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„Wir wollen die führende integrierte Midmarket-Investmentbank in Europa werden”

Foto: © Blue Planet Studio_AdobeStock

Vor gut einem halben Jahr hat die amerikanische Investmentbank Stifel die bekannte deutsche M&A-Beratung ACXIT Capital Partners (ACXIT) übernommen. Als eine der führenden internationalen Investmentbanken setzt Stifel damit den Expansionskurs in Europa fort. Gerade wurde das Rebranding von ACXIT auf Stifel vollzogen. Wir sprachen mit Johannes Lucas, dem Gründer und ehemaligen Senior Managing Partner bei ACXIT über die Bedeutung dieses Schrittes.

Unternehmeredition: Im Juli wurde ACXIT Capital Partners von Stifel Europe übernommen. Was waren die Motive für die Integration der beiden Unternehmen?

Johannes Lucas: ACXIT war eine der führenden unabhängigen Beratungsfirmen im Bereich Corporate Finance und M&A für mittelständische Unternehmen in DACH. Unser Fokus auf wachstumsstarke Unternehmen in den Bereichen Gesundheitswesen, Informationstechnologien und digitale Plattformen sowie unsere starke Position in weiteren wichtigen Bereichen wie Industrie, Immobilien, Konsumgüter und Einzelhandel passt ideal zur Ausrichtung von Stifel. Unser starkes Netzwerk in Kontinentaleuropa, insbesondere DACH, ergänzt zudem perfekt die bisherigen Aktivitäten von Stifel in Europa.

Auf der anderen Seite können wir durch die globale Vernetzung und die breitere Produktpalette, die Stifel mitbringt, unseren hiesigen Kunden die Dienstleistungen und das Know-how einer globalen Full-Service-Investmentbank anbieten. Dies ermöglicht es uns, in mehr Bereichen für unsere Kunden relevant zu sein, während sie ihr lokales und internationales Wachstum fortsetzen.

Der unternehmerische Ansatz und die Investmentbanking-Mentalität von Stifel passen perfekt zu uns, so dass wir uns kulturell sehr wohl fühlen. Wir haben ACXIT vom Start-up zur erfolgreichen Beratung aufgebaut und sind der Meinung, dass dies die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit war, um das Unternehmen entsprechend weiterzuentwickeln.

Warum fand die Übernahme zum aktuellen Zeitpunkt statt?

Mit Blick auf die aktuellen Marktlagen und die anstehenden Herausforderungen für Unternehmen halten wir es gerade jetzt für wichtig, unseren Kunden zusätzlich zu unserer bisherigen Beratungsdienstleistung einen integrierten Ansatz bieten zu können. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen der Zugang zu Finanzierungen komplexer geworden ist, wollen wir zukünftig unsere Kunden als integriertes Haus auf dem Kontinent und mit Fokus auf DACH begleiten und beraten. Besonders im Midmarketbereich ist das ein wesentlicher strategischer Wettbewerbsvorteil unseres Hauses in der neuen Aufstellung.

Es gibt gegenwärtig viele Spieler, die als reine M&A-Boutiquen tätig sind. Andererseits haben einige der größeren Investmentbanken das sogenannte ‚Midmarket-Segment‘ gar nicht mehr im Blick. Das heißt, der große industriell und sektormäßig relevante Bereich der mittelständischen Firmen und Wachstumsunternehmen wird in Europa kapitalmarkt- und beratungsseitig immer weniger dezidiert begleitet, so dass es für ein Haus wie Stifel eine sehr gute Strategie ist, sich jetzt in Europa noch breiter aufzustellen. Dafür haben sie auf der Beratungsseite einen fokussierten und bekannten Marktteilnehmer gesucht, und das waren wir.

Welche Herausforderungen waren mit der Integration verbunden und in welchem Zeitrahmen wurde diese bewältigt?

Wie das im normalen Leben so ist, muss man sich zuerst richtig kennenlernen. Unser Geschäft besteht in weiten Teilen aus Kommunikation, persönlicher Erfahrung und Verbindungen. Eine Organisation mit mehreren Tausend Mitarbeitern hat als Schwergewicht in der Branche besondere Schlagdistanzen, so dass es die letzten sechs Monate darum ging, neben dem laufenden Geschäft die Organisation und insbesondere die Menschen mit ihren Besonderheiten und Stärken in ihren jeweiligen Funktionen kennenzulernen.

