Aus der Satellitensparte einer Erdfunkstation bei Frankfurt ist ein Raumfahrtunternehmen geworden. Die MBS GmbH stellt über Satellit die Kommunikation von Behörden und Streitkräften sicher, entwickelt eigene Satelliten – und will Deutschland Fähigkeiten verschaffen, die heute vielfach aus dem Ausland kommen.
Der Standort Usingen, 25 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, hat eine lange Geschichte. 1955 errichtete die damalige Deutsche Bundespost dort riesige, rhombenförmige Antennen, um per Kurzwelle Informationen rund um den Erdball zu senden. Ende der 1960er-Jahre löste die Satellitentechnik die Kurzwelle ab und der erste Versuchssatellit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) wurde bedient. Es entstanden Parabolantennen mit 19 Metern Durchmesser. Von hier aus arbeitet Deutschland seit über vier Jahrzehnten im Weltraum. Die Frage, die das hier ansässige Unternehmen MBS GmbH heute antreibt, ist neu: Kann Deutschland an diesem Standort eigenständig handeln oder ist es auf US-Anbieter angewiesen?
Übernahme im Rahmen eines Management-Buy-outs

Die heutige MBS entstand 2019 aus einem Management-Buy-out. Der damalige Eigentümer, ein US-amerikanischer Hedgefonds, wollte die nach zahlreichen Eigentümerwechseln und Umstrukturierungen verbliebene eigenständige Satellitensparte verkaufen. Drei Führungskräfte – darunter Sven Sünberg – übernahmen daraufhin das Unternehmen mit seinerzeit 65 Mitarbeitern. Finanziert wurde die Übernahme durch Bankkredite und öffentliche Fördermittel, unterstützt auch durch die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Hessen. Definiert hat sich die MBS GmbH lange über die Satellitenkommunikation. Das Unternehmen betreibt das Bodensegment – die Antennen und Stationen, deren älteste Anlagen bis ins Jahr 1979 zurückreichen – und stellt darüber gesicherte Verbindungen bereit: für Behörden und Streitkräfte in weltweiten Auslandseinsätzen ebenso wie für deren Anbindung nach Hause.
Neu hinzugekommen ist der Schritt in den eigenen Orbit. MBS entwickelt eigene Satelliten mit unterschiedlichen technischen Systemen, die auch als Nutzlast bezeichnet werden; eine eigene Nutzlast ist bereits im Orbit. Ab 2026 sollen eigene Satelliten im niedrigen Erdorbit in rund 500 Kilometern Höhe hinzukommen, später auch im geostationären Orbit in rund 36.000 Kilometern Höhe. Bis 2029 will MBS mehrere eigene Satelliten produzieren. Eigene Raketen baut das Unternehmen nicht, es hat sich jedoch unter anderem Startkapazitäten vertraglich gesichert, derzeit beim südkoreanischen Anbieter Innospace, da deutsche und europäische Startdienste für MBS zwar von großem Interesse, aber noch nicht marktverfügbar sind. Dazu kommen zwei Felder, in denen MBS eigene Kapazität aufbaut: Erdbeobachtung mit militärischer Anwendung, für die MBS die Sensorik selbst entwickelt. Zudem ist bis 2029 ein eigenes Datenrelais geplant, das Daten anderer Satelliten entgegennimmt und gebündelt zum Bodensegment übermittelt. Operiert wird von eigenen Standorten in vier Ländern: neben Deutschland in Frankreich, Polen und dem Vereinigten Königreich. Zu den Kunden zählen Behörden und Streitkräfte im westlichen Bündnis. Unabhängig von ausländischen Betreibern ist MBS dort, wo es auf die eigenen Kapazitäten baut: bei der Beobachtung aus dem Orbit und künftig beim eigenen Datenrelais.
