Wie kaum eine andere Firma verknüpft die OHB AG die Unabhängigkeit eines Familienunternehmens mit den Vorteilen des Kapitalmarktes. Die Familie Fuchs ist nach wie vor Hauptanteilseigner des börsennotierten Raumfahrt- und Technologiekonzerns mit einem Anteil von rund 70% und hat die wichtigsten Führungspositionen inne: Marco R. Fuchs ist Vorsitzender des Vorstands, sein Vater Prof. Manfred Fuchs Vorstand und seine Mutter Christa Fuchs sitzt an der Spitze des Aufsichtsrats. Im Interview spricht Marco R. Fuchs über den Aufstieg vom Hydraulikbetrieb zum drittgrößten Raumfahrtkonzern Europas, das Spannungsfeld zwischen Familienunternehmen und Börse sowie seine Zukunftsvision.

Unternehmeredition: Herr Fuchs, Ihre Eltern haben Ende 1981 eine Werkstatt für Hydraulikmaschinen übernommen und daraus in 30 Jahren den drittgrößten Raumfahrtkonzern Europas geformt. Was waren die entscheidenden Erfolgsfaktoren hinter dieser rasanten Entwicklung?


Fuchs: Nun gut, die rasante Entwicklung begann sicher erst ab 2001. Die 20 Jahre davor waren eher geprägt von leichtem, stetigem Wachstum, verantwortungsvollem mittelständischem Unternehmertum, guten Ideen, der Kreativität unserer Mitarbeiter und natürlich dem unbändigen Wollen meiner Eltern, in der Raumfahrt eine feste Größe zu werden. In den frühen 2000er Jahren ist es ganz klar das Programm SAR-Lupe, das uns in die Sphären eines Raumfahrtsystemhauses katapultierte und schlussendlich für all das qualifizierte, was wir heute bejubeln – nämlich die Großaufträge für Galileo, SmallGEO oder MTG. Ein dritter wesentlicher Faktor sind natürlich die Akquisitionen der letzten zehn Jahre. Wir haben uns z.B. 2005 mit dem Erwerb der MT Aerospace wertvolle Anteile am Ariane 5-Programm gesichert. 2007 konnten wir mit Kayser-Threde einen Partner, aber auch Konkurrenten unseres Bremer Geschäfts ins eigene Boot holen. Darüber hinaus sind wir mit den anderen Beteiligungen europaweit bestens positioniert, um an den Programmen der ESA und der nationalen Agenturen partizipieren zu können.

Unternehmeredition: Die OHB AG teilt sich in die beiden Unternehmensbereiche Space Systems und Aerospace & Industrial Products. Wofür stehen diese und was sind die wichtigsten Projekte?

Fuchs: Der Bereich Space Systems steht ganz klar für das Geschäft mit Satelliten- oder Nutzlastsystemen für alle Anwendungsbereiche, sei es die Navigation, Kommunikation, Erdbeobachtung oder Wissenschaft. Programmbeispiele sind hier die nächste Generation europäischer Wettersatelliten, kurz MTG, neuartiger Kommunikationssatelliten auf Basis unserer SmallGEO-Plattform, und natürlich die 22 Galileo-Satelliten. Der Bereich Aerospace & Industrial Products steht für unser Produktgeschäft sowohl in der Raum- als auch der Luftfahrt sowie im Bereich Telematik. Hier ragt der rund 10%ige Anteil der MT Aerospace in Augsburg am Workshare für die Ariane 5-Rakete heraus. Aber auch unsere Tochter Aerotech Peissenberg steht für diesen Bereich. Sie ist wichtiger Lieferant aller namhaften Flugzeug-Triebwerkhersteller weltweit.

Unternehmeredition: Ein großer Meilenstein der Unternehmensgeschichte war 2010 der Zuschlag für die Produktion der ersten 14 Satelliten des europäischen Satellitennavigationssystems „Galileo“ – der Auftragswert lag bei 566 Mio. EUR. Wie ist es Ihnen gelungen, einen Auftrag dieser Größenordnung an Land zu ziehen und die Konkurrenz EADS auszustechen?

Fuchs: Wir konnten diesen Auftrag nur gewinnen, weil die Europäische Kommission das gesamte Programm „Galileo“ im Jahr 2009 neu aufgelegt hatte und somit einen industriellen Wettbewerb mit uns als Anbieter ermöglichte. Das ist einer der Gründe. Ein zweiter ist der Preis, der in einem Wettbewerb nun mal keine unwesentliche Rolle spielt. Wir unterbreiteten der ESA damals ein attraktiveres Angebot bei gleichzeitig besserer Bewertung der technischen Angaben. Wir konnten also einerseits fachlich überzeugen und andererseits den Vorteil einer kleineren, schlankeren Organisation und geringerer Stundenkosten in unserem Angebot ausnutzen und so den Wettbewerb für uns entscheiden.

Unternehmeredition: 2001 hat Ihr Unternehmen den Schritt an den Neuen Markt gewagt. Was waren einst die Gründe für den Börsengang? Welche Rolle spielt die Kapitalaufnahme über die Börse heute in Ihrem Finanzierungsmix? Welche weitere Bedeutung hat die Präsenz auf dem Kapitalmarkt für Ihren Unternehmenserfolg?

Fuchs: Die Möglichkeit, sich auf diese Weise in bestimmten Situationen Liquidität verschaffen zu können, war und ist für uns mit einer hohen Attraktivität verbunden. Zur Zeit des Börsengangs konnten wir dadurch die finanzielle Basis für das erste Großprojekt SAR-Lupe schaffen. Seither hat die OHB AG aber von den Finanzierungsmöglichkeiten, die sich beispielsweise in Form einer Kapitalerhöhung erschließen, keinen Gebrauch gemacht. Auch für die Zukunft gibt es in dieser Hinsicht keine konkreten Pläne. Auf das operative Geschäft, und damit auf den Unternehmenserfolg, hat das Listing keine direkten Auswirkungen.