Zwischen „Wall of Maturity“ und neuen Sanierungstools

Der 3. Roundtable Restrukturierung der Unternehmeredition: Ein Treffen im Zeichen der Dauerkrise

Die wirtschaftlichen Vorzeichen im Frühjahr 2026 sind herausfordernd. Der deutsche Mittelstand befindet sich inmitten einer tiefgreifenden Transformation, die längst nicht mehr nur von einzelnen, exogenen Schocks getrieben wird, sondern von einer permanenten „Polykrise“. Vor diesem Hintergrund kamen führende Köpfe der deutschen Restrukturierungs-, Insolvenz- und M&A-Szene in den Münchner Räumlichkeiten von Alvarez & Marsal zusammen. Die mittlerweile dritte Auflage des etablierten „Roundtable Restrukturierung“ der Unternehmeredition bot den passenden Rahmen, um Bilanz zu ziehen und neue Perspektiven zu diskutieren.

Den Auftakt machte Volker Groß, Managing Director bei Alvarez & Marsal, mit einem Plädoyer für radikale Ehrlichkeit. Er blickte kritisch auf die aktuelle Verfassung der Restrukturierungslandschaft: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir das eigentliche Sanierungsziel – nämlich eine nachhaltige operative Sanierung, bei der am Ende das Ergebnis und der Cashflow wieder passen – zunehmend aus den Augen verlieren.“ Prozesse dauerten immer länger und würden immer teurer. Am Schluss stehe im Zweifel kein langfristiges Konzept mehr, sondern lediglich ein mühsam ausgehandelter, kleinster gemeinsamer Nenner der Stakeholder, bei dem das betroffene Unternehmen selbst eine untergeordnete Rolle spiele.

Volker Groß, Managing Director bei Alvarez & Marsal
Volker Groß, Managing Director bei Alvarez & Marsal

Wie extrem die Auswüchse hoch regulierter Prozesse sein können, verdeutlichte Groß an einem plastischen Beispiel: Rechnet man sämtliche Prozesskosten – von Sanierungsgutachten über Anwälte bis hin zu den Reportingauflagen – zusammen, ergebe sich in extremen Fällen ein erschreckendes Bild. „Für einen Euro Fresh Money müssen wir in einem konkreten Fall mehr als einen Euro an reinen Prozess- und Beratungskosten ausgeben“, rechnete der Experte vor.

Groß stellte die Frage in den Raum, ob hoch regulierte Prozesse überhaupt notwendig wären, wenn nur das sogenannte Old Money einfach im Unternehmen verbleiben müsste, anstatt unter enormem Aufwand neues Geld einzuwerben. Hierbei spiele auch die Unerfahrenheit der Mittelständler eine Rolle, die aus Angst vor dem Stigma oft viel zu lange zögerten: „Sie wissen im Regelalltag gar nicht, was auf sie zukommt. Sie gestehen sich die Fehler zu spät ein und verlieren dadurch massiven Handlungsspielraum.“ Groß forderte mehr Nachhaltigkeit: Es helfe niemandem, wenn insolvente Unternehmen unzureichend saniert an den Markt entlassen werden, bis die nächste Pleite droht.

Das Damoklesschwert des Insiderrechts und das Perpetuum Mobile der Anleihen

Dr. Christian Becker, Partner der Wirtschaftskanzlei Görg, griff den Faden auf und stimmte der Systemkritik scherzhaft als berechtigte „Nestbeschmutzung“ zu. Er lenkte den Fokus umgehend auf ein oft vernachlässigtes Thema: Das Kapitalmarkt- und Insiderrecht bei börsennotierten Unternehmen in der Krise. Sobald eine finanzielle Schieflage eintrete, entstünden sensible Insiderinformationen. „Es gibt in den meisten Firmen überhaupt keine vorbereiteten Maßnahmen für diese Situation“, warnte Dr. Becker. Die Konsequenzen seien drakonische Haftungsrisiken und Strafen. Das Thema Insiderrecht müsse bei jedem Krisenmandat zwingend als Allererstes angegangen und stets parallel mitgedacht werden.

