Von der Konzernabteilung zum agilen Mittelständler

Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“
Interview mit Dr. Lars Placke, Geschäftsführer der Blaupunkt Group

Unternehmeredition: Sie waren beim Bosch-Konzern und sind mit Blaupunkt in den Mittelstand gewechselt. Wo fühlen Sie sich wohler?
Placke: Im Großkonzern war Blaupunkt eine Business Unit. Heute können wir selbstständig agieren. Natürlich müssen wir uns mit unserem Gesellschafter abstimmen, aber wir müssen uns nicht mehr in große Konzernstrukturen einpassen. So ein starrer Rahmen kann auch eine Belastung sein. Unter Bosch hätten wir zum Beispiel nicht einfach ein Produktfeld aufgeben können, und auch ein Lizenzgeschäft hätten wir damals schwer durchbekommen. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich fühle mich in dieser Konstellation heute sehr wohl.

Unternehmeredition: Gibt es bei so einem tiefgreifenden Wandel nicht auch gravierende Umstellungsprobleme?
Placke: In der Einstellung der Menschen und im Arbeitsklima ist das schon ein beträchtlicher Wandel. Das ist eine ganz andere Welt. Einzelne haben damit immer noch zu kämpfen, aber alles in allem trägt das Team die Umstellung gut mit. Eine Rolle spielt dabei auch die Verkleinerung unserer Belegschaft, gerade weil wir Bereiche abgegeben haben. Aber seit die Talsohle durchschritten ist, werden wieder neue Kapazitäten aufgebaut, so mit der übernommenen Entwicklungsfirma KWest. Dadurch kommen Menschen mit „frischer Historie“ in unser Unternehmen, es sind längst nicht mehr nur „Boschler“ bei uns. Das gibt eine ganz neue Sicht auf die Dinge. Wir versuchen, die positiven Elemente aus einem Konzern mit der Flexibilität des Mittelstands zu verheiraten. So etwas ist natürlich immer ein Kompromiss.

Unternehmeredition: Würden Sie sagen, Blaupunkt ist nicht wiederzuerkennen?
Placke: Das kommt auf die Sichtweise an. Was unsere Kunden wiedererkennen, ist unsere Kundenorientierung, unsere Innovationsstärke, die Qualität unserer Produkte und die Strahlkraft der Marke. Wo sie uns, wie ich hoffe, nicht wiedererkennen: Wir sind deutlich agiler und flexibler geworden, gehen schnell auf Kunden ein und reagieren konsequent auf ihre Bedürfnisse. Unsere Entscheidungsstrukturen sind deutlich flacher geworden, was zu erheblich schnellerem Support als in einem Großkonzern führt.

Unternehmeredition: Was empfehlen Sie Unternehmen mit Restrukturierungsbedarf?
Placke: Eine Restrukturierung, auch wenn sie schmerzhaft ist, ist am Ende für alle Beteiligten immer besser als eine sich ewig hinziehende Schwächephase. Deshalb würde ich in solchen Fällen zur Restrukturierung raten. Natürlich ist das immer vom Einzelfall abhängig, und es ist wichtig, den richtigen Partner zu finden. Während unserer Restrukturierung gab es nicht nur eitel Sonnenschein. Aber es gab auch viele Momente, in denen wir sehr motiviert und glücklich waren.

Artikel und Interview: Lorenz Goslich
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Blaupunkt Group
Gründungsjahr: 1923
Branche: Unterhaltungselektronik
Unternehmenssitz: Hildesheim
Mitarbeiterzahl: 550
Umsatz 2011: ca. 100 Mio. EUR
Internet: www.blaupunkt.de

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