Seit vier Monaten lebt der zehnjährige Abdul jetzt schon zusammen mit seinem Vater unter zahllosen Verletzten in dem kleinen provisorischen Krankenhaus in der Region von Idlib im Norden Syriens. Vor vier Monaten befanden sich Abdul und sein Vater gerade in den Straßen von Aleppo, als sie hörten, wie sich ein Flugzeug näherte.

„Ich weiß nicht, was Abdul verletzt hat, ob es ein Splitter der Bombe war oder Trümmerstücke, die durch die Explosion herumgeschleudert wurden“, erzählt der Vater. „Ich habe nur das Geräusch der Explosion gehört, und im nächsten Moment sah ich ihn weinend am Boden liegen. Ich nahm ihn auf den Arm rannte zum nächstgelegenen Krankenhaus.“ Dort sagten die Ärzte, dass Abduls Bein mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stünden, nicht zu retten sei. Die einzige Möglichkeit sei, es über dem Knie zu amputieren. „Das war für mich undenkbar. Wir sind also weiter gezogen. Schließlich konnte ich meinen Sohn in einem spezialisierten Krankenhaus unterbringen. Ich musste dort 5.000 USD bezahlen, damit er operiert werden konnte. Als ich nicht mehr genügend Geld hatte, um die Behandlung weiter zu bezahlen, sind wir hierhergekommen.“ Hier lernte Abdul die Physiotherapeuten von Handicap International kennen, die regelmäßig die Verletzten aufsuchen. Der Junge wird noch viele Jahre lang Physiotherapie brauchen, um sein Bein später wieder
normal nutzen zu können, aber seine Chancen stehen gut.


Humanitäre Hilfe unter schwierigsten Bedingungen
Für viele andere Verletzte ist die Situation aussichtsloser. In der Region, in der Handicap International tätig ist, bestehen die exis tierenden Strukturen mehrheitlich aus improvisierten Krankenhäusern, oft von syrischen Ärzten in Schulen oder ehemaligen Verwaltungsgebäuden errichtet, die dabei noch regelmäßig Ziel von Luftanschlägen sind. Die Verletzten, die zu Dutzenden mit sehr schweren Verletzungen ankommen, müssten eigentlich über mehrere Wochen oder Monate intensive Betreuung bekommen. Aber sie werden unter Zeitdruck operiert und müssen dann das Krankenhaus verlassen, damit andere Verletzte versorgt werden können. Um unter diesen Umständen arbeiten zu können, ist in erster Linie erfahrenes Personal nötig und es bedarf einer guten Zusammenarbeit mit den wenigen anderen Akteuren, die in der Region im Bereich der Gesundheitsversorgung tätig sind.Syrien: Abdul und sein Vater beim Physiotherapeuten von Handicap International. Bild: Handicap International


Rückgriff auf Bestehendes als Prinzip der Nothilfe

Hunderttausende Menschen sind vor dem Krieg in Syrien in die Nachbarländer geflohen. Auch im Libanon und in Jordanien unterstützt Handicap International verletzte Menschen und kooperiert dabei mit Kliniken, die sich um verletzte
Flüchtlinge kümmern. Hier können wir auf langjährige Erfahrung aus vorangegangenen Projekten aufbauen. Die Kenntnis der lokalen Gegebenheiten und der Menschen sowie die Möglichkeit, auf bestehende Strukturen zurück zugreifen, sind zentrale Faktoren für eine funktionierende Nothilfe. Nach diesem Prinzip arbeitet Handicap International schon seit vielen Jahren in Syrien und anderen Kriegs- und Krisengebieten sowie nach Naturkatastrophen wie der Flut in Pakistan oder dem katastrophalen Erdbeben in Haiti 2010.

