Nina Jäger hat mit ihrem Lebensgefährten aus der GNC Card Services GmbH einen erfolgreichen Player in der Kartentechnologiebranche aufgebaut. Heute steht das Unternehmen vor einem Wandel: Weg von physischen Karten, hin zu digitalen IT-Lösungen. Im Gespräch erzählt die Unternehmerin von existenziellen Krisen und erläutert, warum die Nachfolgeplanung nicht früh genug beginnen kann.
Unternehmeredition: Frau Jäger, Sie haben 2004 gemeinsam mit Ihrem Lebensgefährten, Gerhard Osterrieder, die GNC Card Services GmbH gegründet. Was hat Sie damals bewogen, ausgerechnet im Bereich Kartentechnologien einzusteigen?
Nina Jäger: Ganz einfach: Wir kamen beide aus dieser Branche. Mein Lebensgefährte war bereits als Vorstandsvorsitzender tätig und hatte ein ähnliches Unternehmen an die Börse gebracht. Zudem ergab sich die Chance, eine Kartenpersonalisierung zu übernehmen. Die Gelegenheit war da – und wir haben sie ergriffen.
Wie haben Sie die Gründung finanziert? Hatten Sie Zugang zu Venture Capital oder sind Sie alternative Wege gegangen?
Über Eigenkapital und einen strategischen Partner. Wir haben einen 50-%-Teilhaber mit ins Boot geholt – mein Partner und ich hielten jeweils 25 %. Dieser Teilhaber war selbst ein mittelständisches Unternehmen, das zu einem großen Konzern gehörte. Nach drei Jahren sollte dieser verkauft werden und wir mehr oder weniger ebenso. Wir sind ins Risiko gegangen und haben es geschafft, und nach drei Jahren haben wir diese 50 % zurückgekauft. Wäre es schiefgegangen, wären wir beide vor dem Nichts gestanden. Aber es war unser Baby, und wir haben mit allem gekämpft, was uns zur Verfügung stand.
Als Frau in der Tech- und Finanzbranche waren Sie damals noch eine Ausnahmeerscheinung. Gab es Hürden, die Sie überwinden mussten?
In den ersten zwei Jahren meiner Berufslaufbahn fiel es mir schwer, mich durchzusetzen und mich als Frau in dieser Branche zu etablieren. Aber bei der Unternehmensgründung selbst habe ich diese Probleme nicht mehr empfunden. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich bereits auf viele Jahre Erfahrung in der Branche zurückblicken.
Gegründet haben Sie Ihre Firma in Neu-Isenburg. Wie haben Sie die Expansion finanziert – insbesondere die Übernahme in Bamberg, die Ausgliederung der IT in die Mountain Software GmbH und die Beteiligung am Kartenhersteller CF Card Factory?

Wir sind auch in finanzieller Hinsicht ein sehr solides Unternehmen. Aktuell haben wir keinerlei Bankkredite – außer Leasingverträge für wenige Firmenfahrzeuge und unsere Druckerlandschaft. Die Übernahme des Standorts Bamberg der SPS Cards haben wir zu 25 % aus Eigenmitteln und zu 75 % über ein Bankdarlehen gestemmt, das wir bereits 2020 zurückgezahlt haben. Die Ausgliederung der Mountain Software haben wir komplett aus eigenen Mitteln finanziert. Wir entnehmen privat keine Gewinne, sondern lassen diese im Unternehmen und investieren sie wieder in die Unternehmen und in die Mitarbeiter. Das ist ein guter Weg, der sich für uns ausgezahlt hat.
Von zwölf Mitarbeitern auf 330 an drei Standorten – das ist ein bemerkenswertes Wachstum. Gab es trotzdem Momente, in denen Sie am Fortbestand des Unternehmens gezweifelt haben?
Oh ja, Zweifel gab es – besonders in den ersten Jahren, wenn man zum Beispiel einen Großkunden verloren hat, obwohl man gute Arbeit gemacht und auch Lob bekommen hatte. Man musste lernen, dass Aufträge aus Gründen wegfallen, auf die man leider keinen unmittelbaren Einfluss nehmen kann, und dass gute Leistung allein nicht ausreicht. Dann gab es einen Vorfall mit einem Mitarbeiter, der uns beziehungsweise Kundendaten ausspähte und zu seinen Gunsten missbrauchte. Plötzlich steht die Polizei da und man denkt: „Okay, jetzt Hosen runter.“ Solche Momente gehören dazu.
