„Unternehmen nutzen M&A zunehmend zur Fokussierung“

Ob digitale Geschäftsmodelle oder komplexe Carve-outs–M&A bleibt im DACH-Raum ein entscheidender Hebel für Transformation und Wachstum.
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Ob digitale Geschäftsmodelle, ESG-Kriterien oder komplexe Carve-outs – M&A bleibt im DACH-Raum ein entscheidender Hebel für Transformation und Wachstum. Andre Waßmann, Partner bei BearingPoint, erklärt im Gespräch, wie Käufer und Verkäufer heute strategisch agieren, welche Rolle Technologie und Nachhaltigkeit spielen – und warum Qualität wichtiger ist denn je.

Unternehmeredition: Andre, wie nimmst Du die aktuelle Bedeutung von M&A für Unternehmen im DACH-Raum wahr?

Andre Waßmann: M&A ist im DACH-Raum aktuell ein zentrales Instrument strategischer Unternehmensentwicklung. In meiner Beratungspraxis erlebe ich, dass Käufer vor allem nach Zugang zu neuen Technologien, digitalen Geschäftsmodellen und ESG-Kompetenzen suchen – oft mit dem Ziel, ihre Wettbewerbsfähigkeit in einem sich schnell wandelnden Umfeld zu sichern. Verkäufer hingegen nutzen Transaktionen zunehmend zur Fokussierung auf ihr Kerngeschäft und zur Stärkung ihrer finanziellen Resilienz. Besonders relevant sind Carve-outs und Portfoliooptimierungen, die nicht nur Kapital freisetzen, sondern auch strategische Klarheit schaffen. Insgesamt zeigt sich: M&A ist heute weniger opportunistisch, sondern stark von Transformationszielen geprägt – mit Fokus auf nachhaltiges Wachstum und Zukunftsfähigkeit. Als Berater ist es entscheidend, diese strategischen Beweggründe früh zu erkennen und Transaktionen entsprechend zu strukturieren.

Die Rahmenbedingungen sind durch Zinsen, Inflation und geopolitische Unsicherheiten herausfordernder geworden. Welche Auswirkungen spürst Du auf die Dealaktivität und die Bewertungsmultiplikatoren?

Die gestiegenen Zinsen, volatile Märkte und geopolitische Spannungen prägen die M&A-Landschaft spürbar. Die Dealaktivität ist selektiver geworden. Strategische Käufer agieren weiterhin sehr vorsichtig, Angebote weichen meist stark von den Erwartungen der Verkäufer ab. Finanzinvestoren wie Private Equity haben einen Investmentstau, kommen aber auch weniger aus der Deckung und müssen ihren Investoren vermehrt erfolgreiche Exits liefern. Die Fremdfinanzierung von Käufen hat sich erschwert. Bewertungsmultiplikatoren sind daher in vielen Sektoren unter Druck geraten, vor allem bei Geschäftsmodellen mit hohem Kapitalbedarf oder unsicherer Cashflow-Entwicklung. Gleichzeitig sehen wir, dass hochwertige Targets mit resilienten Geschäftsmodellen weiterhin attraktive Bewertungen erzielen – insbesondere in Themenfeldern wie Tech, Healthcare oder ESG. Insgesamt gilt: Qualität setzt sich durch, aber die Spreizung zwischen „Top Assets“ und dem Rest hat sich deutlich vergrößert. Für uns als Berater bedeutet das, Transaktionen noch gezielter zu strukturieren, das Matching von Käufern und Verkäufern noch stärker zu individualisieren und Käufer wie Verkäufer durch komplexere Prüfprozesse (Due Diligence) und Bewertungsdiskussionen zu begleiten.

IT, Datenarchitektur und Cybersecurity stehen immer stärker im Fokus. Was sind aus Deiner Sicht die zentralen Erfolgsfaktoren einer fundierten technologischen Due Diligence?