Die internationale, aber insbesondere auch europaweite Vernetzung ist einer der zentralen Punkte, um die angedachte Strategie durch spezielle Maßnahmen und Initiativen auch umsetzen zu können. Seit der im Juli 2022 abgeschlossenen Übernahme arbeiten unsere Teams erfolgreich in gemeinsamen Projekten und Pitches zusammen. Da wir im Investmentbanking in der Regel in einem internationalen Arbeitsumfeld aktiv sind, haben wir “cultural clashes” weder erwartet noch erlebt. Ganz im Gegenteil: Die Arbeit in länderübergreifenden, interdisziplinären Teams hat uns ein großes zusätzliches Potenzial eröffnet. Am Ende des Tages mündete der Prozess in der Markenintegration der beiden Häuser, die gerade erst vollzogen wurde. Mit dem Übergang auf das Stifel-eigene IT-System ist die Integration nun systemisch und organisatorisch abgeschlossen.

Wie reagieren Ihre Kunden auf die neue Firmierung? Waren spezielle Marketingmaßnahmen erforderlich?

Unsere Kunden werden weiterhin von den Investmentbankern betreut, die sie kennen und denen sie vertrauen, aber wir können ihnen jetzt eine viel breitere Beratung bieten. Wir haben die letzten sieben Monate sehr gut genutzt, um die Integration von ACXIT in Stifel und die damit verbundenen Vorteile bei unseren bestehenden Kunden und bei unserem relevanten Kundenportfolio zu kommunizieren.

Und der Anspruch ist dabei klar definiert: Stifel ist eine der Top amerikanischen Investmentbanken, die in absehbarer Zeit einen vergleichbaren Stellenwert auch in Europa erreichen möchte.

Viele relevante Private Equity-Firmen sowie Industrie- und Technologieunternehmen sind international tätig und kennen Stifel sehr gut. Als Stifel fällt es uns heute sehr leicht, unseren neuen Kunden den gegenüber ACXIT signifikant erweiterten Leistungsumfang zu erklären. Flankierend waren wir in den letzten Monaten gemeinsam auf länderübergreifenden Pitches und Marketingeinsätzen, um die Integration und das deutlich erweiterte Leistungsspektrum auch international bekannt zu machen.

Was sind die konkreten Mehrwerte für Kunden am europäischen DACH-Markt?

Grundsätzlich verfügen wir über mehr lokale Ressourcen, Kompetenzen und eine breitere geografische Aufstellung als zuvor. Durch die Übernahme haben wir direkten Zugang zu umfassendem Research, einer kompletten Produktpalette und einem erweiterten internationalen Netzwerk, während Stifel fokussierte Markteinblicke, lokale Präsenz und Kompetenzen in der gesamten DACH-Region hinzugewonnen hat.

Gemeinsam sind wir in der Lage, unseren Kunden einen nahtlosen Zugang zu Unternehmens- und Finanzinvestoren sowie zu lokalen Marktkenntnissen und Transaktionsmöglichkeiten zu bieten.

Ein konkretes Beispiel aus unserer Sicht:

Wir sind dafür bekannt, dass wir unter anderem eine dezidierte kapitalmarktbezogene Beratung für komplexe Transaktionen bieten. Die Umsetzung der von uns erarbeiteten Strategie kann beispielsweise in einen IPO oder einer entsprechenden Kapitalmaßnahme oder Finanzierung am Kapitalmarkt münden. Letztere konnten wir regulatorisch bedingt bisher nicht selbst anbieten, was bedeutet, dass wir diese Dienstleistung bislang im Auftrag des Kunden an lizensierte Banken oder Wertpapierdienstleister vergeben haben. Heute brauchen wir das nicht mehr. Heute können wir integrierte Services anbieten, von der Strategie bis zur langfristigen kapitalmarktseitigen Begleitung. Der Riesenvorteil ist also, dass wir als integrierte Investmentbank alle Services und Produkte im Rahmen unserer Sektorfokussierung anbieten können.