Auf Ihrer Website stehen prominent „Full Service Made In Germany“ und „lokale Produktion in Deutschland und Westeuropa“. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Zum einen können wir unseren Kunden damit Sicherheit und Back-ups bieten. Wir haben zwei Standorte in Deutschland – Bamberg und Neu-Isenburg – und können innerhalb einer Stunde jedes Produkt an jedem Standort produzieren. Wenn wir heute einen Havariefall in Bamberg haben, können wir innerhalb einer Stunde die komplette Produktion in Neu-Isenburg fortführen und umgekehrt. Zum anderen ist es auch eine Frage der Nachhaltigkeit. Unser Ziel ist es, alles, was wir an Materialien einkaufen, im Umkreis von maximal 600 bis 1.000 Kilometern zu beziehen. Lieber ein bisschen mehr zahlen – dafür spart man sich die langen Transportwege, Flugwege und auch politische internationale Unwägbarkeiten.
Sie sind ein mittelständisches Familienunternehmen. Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat der Wirtschaft. Was ist aktuell Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für den Mittelstand?
Der Mittelstand ist die größte Stütze des Landes, aber wenige wollen es sehen. Dem Mittelstand wird nicht mal 5 EUR mehr in der Tasche gegönnt. Wir brauchen finanzielle Entlastung, und zwar nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter. Was heißt das konkret? Steuersenkungen, ganz einfach. Und vor allem: viel, viel weniger Bürokratie. Wir werden überflutet. Ich glaube, wir haben allein 30 Leute, die sich nur mit Bürokratie beschäftigen – kleine Dinge, die den Mittelstand so viel Geld kosten, dass wir nichts verdienen, weil es uns der Kunde ja nicht zahlt.
Wünschen Sie sich, dass der Staat den Mittelstand finanziell und bürokratisch entlastet?
Ja, auf jeden Fall. Und man sollte nicht nur davon reden, sondern es auch tun. Und man sollte auch aufhören, in der Gesellschaft den Neid auf den Mittelstand zu schüren.
Fachkräftemangel trifft den Mittelstand besonders hart. Wie gelingt es Ihnen, an drei Standorten qualifiziertes Personal zu finden und zu halten?

Im IT-Bereich haben wir definitiv einen Mangel. Deshalb arbeiten wir mit Universitäten zusammen, auch im europäischen Ausland. Wir haben ein Office in Griechenland. Wir helfen bei Themen für Masterarbeiten, nehmen Studenten mit rein und binden sie über mehrere Jahre – so haben wir in den letzten fünf Jahren zwischen zwölf und 20 IT-Mitarbeiter gewonnen. Im kaufmännischen Bereich haben wir kaum Probleme – unsere Mitarbeiter bleiben sehr lange. Unser Problem liegt eher im Niedriglohnbereich der Produktion. Mehr Geld wäre eine Lösung, aber wir können das gar nicht leisten. Wir reden von Produkten, die sich zum Teil im Centbereich bewegen. Dort ist es schwierig, Leute zu finden, auch weil wir ein Hochsicherheitsbetrieb sind und umfangreiche Prüfungen durchlaufen werden müssen.
Wir erleben einen KI-Boom. Wie nutzen Sie KI in Ihrem Unternehmen?
KI ist bei uns in vielen Bereichen Standard – im Personalwesen, in Zeiterfassungen, in Programmierungen für die Produktion. Unternehmen, die in solchen Bereichen arbeiten wie wir, sind da alle fit. Wir haben zum Beispiel ein KI-gesteuertes Bilddatenmanagementsystem entwickelt, mit dem wir mittlerweile 28 Mio. Bilder weltweit erfasst haben. Wir hypen das Thema nur nicht so – weil es für uns einfach dazugehört und die Zukunft darstellt.
Die Digitalisierung des deutschen Mittelstands kommt nur schleppend voran. Woran liegt das Ihrer Meinung nach – an der Technologie, der Mentalität oder den Rahmenbedingungen?
