Wenn der Bau stockt, stockt der Mittelstand

Lange Genehmigungsverfahren treffen nicht nur Bauunternehmen, sondern die gesamte Wirtschaft. Was sich ändern muss.

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Für den Wohnungsbau hat die Politik einen Bau-Turbo geschaffen. Für die neue Halle, das Lager oder die Werkstatt gibt es nichts Vergleichbares, und selbst der Turbo kommt in vielen Kommunen kaum an. Für Geschäftsführer ergibt sich ein Henne-Ei-Problem: Wer wachsen will, braucht Fläche, und wer auf Fläche wartet, wächst nicht.

Stellen wir uns einen Schraubenhersteller mit 120 Mitarbeitern vor. Die Auftragsbücher sind voll, die Halle ist zu klein. Das Nachbargrundstück ist gekauft, die Bank hat die Finanzierung zugesagt, neue Maschinen sind bestellt. Dann liegt der Bauantrag im Amt. Monate vergehen mit Nachforderungen und Stellungnahmen. Der Hersteller lehnt Aufträge ab, die Maschinen stehen eingelagert, die Zinsen laufen. Mit Bau hat er nichts zu tun. Getroffen wird er trotzdem.

Solche Fälle sind kein Randphänomen. Bauen ist die Vorleistung für fast jede größere Investition im Mittelstand: die neue Produktionslinie, das Logistiklager, die Werkstatt, das Pflegeheim, die Wohnungen für neue Mitarbeiter. Wenn Genehmigungen stocken, stockt alles, was danach kommen soll.

Seit Ende Oktober 2025 gilt der sogenannte Bau-Turbo. Er erlaubt Kommunen, beim Wohnungsbau vom Planungsrecht abzuweichen, ob bei Neubau, Aufstockung oder der Umnutzung leerstehender Büros. Für Gewerbe- und Industriebauten gilt er nicht. Wer eine Produktionshalle erweitern will, bleibt im regulären Verfahren. Und selbst beim Wohnen hängt alles an der Zustimmung der Gemeinde, die vielerorts zögert. Das zeigt: Das Problem liegt weniger in fehlenden Gesetzen als in ihrer Umsetzung. Die Folgen spürt der Mittelstand an fünf Stellen.

1. Wachstum wandert ins Ausland

Eine Erweiterung, die ein Jahr später fertig wird, ist nicht einfach dieselbe Investition zwölf Monate später. Marktfenster schließen sich, Kunden wandern zu Wettbewerbern mit freien Kapazitäten, und Aufträge, die heute abgelehnt werden, kommen oft nicht wieder. Wer an mehreren Standorten produziert, verlagert Wachstum dorthin, wo schneller entschieden wird, im Zweifel ins Ausland. Für den Standort sind diese Investitionen dann verloren, samt Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen.

2. Kapital liegt brach

Bei einem finanzierten Vorhaben fallen Kosten an, bevor der erste Euro Umsatz fließt: Zinsen für das Grundstück, Bereitstellungsprovisionen, Mieten für Übergangsflächen, Lagerkosten für Anlagen. Verschiebt sich der Baubeginn, geraten Finanzierungszusagen und Zeitpläne unter Druck. Geld, das im Wartestand gebunden ist, fehlt für Personal, Entwicklung und Vertrieb. Für einen Mittelständler ohne Konzernbilanz im Rücken wird daraus schnell eine Liquiditätsfrage.

3. Ohne Wohnraum keine Fachkräfte

Viele Mittelständler finden Bewerber, aber keine Wohnungen für sie. Gerade in Ballungsräumen scheitern Einstellungen daran, dass neue Mitarbeiter keine bezahlbare Bleibe finden. Gleichzeitig stehen in vielen Innenstädten Gebäude seit Jahren leer, weil Umnutzungen an Verfahren hängen. Der Bau-Turbo könnte hier helfen, auch bei Wohnungen, die Unternehmen für eigene Mitarbeiter bauen oder umnutzen. Doch dafür muss die Gemeinde mitziehen. Jede Wohnung, die nicht entsteht, wird so zum Problem der Personalabteilung.