Eine fundierte technologische Due Diligence muss den Blick über das eigentliche Produkt hinaus richten. Entscheidend ist das Zusammenspiel von IT-Architektur, Datenstrukturen und Sicherheitsmechanismen in der gesamten Organisation. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren Wachstum und Geschwindigkeit höher priorisiert als robuste Sicherheit – mit dem Ergebnis, dass Schwachstellen entstehen, die später zu kostspieligen Vorfällen führen können. Erfolgsfaktoren sind aus meiner Sicht vor allem drei Dinge: eine klare Bewertung der Skalierbarkeit und Stabilität der IT-Architektur, ein tiefes Verständnis der Datenflüsse und der Datenqualität, da diese die Grundlage für Effizienz und Automatisierung bilden, und schließlich ein systematisches Assessment der Cybersecurity-Reife, inklusive Governance, Incident-Response-Fähigkeiten und regulatorischer Compliance.

Viele Transaktionen sind hochkomplex, weil sie Unternehmensteile herauslösen oder integrieren müssen. Welche Lessons Learned habt Ihr bei BearingPoint in Carve-out- und Post-Merger-Integration-(PMI-)Projekten gesammelt?

Carve-out- und PMI-Projekte zählen zu den anspruchsvollsten Vorhaben im Unternehmenskontext. Besonders die Trennung der IT stellt eine zentrale Herausforderung dar: Sie ist meist am stärksten mit der Muttergesellschaft verflochten, dauert am längsten und verursacht die höchsten Kosten. Diese können 40 % der gesamten Transaktionskosten ausmachen. Genau hier entstehen oft unterschätzte Risiken, die den Erfolg der Transaktion gefährden können.

Ein zentrales Learning ist, dass Unternehmen die Komplexität, Dauer und Kosten systematisch unterschätzen. Berater werden oft zu spät eingebunden; meist erst dann, wenn interne Teams erkennen, dass sie die Trennung nicht allein stemmen können. Dabei hilft es enorm, jemanden an Bord zu haben, der solche Prozesse mehrfach begleitet hat – denn selbst wenn man organisatorisch Erfahrung mit Veränderungen hat, bringt der M&A-Kontext zusätzliche Anforderungen mit sich.

Marktanalysen zeigen, dass Carve-outs früher als besonders renditestarke Transaktionen galten – oft mit deutlich überdurchschnittlichen Ergebnissen. Diese Phase ist jedoch vorbei: Viele Private-Equity-Investoren haben die Komplexität erkannt und sich gezielt auf solche Projekte spezialisiert. Heute sind Carve-outs kein Selbstläufer mehr, sondern müssen mit großer Sorgfalt geplant und umgesetzt werden, um starke Ergebnisse zu erzielen. Das macht es umso wichtiger, erfahrene Partner an Bord zu haben, die den Prozess mehrfach begleitet haben und wissen, worauf es wirklich ankommt.

Digitale Geschäftsmodelle, Automatisierung und KI gelten als wichtige Zukunftsfaktoren. Wie bewertest Du deren Einfluss auf M&A-Deals?

Digitale Geschäftsmodelle und KI verändern die Spielregeln im M&A-Bereich – sowohl strategisch als auch bewertungstechnisch. In meiner Beratungspraxis sehe ich, dass Unternehmen mit skalierbaren, datengetriebenen Geschäftsmodellen besonders gefragt sind. Automatisierung und KI gelten als Hebel für Effizienz und Innovation. Laut Erhebungen hatten zuletzt bereits 37 % aller Investitionen einen Bezug zu KI-Technologie. Das treibt die Bewertungen. Dennoch ist ihr Wert ist oft schwer greifbar. Die Herausforderung liegt darin, Potenziale nicht nur technisch, sondern auch kommerziell zu bewerten: Wie belastbar sind die Algorithmen? Wie skalierbar ist das Modell? Und wie nachhaltig ist der Wettbewerbsvorteil? Bei BearingPoint setzen wir auf eine multidisziplinäre Bewertung – mit Experten aus Tech, Finance und Operations. So gelingt es, den tatsächlichen Wert digitaler Assets realistisch zu erfassen und in die Deallogik zu integrieren. Entscheidend ist, frühzeitig die richtigen Fragen zu stellen – und nicht nur auf Hype, sondern auf Substanz zu setzen.

