“ hinter uns gelassen?

Thomas Weber: Es lässt sich insbesondere im Small- und Mid-Cap-Segment eine selektive Erholung beobachten, das lässt sich auch anhand der Anzahl an Transaktionen sowie der korrespondierenden Volumina ablesen – aber wir sind noch nicht in einem neuen Boomzyklus. Europäische Private‑Equity‑Transaktionen befinden sich nach dem Rückgang 2022/2023 wieder auf einem moderaten Wachstumspfad, wie sowohl die Trendstudien von PwC als auch aktuelle Analysen von EY für 2024 zeigen.

Im deutschen Markt sehen wir ein Bild „selektiver Normalität“: Deal-Prozesse dauern länger, Finanzierungen werden sorgfältiger strukturiert, aber gute Assets finden klar ihren Preis. Laut der aktuellen PwC‑Auswertung entfielen 2024 rund elf Prozent aller europäischen Private‑Equity‑Transaktionen auf Deutschland, was die fortbestehende Bedeutung des Standorts im europäischen Kontext unterstreicht. Gleichzeitig zeigen die Statistiken des Bundesverbands Beteiligungskapital (BVK), dass Buy‑out‑Investitionen in Deutschland 2024 bei etwa 5,5 Milliarden Euro lagen, nach gut 8,1Milliarden Euro im Jahr 2023, also deutlich unter den Spitzenjahren, aber auf einem weiterhin relevanten Niveau.

Welche Rolle spielt dabei das Mid‑Market‑Segment, also Mehrheitsübernahmen im klassischen Mittelstandsgrößenbereich?

Der Mid‑Market – also Mehrheitsbeteiligungen an Mittelständlern mit Unternehmenswerten im hohen zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Millionenbereich – bleibt das Rückgrat des europäischen Buy‑out‑Markts. Studien von EIF und spezialisierten Mid‑Market‑Advisory‑Häusern zeigen, dass ein Großteil der europäischen Private‑Equity‑Transaktionen weiterhin in diesem Größensegment stattfindet.

Für den DACH‑Raum sehen wir 2024 im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufige Transaktionszahlen, aber stabile bis leicht höhere Volumina – ein Muster, das PwC für die DACH‑Region insgesamt beschreibt und das zu der Beobachtung passt, dass weniger, aber etwas größere Deals umgesetzt wurden. BVK weist gleichzeitig darauf hin, dass sich die Buy‑out‑Investitionen in Deutschland auf einige größere Transaktionen und viele kleinere Mid‑Market‑Deals verteilen, während Mega‑Transaktionen seltener geworden sind.

Wie hat sich der deutsche Mid‑Market‑Buy‑out‑Markt konkret entwickelt – bei Deal-Zahlen, Volumina und Wettbewerb?

Betrachtet man nur den deutschen Buy‑out‑Markt im Segment 50 bis 250 Millionen Euro, kam es 2024 zu insgesamt 42 Transaktionen mit einem kumulierten Marktvolumen von knapp 4,8 Milliarden Euro verzeichnet. Das entspricht einem Anstieg von 24 Prozent bei der Anzahl der Deals und 20 Prozent beim Volumen im Vergleich zum schwachen Vorjahr. Damit hat der Markt nahezu das Niveau von 2022 erreicht, als 43 Deals mit einem Gesamtvolumen von 4,1 Milliarden Euro abgeschlossen wurden.

Betrachtet man die Gesamtinvestitionen, so entwickelten sich diese laut BVK von etwa 8,1 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf rund 5,5 Milliarden Euro im Jahr 2024, was den anhaltenden Druck durch Kapitalkosten und Konjunkturunsicherheit widerspiegelt. Parallel dazu zeigen europäische Übersichtsanalysen jedoch, dass die Zahl der Deals im Mid‑Market im Verhältnis zu großen Transaktionen weniger stark zurückgegangen ist, weil kleinere und mittlere Transaktionen flexibler finanzierbar bleiben.