Welche Strategie verfolgen Sie? Welche Marktposition wird angestrebt?

Wir arbeiten alle daran, Stifel als eine der führenden Investmentbanken für mittelständische Unternehmen und Wachstumsunternehmen in Kontinentaleuropa zu etablieren und sind zuversichtlich, dass wir das Wachstum vorantreiben können, indem wir die globalen Ressourcen der Bank mit unserer spezifischen DACH-Expertise, unserem Netzwerk und unserer lokalen Produkt- und Sektor-Kompetenz kombinieren.

Wie behaupten Sie sich gegen Ihre Konkurrenz?

Wir haben in der Vergangenheit bereits signifikante Transaktionen mit hoher Strahlkraft in unseren Kernsektoren begleitet und uns beratungsseitig über Jahre sehr gut im Markt etabliert. Durch unseren neuen Setup als Teil einer der führenden internationalen ‚Full-service‘ Investmentbanken können wir nun zusätzliche Produkte und Services, zum Beispiel auf der Wertpapierhandels-, Platzierungs- und Researchseite aus einer Hand bieten. Durch unsere internationale Aufstellung als Stifel haben wir zudem einen direkten internationalen Marktzugang durch unsere Kollegen vor Ort in den Finanzzentren Europas sowie in Nordamerika.

Wir sind davon überzeugt, dass wir als Stifel in Europa und insbesondere DACH unser Geschäft in der Zukunft signifikant ausweiten können.

Unser limitierender Faktor dabei sind aber die richtigen Mitarbeiter mit der entsprechenden Einstellung und Expertise. Das bedeutet, dass wir mit steigendem Geschäft als Organisation auch entsprechend wachsen wollen und müssen. Auch das ist ein Grund, warum wir diesen Schritt zusammen mit Stifel machen. Als große internationale Investmentbank und erfahrene Organisation sind wir heute für junge Menschen noch attraktiver in den Möglichkeiten, die wir ihnen durch relevantes Training und hinsichtlich internationaler Karrieremöglichkeiten bieten können. Die Attraktivität als Arbeitgeber ist für uns auch ein wesentlicher Faktor für den Erfolg als Firma. Wir sind schließlich nicht angetreten, um das jetzige Niveau zu verwalten. Stifel ist eine Wachstumsfirma. Wir blicken auf eine Historie von organischem und anorganischem Wachstum zurück und dieser Kurs wird auch künftig beibehalten.

Wie haben sich aktuelle Krisen wie Lieferkettenprobleme, eine hohe Inflation und steigende Energiepreise für Sie ausgewirkt?

Ich weiß nicht, ob man überhaupt noch von Krise sprechen sollte oder eher von einem ‚New Normal‘. Die Welt ist in Unordnung geraten und viele unterschiedliche, zum Teil nicht kalkulierbare Einflussfaktoren verunsichern die Märkte zunehmend. Dies erhöht den Handlungsdruck auf Firmen und Investoren und der Beratungsbedarf steigt. Wir sehen, dass sich das Geschäft entsprechend verlagert hat: weniger Kapitalmarkt- und Wachstumsfinanzierungen, dafür mehr Restrukturierungs- und Absicherungstransaktionen. Im letzten Jahr hat das unsere Integration aber nicht beeinträchtigt. Und für die nähere Zukunft sehen wir eher wieder ein klareres Bild bei Firmen und Investoren, das die vorhandene Liquidität durch einen neuerlichen Preisausgleich zurück in die Märkte bringen wird.

Wie beurteilen Sie also die Marktaussichten?

Ich persönlich bin der Meinung, dass die Märkte in den nächsten zwei Jahren extrem volatil bleiben werden. Langfristig glauben wir jedoch an die regulierenden Kräfte des Marktes, insofern dieser politisch nicht zu stark reglementiert wird.