Dr. Christian Becker, Partner der Wirtschaftskanzlei Görg,
Dr. Christian Becker, Partner der Wirtschaftskanzlei Görg,

Ein weiteres massives Problem sieht der Rechtsanwalt im aktuellen Umgang mit Anleiherestrukturierungen, insbesondere auch im Immobiliensektor. Die vorgeschlagenen Restrukturierungskonzepte seien auf einen zu kurzen Zeitraum angelegt. Es werden häufig sehr spät kurzfristige Notmaßnahmen beschlossen und Laufzeiten um zwei bis drei Jahre verlängert. Nach einem halben Jahr Aufräumarbeiten befinde man sich wegen zu optimistischer Planungen schon wieder in einer finanziellen Restrukturierung, die man eigentlich hinter sich lassen wollte.

Dr. Becker warnte zudem eindringlich vor harten Fristen bei einer insolvenzrechtlichen Überschuldung, die oft durch unbedachte Kündigungen von Gläubigern ausgelöst wird. Für ihn steht fest: Das Management braucht bereits am Anfang der Restrukturierung rechtzeitig eine klare „Abrisskante“ – samt einem ausgearbeiteten Plan B.

 

 

Der radiale Wandel und das Managementversagen

Jan-Erik Gürtner, Geschäftsführer und Partner bei Helbling Business Advisors, kritisierte zunächst die Mechanismen der Risikofrühwarnsysteme (MaRisk) im Bankensektor. Das dortige Reporting schlage aufgrund starrer Richtlinien oft viel zu spät an: „Solange das Risikomanagement noch grüne oder gelbe Ampeln anzeigt, wird intern nicht gehandelt – und wertvolle Wochen werden verschenkt.“ Jede Woche Zeitverlust sei in der Restrukturierung jedoch lebensgefährlich. Es bedürfe einer hohen Transparenz und aktiven Moderation auf allen Ebenen sowie einer Einbindung der Arbeitnehmervertretungen in den Prozess.

Jan-Erik Gürtner, Geschäftsführer und Partner bei Helbling Business Advisors
Jan-Erik Gürtner, Geschäftsführer und Partner bei Helbling Business Advisors

Gürtner prägte in der Diskussion das viel beachtete Stichwort des „radialen Wandels“. Damit beschrieb er eine Dynamik, bei der sich Markt- und Wettbewerbsbedingungen nicht mehr nur linear, sondern von allen Seiten gleichzeitig und kreisförmig verändern. Besonders beim Thema Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) drohe der Mittelstand den Anschluss zu verlieren. „Ich sehe viele Mittelständler, die beim Thema KI bei absolut null stehen“, schilderte Gürtner. Automatisierung und Digitalisierung sind in den heutigen Zeiten notwendig, um Durchlaufzeiten für Entscheidungen deutlich zu verkürzen. Ein niedriger technologischer Reifegrad führe dazu, dass Unternehmen massiv an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Hinzu kommen scharf wirkende makroökonomische Hebel wie der demografische Wandel, der sich zu einem extremen Produktivitätshemmer und Kostentreiber entwickle, wenn die Boomergeneration zeitnah in Rente geht. Auch geopolitische Verwerfungen und Zölle belasteten die exportorientierte deutsche Industrie überproportional. Durch die hohen Kosten für Elektrizität ist gerade auch die Prozessindustrie wie die Lebensmittelbranche besonders betroffen. Gürtner stellte aber auch klar: Trotz einer bestehenden Polykrise und eines „schwierigen Markts“ beruhen viele der aktuellen Restrukturierungsfälle auf hausgemachte Managementfehler.

Die Fälligkeitswelle und die Suche nach dem CRO

Prof. Dr. Georg Streit, Partner bei Heuking, wies unter dem Titel „Wall of Maturity“ auf eine hohe Welle an fälligen Finanzverbindlichkeiten der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr und den Folgejahren hin. Eine Vielzahl von Krediten und Anleihen stamme noch aus der Niedrigzinsphase. Wenn diese Volumina nun im aktuellen Zinsumfeld fällig werden, sei die Refinanzierung in vielen Fällen schwierig. Allein im gewerblichen Immobiliensektor in Deutschland stehen laut Streit in diesem Jahr Finanzierungen in Höhe von 82 Mrd. EUR zur Verlängerung an. Aufgrund sinkender Immobilienwerte komme es häufig zu Covenant-Brüchen.