4. Schaden für die Lieferkette

Hinter jedem Bauprojekt stehen Handwerksbetriebe, Zulieferer, Planer und Dienstleister, fast alle mittelständisch. Stockt ein Projekt, stocken ihre Aufträge und ihre Zahlungseingänge. Hinzu kommt eine Nachweisbürokratie, die kleine Betriebe besonders trifft: Sie erbringen ihre Leistung vollständig und warten trotzdem wochenlang auf ihr Geld, weil eine Bescheinigung abgelaufen ist oder ein Tagesbericht nicht im geforderten Format vorliegt. Die Verzögerung wandert so von Betrieb zu Betrieb weiter.

5. Standorte verlieren an Anziehungskraft

Brachflächen, Baustellen ohne erkennbaren Fortschritt und leerstehende Büro- und Gewerbegebäude prägen das Bild vieler Städte. Das trifft Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister vor Ort unmittelbar. Und es sendet ein Signal an alle, die über einen Standort entscheiden: Hier dauert es.

Das Kernproblem liegt in der Umsetzung

Deutschland hat kein Gesetzesdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit. In vielen Bauverwaltungen entscheiden Menschen über Vorhaben, die nie auf einer Baustelle Verantwortung getragen haben. Das ist kein Vorwurf an Einzelne, sondern ein Systemfehler: Wer nicht einschätzen kann, was drei Monate Verzögerung für einen Betrieb bedeuten, hat keinen Grund, schneller zu entscheiden. Und wo Leistung nicht gemessen wird, wird sie auch nicht belohnt.

Wie viel Praxiswissen ausmacht, zeigt ein Beispiel aus Frankfurt. Für den Abbruch auf dem früheren Post-Gelände an der Saalburgallee lagen Angebote über drei bis vier Millionen Euro vor. Mit einem anderen Konzept ließ er sich für rund 1,1 Mio. EUR umsetzen. Nicht, weil billiger gearbeitet wurde, sondern weil anders gedacht wurde.

Vier Hebel für mehr Fortschritt auf dem Bau

​Mehr Praxisorientierung auf dem Amt: Bauverwaltungen sollten gezielt erfahrene Bauleiter, Ingenieure und Handwerksmeister als Quereinsteiger gewinnen und ihre Mitarbeiter regelmäßig fortbilden, wie es für Architekten und Ingenieure längst üblich ist.

Leistung messen: Bearbeitungszeiten gehören veröffentlicht, Behörde für Behörde. Wer rechtssicher und fristgerecht entscheidet, sollte dafür anerkannt werden.

Transparenz bei öffentlichen Projekten: Bauzeitenpläne öffentlicher Vorhaben gehören sichtbar an den Bauzaun und ins Netz, Praktiker aus der Region sollten früh eingebunden werden.

Nachweise vereinfachen: Einheitliche Standards und digitale Bescheinigungen würden kleinen Betrieben mehr helfen als jede neue Förderrichtlinie.

Fazit: Schnellere Verfahren sind Mittelstandsförderung

Stockende Bauvorhaben sind kein Problem einer einzelnen Branche. Sie verschieben Wachstum, binden Kapital, erschweren die Suche nach Fachkräften und belasten ganze Lieferketten. Die Lösung liegt weniger in neuen Gesetzen als in Behörden, die vorhandene Spielräume kompetent nutzen. 

Autorenprofil
Yusuf Tüm

Yusuf Tüm ist Gründer und Geschäftsführer der Tüm Holding GmbH in Frankfurt am Main. Das Unternehmen realisiert eigene Bau- und Immobilienprojekte und übernimmt Vorhaben, die in Schieflage geraten sind.
Foto: © Tüm Holding GmbH

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