In Zeiten höherer Inflation, steigender Finanzierungskosten und politischer Instabilitäten erleben wir derzeit eine Verlagerung der Investitionen weg von Wachstums- hin zu Gewinnstrategien. Darüber hinaus werden die ESG-Anforderungen für Unternehmen immer wichtiger und definieren neue Investitionsregeln für Aktien- und Rentenanleger. In diesen anspruchsvollen Märkten müssen sich auch die Banken weiterhin differenzieren und schnell anpassen. Sektorspezifisches Fachwissen und ein spezialisierter Vertrieb werden der Schlüssel zum Erfolg sein − in Verbindung mit einer starken lokalen Abdeckung von Unternehmen und Anlegern durch die Banken.

Solange die Unternehmen jedoch Finanzmittel benötigen und die Anleger nach Rendite streben, werden die Kapitalmärkte ihre Funktion erfüllen und Liquidität bereitstellen.
Nichtsdestotrotz gibt es allein durch die Coronajahre und die gestörten Lieferketten auch ohne Ukraine und andere makroökonomisch relevante Ereignisse schon genügend Probleme. Das bedeutet, die ‚schützende Speckschicht‘ dieser Unternehmen hat über die letzten Jahre in der Breite gelitten und die Verletzungsanfälligkeit ist gestiegen.

Welche Möglichkeiten hat ein Mittelständler, in diesen schwierigen Zeiten sein Wachstum zu finanzieren? Was empfehlen Sie?

Unternehmerische Tugend besteht eigentlich immer darin, jederzeit in der Lage zu sein, seine Rechnungen bezahlen zu können. Nach zum Teil schlimmen Jahren sind bei vielen Firmen die Reserven aufgebraucht und neben dem operativen Geschäft nimmt die Sicherung der Finanzierung für die betroffenen Unternehmen derzeit den größten unternehmerischen Stellenwert ein.

Hier empfehlen wir die frühe Hinzuziehung entsprechender Berater beziehungsweise Banken. Grundsätzlich bildet eine gründliche Analyse der Situation die Grundlage für jede sinnvolle strategische und finanzielle Beratung. Dies ist ein wichtiger Teil unseres Geschäfts, ohne den wir nicht im Sinne des Kunden agieren können. Im Rahmen dieser Analyse müssen auch Geschäftsmodelle hinterfragt und unterschiedliche Optionen bezüglich Finanzierung und strategische Handlungsnotwendigkeiten in Betracht gezogen werden. Aktuell gewinnen Profitabilität sowie Liquiditätssicherung gegenüber einer fremdfinanzierten Wachstumsstrategie an Bedeutung.

Höchstmögliche Transparenz, interne ‚Readiness‘ und ein klares Entscheidungsprofil erhöhen hier den Handlungsspielraum der Firmen, auch kurzfristige Marktchancen im Zusammenspiel mit den betreuenden Banken nutzen zu können. Ich persönlich glaube daher an die Rückkehr der traditionell engen Verbindung zwischen Firma und Bank, die einander extrem gut kennen und einschätzen können. Wie bei einem guten Arzt-/Patienten-Verhältnis kann eine funktionierende Finanzierungs- und Beratungs-‚Therapie‘ in schwierigen Zeiten am besten auf der Basis einer umfassenden und langfristigen Begleitung des betroffenen Unternehmens erfolgen. Daher empfehle ich die frühzeitige Auswahl und Mandatierung einer entsprechenden Investmentbank, um die gegebenenfalls verbleibende Zeit bestmöglich zu nutzen.

Herr Lucas, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch!


ZUR PERSON

Johannes H. Lucas ist ein Corporate-Finance-Spezialist mit einem profunden Hintergrund im Investmentbanking sowie ein erfahrener und erfolgreicher Unternehmer. Er war Gründer und Senior Managing Partner von ACXIT Capital Partners (“ACXIT”) bis zur Übernahme von ACXIT durch die amerikanische Investmentbank Stifel im Juli 2022. Nach der Integration und des im Januar 2023 erfolgten Rebrandings von ACXIT auf Stifel Europe leitet er heute als Co-Head das Investmentbanking in der DACH-Region.

Sein beruflicher Werdegang vor der Gründung von ACXIT umfasst neben verschiedenen leitenden Positionen bei internationalen Investmentbanken und Beratungen auch unternehmerische Investments und Beirats-/Aufsichtsratstätigkeiten.

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