Prof. Dr. Georg Streit, Partner bei Heuking
Prof. Dr. Georg Streit, Partner bei Heuking

Um bildlich gesprochen „nicht vor diese Wand zu fahren“, müsse das Management rechtzeitig die zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen und rechtlichen Optionen prüfen. Streit skizzierte den juristischen Werkzeugkasten: Wenn der Vollkonsens über Stand-Still-Agreements nebst „Amend & Extend“ scheitert, biete das StaRUG praxiserprobte Möglichkeiten, um „Akkordstörer“ bei einer Forderungsmehrheit von 75 % in das Sanierungskorsett zu zwingen. Bei Anleihen biete das Schuldverschreibungsgesetz (SchVG) zudem die Option, über einen zweistufigen Prozess die erforderliche Präsenzschwelle in der zweiten Abstimmung auf 25 % zu senken und dann mit 75 % Mehrheit nötige Anpassungen zu beschließen. Vor einer Nutzung ausländischer Verfahren, wie etwa des englischen Restructuring Plan, sei hingegen eine sehr sorgfältige Prüfung geboten, mahnte Streit: Seit dem Brexit sei die rechtliche Anerkennung von UK-Verfahren in Deutschland unsicher und die Kosten derartiger Verfahren seien außerordentlich hoch. Angesichts dieser Komplexität empfiehlt Streit eine frühzeitige und konsequente Einbindung von Experten: „Die Führungskräfte in den Unternehmen sind oft schlichtweg überfordert. Restrukturierungssituationen mit Zeitdruck, Komplexität sowie speziellen Anforderungen und erheblichen persönlichen Haftungsrisiken lösen starken Stress aus, betonte Streit. Es brauche in der Krise größerer Unternehmen regelmäßig erfahrene, externe Chief Restructuring Officers (CROs) mit schlagkräftigen Teams. Die aktuell hohe Nachfrage nach dieser Dienstleistung mache die Suche nach geeigneten Kandidaten mitunter bereits schwierig.

Das Pre-Pack-Verfahren als potenzieller „Insolvenzplan-Killer“

Constantin Graf Salm-Hoogstraeten, Partner bei BBL Brockdorff und Insolvenzverwalter, brachte die europäische Harmonisierungsrichtlinie im Insolvenzrecht ein, die vor knapp einem Monat in Kraft getreten ist. Der nationale Gesetzgeber hat nun bis zum 22. Januar 2029 Zeit zur Umsetzung. Salm-Hoogstraeten gab Entwarnung: Die ursprüngliche Befürchtung, dass Kleinstunternehmen komplett aus dem klassischen Verfahren herausgenommen werden, konnte abgewendet werden. Da Deutschland bei den meisten Themen bereits die Mindeststandards erfülle, gebe es de facto kaum echten Regelungsbedarf. Eine Erleichterung bringe die Richtlinie jedoch bei der Insolvenzanfechtung im EU-Ausland durch vereinheitlichte Verjährungsfristen von mindestens drei Jahren.

Constantin Graf Salm-Hoogstraeten, Partner bei BBL Brockdorff und Insolvenzverwalter
Constantin Graf Salm-Hoogstraeten, Partner bei BBL Brockdorff und Insolvenzverwalter

Der absolute Gamechanger der Richtlinie ist laut Salm-Hoogstraeten jedoch die verbindliche Implementierung des sogenannten Pre-Pack-Verfahrens. Er stellte die provokante These auf, ob das Pre-Pack in Zukunft nicht zum „Tod des klassischen Insolvenzplans“ führen könnte. Das Prinzip ist im Kern ein vorstrukturierter Assetdeal: Der Verkauf wird bereits im vorläufigen Verfahren vorbereitet und schlägt mit der formellen Eröffnung sofort durch.