Mittelständisches Ökosystem mit gegenseitigem Geben und Nehmen
Bei den Plänen von MBS spricht Sünberg von der Nutzung eines mittelständischen Ökosystems und meint damit Beteiligungen sowie feste Lieferbeziehungen mit anderen Mittelständlern. „Wer unabhängiger, innovativer und skalierbarer werden will, kann das nicht allein – er muss es mit Partnern tun, mit denen gemeinsam die jeweiligen Expertisen voll ausgeschöpft werden. Deshalb agieren wir als wechselseitige Zulieferer, statt bloß Verträge zu unterzeichnen oder einseitige Abhängigkeiten zu erzeugen“, so Sünberg.
Den Kern bildet Berlin Space Technologies (BST), an der MBS 20 % hält. MBS beauftragt die Berliner mit dem Bau der Satelliten für den niedrigen Erdorbit. Zudem entwickeln beide Unternehmen gemeinsam Verfahren, um Weltraumplattformen gegen Störungen und Manipulation zu schützen. Auch mit der Niedax Group verbindet MBS ein doppeltes Verhältnis: Für deren Infrastrukturtochter Netz 33 GmbH, die rund 33.000 Kilometer Glasfaser entlang der Bahntrassen verlegen wird (Unternehmeredition 4/2025), sichert unter anderen MBS die Ausfallsicherheit des Netzes. Zugleich nutzt MBS die zukünftigen neuen Netzknotenpunkte, um eigene mobile Gateways anzubinden. „Jeder ist für den anderen zugleich Lieferant und Kunde“, so Sünberg.
„Wir wollen im Weltraum nicht erpressbar sein“
Interview mit Sven Sünberg, Geschäftsführer Innovation und Vertrieb, MBS GmbH
Unternehmeredition: Herr Sünberg, wohin soll sich MBS entwickeln?
Sven Sünberg: Wir wollen Deutschland eigene Fähigkeiten im Weltraum sichern, die nicht erpressbar sind – von der Kommunikation bis zur Beobachtung. Vieles davon kommt heute aus dem Ausland. Das wollen wir ändern.
Was bedeutet diese Unabhängigkeit konkret – warum muss die Fähigkeit in Deutschland liegen?
In einer Krise zählt, wer im entscheidenden Moment unter anderem auf seine eigene Kommunikation und sein eigenes Lagebild zugreifen kann. Wer diese Fähigkeiten nicht ad hoc und autark besitzt oder zumindest im Zugriff hat, ist zwangsläufig abhängig von den Interessen des jeweiligen Anbieters – und der kann ein anderer Staat sein, aber auch ein einzelner Unternehmer, dem große Teile der Infrastruktur im Orbit gehören und der allein entscheidet, wer sie nutzen darf. Souveränität heißt hier schlicht: nicht um Erlaubnis fragen müssen. Dass eine solche Fähigkeit im eigenen Land vorgehalten wird, war lange kein politisches Thema. Seit der Zeitenwende ist es eines.
Wie finanzieren Sie die hohen Investitionen in das Raumfahrtgeschäft?
Seit seinem Bestehen hat das Unternehmen über 70 Mio. EUR aus dem laufenden Geschäft und mit Krediten investiert, rund 55 Mio. EUR entfallen dabei allein auf den Bereich Raumfahrt. Für unsere heutige Forschung haben wir bis dato bewusst auf Fördermittel verzichtet und investieren aus eigenen Mitteln. Die Anträge sind teils zu komplex und langsam in der Bearbeitung – da sind wir schneller und damit konkurrenzfähiger, wenn wir es direkt machen. Verteidigung und Raumfahrt galten Banken früher als heikel – heute zählen wir zu ihren Ankerkunden.
👉Dieser Beitrag erscheint auch in der Unternehmeredition 2/2026.
KURZPROFIL
MBS GmbH
Branche: Raumfahrt, Satellitenkommunikation, Sicherheit und Verteidigung
Gründungsdatum: 2019
Firmensitz: Usingen
Mitarbeiter: 300
Umsatz: 160 Mio. EUR