Investoren achten immer stärker auf Nachhaltigkeits- und ESG-Kriterien. Wie sehr beeinflussen diese Faktoren heute die Transaktionspraxis, und in welchen Branchen sind sie bereits entscheidend für Kaufentscheidungen oder Preisfindung?

Das Investoreninteresse an Nachhaltigkeit hat sich von einem „Nice-to-have“ zu einem preisrelevanten Faktor entwickelt. Besonders in Europa haben regulatorische Vorgaben das Thema vorangetrieben: Die CSRD sowie die neue Corporate Sustainability Due Diligence Directive verlangen detailliertere ESG-Offenlegungen und eine präzise Abbildung der Lieferketten. Dadurch haben red flags unmittelbaren Einfluss auf Go/No-Go-Entscheidungen, SPA-Verhandlungen und Integrationspläne. Die neuesten „Omnibus- Packages“ der Europäischen Kommission werden jedoch die Regeln für die überwiegende Mehrheit der Unternehmen lockern, um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Konkurrenten zu gewährleisten. Auch die Finanzierung verstärkt diesen Trend: Sustainability-linked-Strukturen und ESG-Anforderungen von Kreditgebern prägen die Kapitalkosten bei Leveraged-Deals.

Welche Branchen oder Themenfelder siehst Du als besonders dynamisch für M&A in der Region an? Und was sollten Unternehmer heute beachten, wenn sie sich auf einen möglichen Verkauf oder Zukauf vorbereiten?

Besonders dynamisch sind aktuell die Bereiche Technologie, Life Sciences/Healthcare, Energie und ESG-nahe Geschäftsmodelle. Hier treiben Innovation, Regulierung und gesellschaftlicher Wandel die Konsolidierung und strategische Zukäufe. Unternehmer, die sich auf einen Verkauf oder Zukauf vorbereiten, sollten frühzeitig strategische Klarheit schaffen: Was ist das Ziel der Transaktion? Welche Assets sind relevant? Und wie gut ist das Unternehmen auf Due Diligence und Käuferfragen vorbereitet? In meiner Arbeit erlebe ich, dass eine saubere Vorbereitung – von der Equity Story über die Datenlage bis zur Governance – entscheidend ist. Bei BearingPoint begleiten wir Unternehmer ganzheitlich: strategisch, operativ und kulturell. So schaffen wir die Basis für erfolgreiche Transaktionen – auch in dynamischen Märkten.

Lieber Andre Waßmann, wir danken Dir für die interessanten Einblicke!

Das Interview führte Eva Rathgeber.

👉 Dieser Beitrag ist auch in der Magazinausgabe der Unternehmeredition 3/2025 erschienen.


ZUM INTERVIEWPARTNER

Andre Waßmann Foto: © BearingPoint

Andre Waßmann ist Partner bei BearingPoint und bei BearingPoint Capital für das M&A-Geschäft in Deutschland, der Schweiz und Österreich verantwortlich. Er bringt über 23 Jahre Erfahrung in den Bereichen M&A, Corporate Finance und Unternehmensstrategie aus leitenden Positionen bei Accenture, Commerzbank, KGAL, Clairfield International und zuletzt Helbling Business Advisors mit. Als ausgewiesener Transaktionsexperte berät er Unternehmen branchenübergreifend bei Akquisitionen, Verkäufen, Finanzierungen und Transformationen entlang zentraler Megatrends wie Digitalisierung, Energietransformation, Nachhaltigkeit und ESG.

www.bearingpoint.com

Autorenprofil

Als Chefredakteurin der Unternehmeredition berichtet Eva Rathgeber regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen.

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