Viele Unternehmen sind mit Übergaben an die nächste Generation oder mit Verkäufen konfrontiert – und scheuen deshalb große Digitalisierungsprojekte. Dann haben wir die demografische Problematik: Mitarbeiter, die kurz vor der Rente stehen, gehen das nicht mehr mit. Dazu kommt die Bürokratie, die es nicht einfacher macht. Und dann ist da die deutsche Mentalität: Wir wollen immer alles neu und technisch ganz vorne dabei sein, aber den steilen Weg dahin will nicht jeder gehen.
Ihr Unternehmen ist gut über 20 Jahre alt. Wie gehen Sie das Thema Nachfolge an?
Wir streben eine Lösung an, die sowohl Familie als auch externe Optionen berücksichtigt. Wir haben vor einem Jahr damit begonnen, eine Zwischenebene in unserer Struktur mit jungen Leuten zwischen Ende 30 und Ende 40 aufzubauen – in den Bereichen Produktion, Vertrieb, Finanzen und Personal. Auch der ältere Sohn meines Partners ist auf dieser Ebene tätig. Wir ziehen definitiv auch externe Lösungen in Betracht – zum Beispiel einen externen Geschäftsführer über die komplette Gruppe einzusetzen und einen Rückzug für uns in eine Art Aufsichtsrat. Auch Mitarbeiterbeteiligungen oder die Gründung einer Stiftung sind Optionen, die wir gerade evaluieren.
Gibt es einen konkreten Zeitplan?
Für meinen Partner wird der Rückzug in den nächsten zweieinhalb bis drei Jahren stattfinden – nicht komplett, aber deutlich reduziert. Bei mir wird es sich ähnlich gestalten. Ein erster großer Schritt steht in den nächsten zweieinhalb Jahren an, ein weiterer in etwa fünf Jahren.
Hätten Sie früher beginnen sollen?
Natürlich. Jeder müsste viel früher damit anfangen. Aber das mit dem Loslassen ist schon so eine Geschichte – wenn man mitten in einer Erfolgsschiene steckt, schiebt man den Gedanken einfach weg.
Sollte man das Ganze schrittweise angehen?
Auf jeden Fall. Im Vordergrund steht immer der Kunde – man muss den Kunden mit abholen.
Wo sehen Sie GNC TCS in zehn Jahren?
Wir werden deutlich weniger physische Produkte produzieren und versenden sowie immer mehr digitale Produkte entwickeln – visuelle Bezahllösungen, PIN-Generierungen über Mobile Devices, IT-Lösungen für den Gesundheitsbereich, Krankenkassen und vor allem das Flottengeschäft. Wir betreuen Mineralölkonzerne weltweit und entwickeln für sie digitale Produkte. Mehr als ein Drittel unserer Mitarbeiter arbeitet bereits im IT-Bereich – das ist unsere Zukunft. Die Karte wird zum Back-up, nicht mehr zum Primärgeschäft. In diesem Wandel befinden wir uns gerade – und er wird sich in den nächsten zehn Jahren massiv auswirken.
Frau Jäger, vielen Dank für die interessanten Einblicke!
👉 Dieser Beitrag erscheint auch in der nächsten Magazinausgabe der Unternehmeredition 1/2026.
KURZPROFIL
GNC TCS Technologie, Cards & Services GmbH
Gründungsjahr: 2004
Branche: IT- und Finanzbranche, Kartentechnologien
Standorte: Neu-Isenburg, Bamberg, Thessaloniki (Griechenland).
Beschäftigte: 330
Umsatz: circa 50 Mio. EUR
https://www.gnc-cardservices.de/
ZUR INTERVIEWPARTNERIN

Nina Jäger gründete 2004 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Gerhard Osterrieder die GNC Card Services GmbH (Umfirmierung 2016). Das Unternehmen ist auf Kartentechnologien und digitale Zahlungslösungen spezialisiert und beschäftigt an drei Standorten rund 330 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von etwa 50 Mio. EUR. Zuvor war Jäger im Bereich Vertrieb- und als Produktmanagerin Banking bei der Winter AG tätig. Sie gilt als Treiberin für Digitalisierung in einer traditionell männerdominierten Branche.





