Insolvenzfactoring als Finanzierungsmodell

Für den Weg aus einer wirtschaftlichen Schieflage sind meist umfassende Restrukturierungsmaßnahmen nötig. Doch wie sollen diese finanziert werden, wenn kein Geld vorhanden ist?

Praxisbeispiel

Ein Meißner Händler von Brenn- und Kraftstoffen musste Ende Februar 2017 Insolvenz anmelden. Das Unternehmen betreute rund 26.000 Kunden und hatte einen Jahresumsatz von 200 Mio. Euro. Mit seinem großen Fuhrpark belieferte der Mittelständler seine Kunden größtenteils selbst. Mehrere Ursachen führten zur wirtschaftlichen Schieflage des Betriebs: Dem Händler machte seit Langem die starke Wettbewerbssituation zu schaffen. Ein geplanter Verkaufsprozess scheiterte, und aufgrund kurzfristig zutage getretener Unstimmigkeiten wurden dem Unternehmen sämtliche Konten und Warenkreditversicherungslimits gesperrt, was die Lage zusätzlich verschärfte. Der Geschäftsführer sah die einzige Chance zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes schließlich in der Beantragung des Insolvenzverfahrens.

Betriebsfortführung gefährdet

Der vom Gericht bestellte vorläufige Insolvenzverwalter stellte bereits am ersten Tag im Unternehmen fest, dass nahezu keine freie Liquidität vorhanden war. Die weitgehend unter Eigentumsvorbehalt stehenden Warenvorräte genügten lediglich für zwei bis drei Tage. Ein großer Anteil der Lieferanten war nur gegen Vorauskasse oder eine deutliche Verkürzung der Zahlungsziele zu einer Fortsetzung der Zusammenarbeit bereit.

Die Fortführung des operativen Geschäfts war demnach nur möglich, wenn eine schnelle Finanzierungslösung gelang. Er nahm sofort Gespräche mit bisherigen Finanzierungspartnern auf, um über eine Zusammenarbeit im Insolvenzverfahren zu sprechen. Parallel begann er mit der Suche nach alternativen Möglichkeiten zur Absicherung der notwendigen Liquidität. Dazu fragte er parallel eine Factoringgesellschaft an, welche das für die Betriebsfortführung monatlich benötigte hohe Regulierungsvolumen zusagte.

Nahezu zeitgleich begann die Klärung sämtlicher technischer, rechtlicher und formeller Voraussetzungen. Eine Woche nach Anordnung der vorläufigen Insolvenzverwaltung entschieden sich die Gremien der vormaligen Finanzierungspartner, für eine Finanzierung der weiteren Geschäftstätigkeit nicht zur Verfügung zu stehen.

Aufgrund der parallelen Vorbereitung konnten noch am gleichen Tag die Verträge mit dem Factor unterzeichnet werden. Ab diesem Zeitpunkt war das Unternehmen wieder uneingeschränkt lieferfähig. Bereits im Eröffnungsverfahren wurde die Finanzierung als Full- Service-Factoring angewandt. Alle neu entstandenen gewerblichen Forderungen finanzierte das Factoring Team vor: Nach Rechnungslegung erhielten sie eine Kopie und überwiesen den Betrag abzüglich des Sicherheitseinbehaltes auf das vereinbarte Konto. Gleichzeitig waren die Forderungen gegen einen möglichen Ausfall versichert und die Mitarbeiter der Factoring-Gesellschaft übernahmen das Debitorenmanagement.

 Investorensuche erfolgreich

Schnelligkeit bewies der Insolvenzverwalter mit seinem Team nicht nur bei der Sicherung der Finanzierung im Verfahren, sondern auch bei der Investorensuche. Bereits einen Monat nach Eröffnung des endgültigen Insolvenzverfahrens wurde im Ergebnis eines M&A-Prozesses das Unternehmen unter Erhaltung sämtlicher Arbeitsplätze auf einen neuen Investor übertragen. Rund vier Monate unterstützte Factoring den Sanierungsweg des Meißner Mittelständlers – in dieser Zeit wurden 28 Mio. Euro im Factoring abgebildet.


Zur Person

Thomas Rohe ist Vorstand bei der factoring.plus.AG mit Sitz in Leipzig und einer Niederlassung in Frankfurt am Main. Der Finanzierer setzt für kleine und mittelständische Unternehmen verschiedene Factoringmodelle um. Das Unternehmen ist Mitglied des Bundesverbandes Factoring für den Mittelstand e.V. (BFM).

www.factoring-plus.de