Die Passivseite – offene Flanke des Unternehmers?

Und die Ziele der neuen Gläubiger?

In aller Regel steht nicht das Kreditgeschäft im Vordergrund. Die Portfolios wurden cash gekauft und fremd finanziert. Schneller Liquiditätsrückfluss ist entscheidend, die Kredite werden selbst mit Abschlägen eingetrieben. Kann der Unternehmer den Störenfried nicht aus Eigenmitteln ablösen, ist meist eine Rekonfiguration der Passivseite angesagt, d. h. Suche nach einem Finanzierungspartner, offene Diskussion der eingangs genannten Gesellschafterziele und gemeinsame Entwicklung von Konzepten zur Optimierung der Bilanz- und Kapitalstrukturen, was auch veränderte Quoten von Fremd- und Eigenkapital, den Einsatz eigenkapitalnaher Finanzierungsformen (etwa Mezzanine, stille Beteiligungen oder verbrieftes Genussscheinkapital) sowie eine Umschichtung in der Fristigkeit mit sich bringen kann. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die Vorstellungen hinsichtlich der Unternehmens- bzw. Gesellschafterziele nicht allzu weit auseinander liegen und ein echtes Committment hergestellt werden kann.

Alte Marken leben gefährlich

Eine fundamentalere, jedoch häufig gar nicht beachtete Gefahr besteht für traditionelle und bekannte Markenunternehmen. Die Analysten von Finanzinvestoren und Investmentbanken screenen die Märkte weltweit nach Targets. In Europa, insbesondere in Deutschland, werden sie vor allem bei Inhaber geführten Markenunternehmen fündig. Bescheidene Gesellschafter, ausreichende, aber nicht ausgereizte Performance, lange Bilanzen und stille Reserven sowie regionale und inhaltliche Extensionspotenziale der Marke machen das Unternehmen aus Analystensicht hoch attraktiv. Es werden Kriterien definiert, die auf Störungen im Geschäftsbetrieb des beobachteten Unternehmens hinweisen, sowie ein Aktionsplan erarbeitet, wie man über die Passivseite in das Unternehmen einsteigen kann. Treten jetzt Verluste auf, sind sie das endgültige Kaufsignal für den Investmentbanker; „Plan B läuft“. Letztendlich wird versucht, die Eigenkapitalposition einzunehmen und die Altgesellschafter abzulösen. Dies erfolgt in der Regel alles nicht zu Buchwerten, 30% Abschläge über alles sind eine gängige Größenordnung. Gelingt der Angriff nicht sofort, wird auf ein breites Arsenal von Instrumenten zurückgegriffen, um trotzdem ans Ziel zu kommen.

Was ist das Fatale an der Situation?

Zerstrittene Gesellschafter erleichtern den Einstieg, besonders leicht machen es Gesellschafter den Finanzinvestoren, wenn sie sich nach außen uneins zeigen, Entscheidungen nicht umsetzen bzw. nur verbal mittragen, jedoch für sich selbst dazu neigen, die Dinge auszusitzen. Führt dies dazu, dass selbst die Hausbanken, etwa in einer Phase der Strukturanpassung, das Vertrauen verlieren, sind einer Eroberung des Unternehmens durch die Passivseite Tür und Tor geöffnet.

Die Anforderungen an die Gesellschafter sind gestiegen

Nicht nur die Anforderungen an das Unternehmen selbst, auch die Anforderungen an die gesellschafterseitige Unternehmensführung sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Klare Strategien und Wertvorstellungen, eindeutige und einfache Entscheidungsregeln, kompetente und entscheidungsfähige Gremien, klare Mehrheiten ohne Vetorechte von Minderheitsgesellschaftern und das eindeutige Primat der Unternehmensinteressen vor Gesellschaftereinzelinteressen sind eine Auswahl der Dinge, die notwendig sind, will der Gesellschafter die Passivseite im Griff behalten. Professionelle Unternehmensführung durch die Gesellschafter umfasst auch das kritische Hinterfragen der eingangs genannten eigenen Gesellschafterziele sowie die Beurteilung der faktisch verfolgten Ziele mit den Augen Dritter und darauf aufbauend die offene Diskussion, um Sprachlosigkeit und Scheincommittments abzubauen. Auf dieser Basis können auch mögliche strukturelle Veränderungen auf der Passivseite frühzeitig eingeleitet und damit mögliche Angriffe Dritter verhindert bzw. die Angriffsflächen beseitigt werden. Die Passivseite ist also für den Gesellschafter zum neuen strategischen Gestaltungsfeld geworden, das mit Weitsicht und in Kenntnis der neuen Instrumente und Spielregeln grundsätzliche Beachtung finden muss.


Zur Person: Dr. Volkhard Emmrich
Dr. Volkhard Emmrich (emmrich@wieselhuber.de) ist geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Wieselhuber & Partner GmbH. Die Unternehmensberatung ist eine unabhängige, branchenübergreifende Top-Management-Beratung für Familienunternehmen mit Büros in München und Düsseldorf. Sie bietet Know-how u. a. in den Bereichen Strategie und Organisation sowie Krisenmanagement und Restrukturierung. (www.wieselhuber.de)