„Für einen zweiten Rettungsschirm haben die Staaten kein Geld mehr“

 

Mario Ohoven ist Präsident des BVMW – Bundesverband mittelständische Wirtschaft e.V. – und steht zudem an der Spitze des europäischen Dachverbandes nationaler Mittelstandsvereinigungen CEA-PME. Im Interview spricht er über die Stabilität des Aufschwungs, die Finanzierungssituation des Mittelstandes sowie die aktuellen Internationalisierungspläne der KMU.
Unternehmeredition: Herr Ohoven, wie beurteilen Sie die aktuelle und künftige Konjunkturentwicklung in Deutschland? Wie stabil ist der Aufschwung?Ohoven: Mit den milliardenschweren Konjunkturpaketen hat die Bundesregierung sehr viel geleistet, doch sie laufen Anfang nächsten Jahres aus. Für einen selbsttragenden Aufschwung ist bis dahin noch einiges zu tun. Denn die Gefahr ist längst noch nicht ausgestanden: Ich prognostizierte schon im Frühjahr eine bevorstehende zweite globale Finanzkrise. Wie die erste, die durch die US-amerikanische Subprime-Krise verursacht wurde und die ich auch schon vor dreieinhalb Jahren richtig vorausgesagt habe, wird auch die zweite aus Übersee kommen. Die Ursache liegt nun in den amerikanischen Gewerbeimmobilien. Es stehen momentan in Amerika 18% der Gewerbeimmobilien leer, Mieten und Bewertungen sind dort innerhalb der letzten fünf Jahre bis zu 50% gesunken. Momentan warten die amerikanischen Banken auf ca. 230 Mrd. USD, die dieses Jahr aus diesem Sektor bisher nicht zurückgezahlt wurden – im Jahre 2007 waren es zum gleichen Zeitpunkt nur 20 Mrd. USD. Das ist äußerst erschreckend, denn es betrifft einen Markt mit einem Gesamtvolumen von knapp 9 Bio. USD. Wenn dieser zusammenbricht – und davon gehe ich aus, lediglich der Zeitpunkt ist noch offen -, rollt ein weiterer Tsunami auf uns zu. Für einen zweiten Rettungsschirm haben die Staaten jedoch kein Geld mehr.

Unternehmeredition: Welche Auswirkungen hat das für die deutsche Wirtschaft?
Ohoven: Im US-amerikanischen Markt für Gewerbeimmobilien sind deutsche Kreditinstitute mit deutlich über einer Billion USD engagiert. Wenn man einen Teil abschreiben muss, belastet es das Eigenkapital der Banken enorm – und diese können dann keine Kredite mehr vergeben. Wir haben heute schon einen akuten Notstand im Mittelstand: 40% der Mittelständler berichten über negative Erfahrungen mit ihren Banken – entweder bekommen sie gar keine Kredite oder nur zu sehr teuren Konditionen. Das ist keine gefühlte Kreditklemme, wir fällen dieses Urteil auf Basis unserer 600.000 Unternehmerkontakte pro Jahr. Wenn nun die Banken weitere hohe Beträge abschreiben müssen, wird das Problem noch verschärft. Trotz Boom kann der Mittelstand heute schon 10% der Aufträge nicht annehmen, weil er keine Liquidität hat, um diese vorzufinanzieren.

Unternehmeredition: Welche Forderung richtet der BVMW an die Adresse der Bundesregierung, um die Finanzierungssituation des Mittelstandes zu verbessern?
Ohoven: Basel III muss geändert werden: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob Kreditinstitute eine Eigenkapitalquote von 4% oder 6% vorweisen müssen. Denn eine Erhöhung belastet auch die Unternehmer, die ihre Investitionen und Aufträge überwiegend durch Kredite finanzieren. Darüber hinaus schlagen wir vor, dass Gewinne nicht versteuert werden müssen, wenn sie im Unternehmen bleiben. Das ist eine Steuerstundung, kein Steuergeschenk: Sollte das Kapital nach einigen Jahren doch entnommen werden, muss es voll versteuert werden. Mit der gewonnenen Liquidität kann der Unternehmer wieder investieren, Aufträge erfüllen und Arbeitsplätze sichern. Und dies ist keinesfalls ein neuer Ansatz, damit hat schon Ludwig Erhard das Fundament für unser Wirtschaftswunder gelegt. Ein weiterer Vorschlag unsererseits ist die erleichterte Stundung von Steuern. Unternehmen empfiehlt der Fiskus zunächst eine Kreditfinanzierung über die Bank, und erst wenn diese nicht funktioniert, ist eine Stundung möglich. Aber was spricht dagegen, einem Betrieb mit prinzipiell guten Zahlen von vornherein eine Stundung mit Zinsen zu ermöglichen?