Der revolutionäre Vorteil liegt im gesetzlichen Kontrahierungszwang für die Vertragspartner: „Verträge können im Rahmen des Pre-Packs einfach mitverkauft und auf den neuen Erwerber übertragen werden. Der Vertragspartner – beispielsweise der Vermieter einer Werkshalle – kann sich rechtlich überhaupt nicht dagegen wehren.“ Einen Haken hat das Tool allerdings: Die Richtlinie sieht eine deutliche Stärkung der Arbeitnehmerrechte vor. Es besteht die Gefahr, dass Altansprüche der Mitarbeiter auf den Erwerber übertragen werden, was die Attraktivität für Investoren mindern könnte.

 

 

Die Dynamik des Distressed-M&A-Markts und das Sterben gesunder Deals

Nicolas Bächstädt, Partner bei IMAP
Nicolas Bächstädt, Partner bei IMAP

Den Abschluss bildete Nicolas Bächstädt, Partner bei IMAP, der mit beeindruckenden Zahlen aufwartete: „Der Distressed-M&A-Markt ist mit einer Wucht zurückgekommen, wie ich sie in meinen 25 Berufsjahren noch nicht erlebt habe.“ Statistisch gesehen geht in Deutschland derzeit circa alle 90 Minuten ein Unternehmen pleite – und alle vier Tage erwischt es einen Betrieb mit über 50 Mio. EUR Umsatz. Distressed M&A sei längst kein Nischenmarkt mehr. Gab es früher in Deutschland vielleicht drei spezialisierte Boutiquen, tummeln sich heute rund 30 Anbieter im Markt, was zu einer heterogenen Qualität der Prozesse führe. Als wesentlichen Trend beobachtet Bächstädt die massive Rückkehr und Aktivierung der Gläubiger. Workout-Abteilungen der Banken riefen wieder aktiv bei M&A-Beratern an, und selbst Private-Debt-Fonds agierten zunehmend als aktive Treiber im Hintergrund.

Besonders besorgniserregend sei zudem das Phänomen, dass reihenweise vermeintlich völlig gesunde M&A-Prozesse mitten im Verlauf aufgrund exogener Schocks in eine insolvenznahe Situation abdriften. Berater müssten von Tag eins an in Multiszenarien und Dual Tracks denken. Vermehrt endeten optimistisch gestartete M&A-Prozesse ohne den gewünschten Erfolg oder in einer Shareholder-as-a-Service-Lösung, einem Continuation Vehicle oder der Liquidation. Auch geopolitisch erlebe der Markt Verschiebungen: Während China als Käufer vollständig verschwunden sei, drängten indische Investoren nach vorne – allerdings zögen sich Verhandlungen oft quälend in die Länge. Bächstädts zentrales Credo lautet daher: „Rich to M&A“. Auch ein Distressed-Prozess dauert oft Monate – wer hier nicht von Anfang an eine hieb- und stichfeste Liquiditätsplanung aufstellt, geht unkalkulierbare Risiken ein.

Ein starker Werkzeugkasten für eine nachhaltige Zukunft

Trotz der unbestreitbar ernsten wirtschaftlichen Lage endete der 3. Roundtable Restrukturierung mit einer bemerkenswert optimistischen Konsequenz für die Zukunft. Die Experten waren sich einig, dass die aktuelle Krise auch eine Phase der Marktbereinigung ist, die die „Spreu vom Weizen trennen“ wird.

Der entscheidende Lichtblick liegt in der enormen Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen in Deutschland:

  • Hervorragendes rechtliches Set-up: Deutschland verfügt heute über ein hochmodernes, praxistaugliches Sanierungs- und Insolvenzrecht.
  • Etablierte Tools abseits der Insolvenz: Instrumente wie das StaRUG oder das Schuldverschreibungsgesetz haben ihre Praxistauglichkeit in großen Fällen eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
  • Zukunftssichere Perspektiven: Mit der kommenden EU-Harmonisierung und dem Pre-Pack-Verfahren wird die juristische Toolbox zur Krisenbewältigung in den nächsten Jahren um eine mächtige, schnelle Option erweitert.

Das einhellige Fazit der Runde an den deutschen Mittelstand lautet daher: Krisen sind absolut handhabbar – vorausgesetzt, das Management bringt den Mut auf, die Probleme frühzeitig, ehrlich und mit der nötigen Entscheidungsstärke anzupacken.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Tech-Start-ups.

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