Stagnation prägt deutsche Wirtschaft

Sanierung beginnt dann, wenn erste strukturelle Unwuchten erkennbar sind, wochbei aber viele HR-Abteilungen wegschauen.
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Die Roland Berger GmbH hat ihre neue Restrukturierungsstudie für das Jahr 2026 vorgelegt und analysiert darin gemeinsam mit aktuellen Daten der Coface Zahlungserfahrungsstudie die anhaltende Stagnationskrise der deutschen Wirtschaft sowie den wachsenden Handlungsdruck für Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft befindet sich nach Einschätzung der Roland Berger GmbH in einer dauerhaften Stagnationskrise, die sich als neues Normal etabliert hat. Nach Angaben der Roland Berger GmbH rechnen knapp zwei Drittel der Experten mit einer stagnierenden Konjunktur und weitere 29 % mit einem sinkenden Bruttoinlandsprodukt. Im Ranking der größten Risikofaktoren dominiert weiterhin das Thema Bürokratie und Regulierung mit 65 % der Nennungen. Ergänzend dazu zeigt die aktuelle Zahlungserfahrungsstudie von Coface, dass sich die Zahlungsmoral in der deutschen Wirtschaft massiv verschlechtert hat. Im Jahr 2026 sind laut Coface insgesamt 82 % der befragten Unternehmen von Zahlungsverzögerungen betroffen. Dies markiert den höchsten Wert seit dem Jahr 2019. Besonders schwer wiegen dabei lange überfällige Forderungen, die zu erheblichen Liquiditätsrisiken führen.

Als Hauptursache für diese Verzögerungen nennen die Unternehmen finanzielle Schwierigkeiten ihrer Kunden sowie zunehmende Dominoeffekte. Ein Drittel der von Coface befragten Betriebe gibt an, dass Zahlungsprobleme dadurch entstehen, dass sie selbst auf ausstehende Gelder warten. Wenn Unternehmen ihre Forderungen verspätet erhalten, geben sie diesen Druck häufig an ihre eigenen Geschäftspartner weiter. Branchen wie der Maschinenbau mit 92%, die Pharma- und Chemiebranche mit 90 % sowie die Automobilindustrie mit 89% leiden besonders stark unter diesen verspäteten Zahlungen. Trotz dieser massiven Belastungen gewähren rund 81% der Betriebe ihren Kunden weiterhin Zahlungsziele, versuchen jedoch durch verkürzte Fristen von im Durchschnitt 30,6 Tagen schneller an ihr Geld zu kommen.

Steigende Restrukturierungsfälle

Als direkte Konsequenz der schwierigen Rahmenbedingungen berichten laut Roland Berger GmbH rund 83% der Praktiker von einer spürbaren Zunahme der Restrukturierungsfälle in den vergangenen zwölf Monaten. Dabei dauern die Verfahren nach Einschätzung der Roland Berger GmbH immer länger, während gleichzeitig die Finanzierungsstrukturen und Stakeholder-Netzwerke komplexer werden. Das Ringen um tragfähige Sanierungslösungen gestaltet sich schwierig, da klassische Gläubigerstrukturen durch Banken, Private-Debt-Fonds und Factoring-Anbieter stark fragmentiert sind.

In der Industrie sorgt vor allem der anhaltende Strukturwandel für enormen Druck. Die deutsche Automobilindustrie steht mit 87% der Nennungen erneut an der Spitze der Branchen mit dem größten Transformationsbedarf. Dennoch erkennen Experten an, dass Automobilhersteller und Zulieferer inzwischen aktiv handeln und umfassende Performance-Programme aufgesetzt haben. Auch im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der chemischen Industrie erwarten die von Roland Berger GmbH befragten Experten einen hohen Anpassungsdruck, der durch gestiegene Energiekosten und strenge Regulierungen verstärkt wird.

Künstliche Intelligenz und Effizienz

Für eine erfolgreiche Bewältigung dieser tiefgreifenden Krisen gewinnt Künstliche Intelligenz als strategisches Werkzeug an Bedeutung, wird im operativen Alltag jedoch von den Unternehmen noch zögerlich eingesetzt. Laut der Untersuchung der Roland Berger GmbH sehen 89 % der Experten das größte Unterstützungspotenzial durch Künstliche Intelligenz in der strukturierten Datenanalyse sowie 60 % im Bereich der Recherche. Die befragten Fachleute erwarten vor allem eine deutlich schnellere Diagnose, eine verbesserte Datenqualität sowie sinkende Prozesskosten durch den technologischen Einsatz.

Dennoch zeigt sich in der Praxis eine spürbare Ambivalenz. Bislang ist Künstliche Intelligenz in den wenigsten Restrukturierungsprozessen breitflächig verankert, da viele Akteure strenge Bedingungen hinsichtlich der Datensicherheit, der Vertraulichkeit und eines nachweislich hohen Qualitätsstandards fordern. Zudem herrscht unter den Experten Einigkeit darüber, dass Algorithmen und datenbasierte Anwendungen zwar administrative Routineaufgaben automatisieren und wertvolle Entscheidungsgrundlagen liefern können, der Mensch jedoch in der alleinigen Führungsverantwortung bleiben muss.

Kernkompetenzen stärken

Erfolgreiche Sanierungen und Transformationen hängen letztlich von Kernkompetenzen ab, die ein Computer nicht ersetzen kann. Dazu gehören das persönliche Vertrauen, die überzeugende Stakeholderkommunikation, das geschickte Verhandeln zwischen widerstreitenden Interessen sowie das unternehmerische Urteilsvermögen in unsicheren Situationen. Die von Roland Berger GmbH und Coface aufgezeigten Herausforderungen machen deutlich, dass Unternehmen in der Stagnationsphase nicht länger auf einen automatischen konjunkturellen Aufschwung warten dürfen. Vielmehr ist eine konsequente strukturelle Erneuerung erforderlich, bei welcher der gezielte Einsatz von Technologien die Effizienz steigert, während die menschliche Handlungsfähigkeit den entscheidenden Sanierungserfolg sichert.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

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