Die Masse der Unternehmer mit Migrationshintergrund in Deutschland ist so heterogen wie Deutschland selbst. Dabei haben sich Selbstständige mit Migrationshintergrund nicht nur zum unverzichtbaren Element der Nahversorgung in Ballungsräumen entwickelt, sondern werden auch zu einem immer wichtigeren Teil im wissensintensiven und im produzierenden Gewerbe – oder kurz im berühmten deutschen Mittelstand. 

Der heute 50-jährige Abdullah Altun kam als Kind einer türkischen Einwandererfamilie nach Deutschland. Als Junge habe er schnell gemerkt, dass Sprache und Kultur die Grundlage zum Schlüssel zur Gesellschaft darstelle. „Ich konnte Skat spielen, ich konnte deutsche Witze erzählen und verstehen. Doch nur wenn man sich mit Kultur und Lebensweise eines Landes identifiziert, kann man den Alltag miterleben.“ Nicht umsonst fragt er Bewerber nach dem Namen des Duisburger Bürgermeisters und des Bundespräsidenten, aber auch nach Auf- und Absteigern der Fußballbundesliga. Trotz aller Bemühungen und einer von der Bundesregierung überreichten Integrationsmedaille hat Altun noch immer regelmäßig mit Vorurteilen von Kunden zu kämpfen. „Man muss sich jeden Tag neu beweisen und zeigen, dass man Fachmann ist. Ich versuche Vorurteilen mit Fachwissen zu begegnen.“ Zum Unternehmer wurden Altun, weil er nach seiner Ausbildung zum Gleisbauer schnell am oberen Ende der Karriereleiter in seinem damaligen Betrieb angekommen war. „Die Entscheidung fiel dann von heute auf morgen.“ Ohne Beratung und ohne Business Plan.

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Geschäftsführer Abdullah Altun: Mehr als die Hälfte seiner Mitarbeiter hat ihre Wurzeln in der Türkei

Keiner wie der andere

„Viele Migranten haben einen großen Drang, etwas zu schaffen und sich in dieser Gesellschaft zu bewähren“, sagt Nadine Förster, Leiterin der Fachstelle Migrantenökonomie des deutschlandweit größten arbeitsmarktpolitischen Netzwerks IQ (Integration durch Qualifikation). Dessen Ziel ist neben der Gründungsunterstützung und der Beratung zur Sicherung von Migrantenunternehmen auch die Information und Aufklärung zum Thema. Förster befindet sich dabei genau an der Schnittstelle zwischen Praxis und Politik. „Wir bekommen auf der einen Seite Bedarfe aus der Praxis rückgemeldet, um Services und Lösungen zu entwickeln, formulieren auf der anderen Seite aber auch politische Empfehlungen.“ Unternehmern oder Migranten, die über eine Gründung nachdenken, den Erstkontakt mit offiziellen Institutionen, wie etwa Kammern, zu erleichtern, ist eines der Ziele der Fachstelle.

Oft, so die Erfahrung von Förster, fehlt das grundsätzliche Vertrauen in die Behörde oder ist deren Angebot schlicht nicht bekannt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Bertelsmann Studie im qualitativen Teil der Veröffentlichung. „Oft ist die Schwellenangst größer als die Hoffnung, Hilfe zu finden“, sagt Schmidt. „Es sind klar Potenziale da, aber die müssen gemeinsam mit diesen Institutionen gehoben werden.“ Genau das versucht das IQ-Netzwerk: „Wir haben Teilprojekte, in denen wir ganz bewusst mit migrantischen Vereinen zusammenarbeiten.“ Dadurch soll Aufklärungsarbeit geleistet und das Angebot unter möglichen Interessenten bekannt gemacht werden.