Unternehmeredition: Aufgrund der globalen Konjunkturkrise der letzten Jahre haben zahlreiche Mittelständler ihre Auslandsexpansion aus Kostengründen zurückgestellt. Können Sie nun, da die Wirtschaft hierzulande wieder in Schwung gekommen ist, feststellen, dass immer mehr Unternehmen ihre zeitweise auf Eis gelegten Internationalisierungspläne wieder aufnehmen?
Ohoven: Der deutsche Mittelstand ist natürlich traditionell eher regional verwurzelt als international aufgestellt. Eine DIHK-Studie besagt jedoch, dass deutsche KMU nach dem Krisenjahr 2009 wieder verstärkt im Ausland investieren wollen, und zwar noch mehr als im Konjunkturhoch 2005/06. Favoriten sind dabei die Staaten der Eurozone, denn sie haben einen gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraum sowie geographische und kulturelle Nähe. Der Mittelstand beginnt über den Tellerrand hinaus zu sehen, muss die Internationalisierung jedoch noch stärker forcieren. Die großen „Hidden Champions“ sind mittlerweile überall vertreten, aber bei den kleinen und mittleren Mittelständlern muss sich noch viel bewegen. Dabei ist es sehr hilfreich, dort hinzugehen, wo die Konzerne sind, denn diese sind sehr an Zulieferern mit einer Präsenz vor Ort interessiert und unterstützen sie beim Aufbau. Und auch die EU fördert den Mittelstand: Nicht zuletzt dank der EU-Politik ist der europäische Mittelstand relativ unbeschadet aus der Krise gekommen. Und Brüssel verfolgt mit dem Small Business Act seit 2008 ein ehrgeiziges und erfolgreiches Projekt mit dem Ziel, das Wachstumspotenzial der europäischen Klein- und Mittelunternehmen im vollen Umfang auszuschöpfen.

Unternehmeredition: Welche Erfolge konnte der Small Business Act der EU bisher verbuchen und was muss noch erreicht werden?
Ohoven: Erstens gelten in Bezug auf die Finanzierung vereinfachte Vorschriften bei staatlichen Beihilfen. So ist die Kreditvergabe durch die europäische Investitionsbank und den europäischen Investitionsfonds 2009 auf hervorragende 11,5 Mrd. EUR gestiegen. Außerdem wurde der Zeit- und Kostenaufwand für die Gründung einer neuen GmbH erheblich reduziert. Früher hat das im Schnitt 18 Tage gedauert, heute nur noch acht, in manchen Ländern sogar nur zwei Tage. Und die Kosten sind von 1.000 auf 417 EUR gesunken. Ein gewaltiges Problem des Mittelstandes, das noch gelöst werden muss, ist die verspätete Zahlung von Rechnungen – Schlusslichter sind da leider noch immer Kommunen und der Staat. Das macht dem traditionell kapitalschwachen Mittelstand große Sorgen. Deshalb schlagen wir eine Befreiung der Kleinstunternehmen von der Rechnungslegung vor, das würde knapp 7 Mrd. EUR zusätzliche Liquidität für sie bedeuten. Und wir brauchen einen verbesserten Zugang zu den Märkten, also eine 40%ige Reduzierung der EU-Markenrechtsgebühren und ein vereinfachtes Registrierungsverfahren. Aber da lassen wir in Brüssel nicht locker.

Unternehmeredition: Herr Ohoven, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person: Mario Ohoven
Der aus einer traditionsreichen Unternehmerfamilie stammende Finanzdienstleister Mario Ohoven ist seit 1998 Präsident des BVMW – Bundesverband mittelständische Wirtschaft e.V. und führt seit 2002 zudem den in Brüssel ansässigen europäischen Dachverband nationaler Mittelstandsvereinigungen CEA-PME. Er ist bekannt für seine Wirtschafts- und Kapitalmarktprognosen: So warnte er 2000 vor dem Absturz der Technologiewerte, bereits im Mai 2007 sagte er einen GAU auf den internationalen Finanzmärkten voraus. Der BVMW ist ein berufs- und branchenübergreifender, parteipolitisch unabhängiger Unternehmerverband und vertritt die Interessen der kleinen und mittleren Unternehmen gegenüber Politik, Behörden und Gewerkschaften. www.ohoven.de, www.bvmw.de

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