Brennpunkt Haiti
In Haiti war unsere Organisation bereits seit dem vorangegangenen Zyklon 2008 mit Nothilfepersonal aktiv. Über ein Jahr lang koordinierten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen eine logistische Plattform mit 50 LKW zur Nahrungsmittelverteilung. Wie durch ein Wunder blieben, als im Januar 2010 die Erde bebte, alle Teammitglieder am Leben und konnten dann sofort nach der Katstrophe die unzähligen Hilfsbedürftigen unterstützen. Als die Straßen wieder befahrbar waren, verteilten sie mit den Lastwagen und dem vorhandenen Personal Lebensmittel und andere Hilfsmittel.

Auch bei der Notversorgung an die Zukunft denken
Für die Soforthilfe stellte die Nothilfeabteilung von Handicap International schon am ersten Tag 150.000 EUR bereit. Außerdem gibt es einen Pool von Fachkräften, die für solche Fälle zur Verfügung stehen und Erfahrung aus vergleichbaren Situationen mitbringen. Dies ist besonders wichtig, da die Unerfahrenheit von Helferinnen und Helfern die Hilfe oft wirkungslos macht oder gar das bereits herrschende Chaos noch verstärkt. Zusätzlich zu den bereits vor Ort befindlichen Teams wurden also sofort zehn Fachkräfte der Physiotherapie und Logistik entsandt, die in den Krankenhäusern oder in schnell errichteten Krankenstationen zum Einsatz kamen. Gerade in Notsituationen kann Physiotherapie dafür sorgen, dass akute Verletzungen keine langfristigen Behinderungen nach sich ziehen. Auch bei der Notversorgung ist es daher bereits sinnvoll, an die Zukunft zu denken.

Lokale Strukturen aufbauen

Bei vielen Verletzungen sind jedoch spätere Behinderungen nicht zu vermeiden. In Haiti mussten infolge des Erdbebens ca. 2.000 Menschen Gliedmaßen amputiert werden. Viele von ihnen benötigten in der Folge eine Prothese. Bei Kindern, die noch wachsen, muss diese sogar jedes halbe Jahr erneuert werden. Hier galt es, Strukturen für die Zukunft zu schaffen, die für diese Menschen eine langfristige Versorgung sicherstellen können. Und auch hier kam das bewährte Prinzip, auf vorhandene Expertise aufzubauen, zum Tragen. Ein
geeigneter Fachmann für diese Aufgabe war der Orthopädietechniker Heinz Trebbin aus Kempten, der bereits seit 20 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist. Er hat an der Universität Don Bosco in El Salvador einen Studiengang für Orthopädietechniker aufgebaut, der heute von dort ausgebildeten Experten betreut wird. Sieben von ihnen begleiteten Heinz Trebbin sofort nach Haiti, um dort gemeinsam Prothesen herzustellen und nach dem Modell von El Salvador haitianische Orthopädietechniker auszubilden. Die Ausbildung von einheimischem Personal hat sich bewährt als eine Investition in die Zukunft. In vielen Ländern bietet die Projektarbeit im Katastrophenfall sogar die Chance der Restrukturierung des lokalen Gesundheits –
wesens: Physiotherapie und Orthopädietechnik werden professionalisiert und langfristig als Teil der Versorgung etabliert. So können die tragenden Strukturen einer internationalen Hilfsorganisation abgelöst werden durch funktionierende Strukturen lokaler Anbieter im Gesundheitssektor.


Zur PersonDr. Eva Maria Fischer
Dr. Eva Maria Fischer ist Kampagnen und Öffentlichkeitsreferentin bei Handicap International Deutschland e.V. Der Verein setzt sich für Menschen mit Behinderung und andere besonders Schutzbedürftige ein, vor allem in Armuts-, Konflikts- und Katastrophensituationen. www.handicap-international.de

Handicap International ist offizieller Non-Profit-Partner der Unternehmeredition. Der gemeinnützige Verein setzt sich für Menschen mit Behinderung und andere besonders Schutzbedürftige ein. Beim Einsatz in Krisenregionen wie z.B. auf Haiti steht dabei auch der Strukturaufbau und die Verbesserung der Lebensbedingungen im Vordergrund. Dieses Engagement unterstützen wir gerne!