Im Wettbewerb hat sich der Fokus verschoben: Strategische Käufer agieren selektiver, während Finanzinvestoren im Mid‑Market zunehmend auf klare Value‑Creation‑Storys und Buy‑and‑Build‑Konzepte setzen. Daten von KfW und PwC signalisieren zwar eine eingetrübte Stimmung im Private‑Equity‑Markt, gleichzeitig aber eine wachsende Bereitschaft der Fonds, 2025 wieder mehr Kapital zu allokieren – ein Spannungsfeld, das im Mid‑Market zu intensiven Bieterverfahren bei wirklich attraktiven Targets führt.

Welche Rolle spielen Primaries, Secondaries und Nachfolgesituationen im heutigen Mid‑Market‑Umfeld?

Der klassische „Primary‑Deal“ – also die Erstbeteiligung eines Finanzinvestors an einem mittelständischen Familienunternehmen – bleibt im deutschen Markt zentral, nicht zuletzt, weil ein hoher Anteil der Unternehmergeneration vor der Übergabe steht und sich professionelle Eigenkapitallösungen für Nachfolgen etabliert haben. BVK‑Auswertungen und verschiedene Marktstudien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Buy‑out‑Transaktionen in Deutschland weiterhin Nachfolge‑Konstellationen adressiert, auch wenn einzelne Zahlen je nach Definition differieren.

Daneben hat der Anteil von Secondary‑ und Tertiary‑Transaktionen in Europa zugenommen, wie EY und andere Marktanalysen für 2024 belegen, was auf verlängerte Haltedauern und den Wunsch nach neuen Eigentümerkreisen zurückzuführen ist. Für den Mid‑Market bedeutet dies: Mehr Wettbewerb um qualitativ hochwertige Primaries und eine breitere Pipeline an Secondary‑Deals, etwa wenn Buy‑and‑Build‑Plattformen nach einigen Jahren an den nächsten Fonds oder einen strategischen Käufer übergehen.

Welche Sektoren dominieren aktuell die Mid‑Market‑Deals in Deutschland und DACH?

Sektoral liegt der Schwerpunkt klar auf technologienahen Geschäftsmodellen, IT‑Services und Software, industriellen Dienstleistungen sowie auf Infrastruktur‑ und Energiethemen. Der PwC‑Private‑Equity‑Trendbericht sieht den Technologiesektor europaweit erneut als wichtigsten Bereich, während Infrastruktur‑ und Energie‑Assets angesichts der Transformationsagenda zusätzliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Im DACH‑Raum kommen traditionell starke Industrien hinzu: spezialisierte Maschinenbauer, IndustryTech‑Anbieter und Nischenmarktführer in der Wertschöpfungskette der Energiewende. In Deutschland selbst zeigt sich, dass gerade Unternehmen mit wiederkehrenden Erlösen, hoher Technologietiefe und klarer ESG‑Story im Fokus stehen, was sowohl BVK‑ als auch internationale Studien als Treiber der relativen Resilienz des Mid‑Markets hervorheben.

Welche Rolle spielt die DBAG heute im deutschen Mid‑Market‑Private‑Equity‑Markt?

Die DBAG versteht sich als langfristig orientierter Partner des Mittelstands mit klarem Fokus auf den Mid‑Market in DACH und ausgewählten Nachbarländern. Unser Ansatz kombiniert Mehrheitsbeteiligungen im klassischen Mid‑Market‑Buy‑out mit Wachstums‑ und Buy‑and‑Build‑Finanzierungen, die Unternehmen bei Internationalisierung, Professionalisierung und technologischer Weiterentwicklung unterstützen.

Operativ konzentrieren wir uns weiterhin auf Industrie und Industrietechnologie, industrielle Dienstleistungen, Umwelt/Energie/Infrastruktur, IT‑Services und Software sowie Healthcare – also Sektoren, in denen der deutsche Mittelstand strukturelle Stärken und langfristige Wachstumstreiber vereint. Mit unserem Flaggschifffonds DBAG Fund VIII, unserer Small‑Cap‑Strategie über den DBAG ECF IV und zusätzlichen Mitteln auf Konzernebene verfügen wir über die Flexibilität, Nachfolgen, Carve‑outs und Buy‑and‑Build‑Plattformen über verschiedene Ticketgrößen hinweg zu begleiten. Darüber hinaus bieten wir über die Elf Capital Group auch Fremdkapital an und können dadurch den Mittelstand mit einem holistischen Finanzierungsangebot ansprechen.

Wie hat sich Ihre Investmentstrategie angesichts höherer Zinsen und strengerer Finanzierungsbedingungen verändert?

Das Marktumfeld erfordert klare operative Werthebelkonzepte – erst einmal nichts Neues für uns. Unabhängig von unserer Investitionsstrategie bedeutet das: sehr tiefe Prüfung der Geschäftsmodelle, konservative Finanzierungsstruktur und der klare Anspruch, Wertsteigerung aus Wachstum, Professionalisierung und gezielten Zukäufen zu erzielen.
Insbesondere im Mid‑Market bleibt Buy and Build ein zentrales Instrument, um Fragmentierungs‑ und Internationalisierungspotenziale zu heben, etwa in Business‑ und IT‑Services oder spezialisierten industriellen Nischen. Die öffentliche Investitionsagenda in Infrastruktur, Digitalisierung und Energiewende schafft zusätzliche Nachfrageimpulse, von denen viele unserer Fokusbranchen mittelbar profitieren können, auch wenn die Umsetzung nicht in allen Programmen gleich schnell vorankommt.

Wie ist die Stimmung im deutschen Private‑Equity‑Markt – und welchen Ausblick sehen Sie für 2026 und darüber hinaus?

Die Stimmungsindikatoren liefern ein gemischtes Bild: Das KfW‑Private‑Equity‑Barometer zeigt für 2026 eine deutliche Eintrübung der Stimmung im deutschen Markt, was die Unsicherheit mit Blick auf Konjunktur, Politik und Zinsen widerspiegelt. Gleichzeitig bestätigen Umfragen von PwC und anderen Beratungshäusern, dass eine Mehrheit der Fondsmanager in Europa und Deutschland ihre Investitionstätigkeit in den kommenden Jahren wieder ausbauen will.

Für den deutschen Mid‑Market‑Private‑Equity‑Markt überwiegt aus heutiger Sicht ein vorsichtiger Optimismus. Die anhaltende Nachfolgewelle im Mittelstand, die fortschreitende Digitalisierung von Geschäftsmodellen und die Investitionen in Dekarbonisierung und Infrastruktur sorgen für eine stabile Deal‑Pipeline, auch wenn geopolitische Risiken, Regulierungsfragen und die Zinsentwicklung weiter genau beobachtet werden müssen. Entscheidend wird sein, dass Investoren und Unternehmer realistische Preisvorstellungen finden – gelingt das, kann der Mid‑Market in Deutschland und DACH von einem moderaten, qualitativ geprägten Wachstumspfad profitieren.

Wir danken Ihnen für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Eva Rathgeber.

👉 Dieser Beitrag ist auch in unserer Spezialausgabe „Investoren im Mittelstand 2026“ erschienen.

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ZUM INTERVIEWPARTNER

Thomas Weber ist Managing Director Business Development und Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Beteiligungs AG in Frankfurt am Main. Die DBAG ist eine börsennotierte Beteiligungsgesellschaft, die Private‑Equity‑Fonds initiiert und in gut positionierte mittelständische Unternehmen mit Entwicklungspotenzial investiert.

Kontakt: welcome@dbag.de

Autorenprofil

Als Chefredakteurin der Unternehmeredition berichtet Eva Rathgeber regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen.

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