Beim zweiten Restructuring & Corporate Finance Forum der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner versammelten sich rund 600 Führungskräfte in der Münchner Villa Flora. Die Teilnehmenden stammten aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Restrukturierung, Wissenschaft und Politik. Die Gastgeber Volker Riedel, Eva Ringelspacher und Philippe Piscol eröffneten die Veranstaltung mit einem Hinweis auf die neue Realität, in der Kapital und Krisen immer enger zusammenwachsen.
Nach Angaben der Veranstalter erfordern sowohl Restrukturierungen als auch Transformationen tragfähige Finanzierungslösungen sowie belastbare Strukturen. Sie betonten in ihrer Eröffnungsrede zudem die Notwendigkeit, neue Spielregeln nicht nur zu diskutieren, sondern auch konsequent in der Praxis anzuwenden. Das Treffen diente als Plattform, um über den aktuellen unternehmerischen Umbruch zu sprechen. Die Beteiligten forderten dazu auf, sich in der Krise aktiv selbst zu kümmern.
Neues Betriebssystem der Weltwirtschaft
Der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Prof. Dr. Moritz Schularick, beschrieb den tiefgreifenden Wandel der internationalen Wirtschaftsordnung. Nach seiner Analyse bekommt die Weltwirtschaft gerade ein völlig neues Betriebssystem. Er erklärte, dass in einer hochgradig globalisierten Welt wirtschaftliche und politische Asymmetrien zunehmend strategisch ausgenutzt werden. Der Experte sieht die aktuelle Entwicklung als einen zweiten China-Schock nach dem Jahr 2000.
Laut den Daten des Instituts sind die deutschen Exporte nach China um fast die Hälfte eingebrochen. Als Gründe für diesen Rückgang nannte er unter anderem sehr hohe Industrie-Subventionen im asiatischen Raum. Diese liegen bei etwa 600 Mrd. EUR pro Jahr. Zudem sorgen eine schwache Währung für günstige Exportpreise und eine stetig bessere Wissenschaft in China für Wettbewerbsdruck. Inzwischen verlagern deutsche Autobauer ihre Forschung dorthin. Schularick regte an: „Vielleicht verkaufen wir den einen oder anderen Autobauer aus Deutschland und verkaufen ihn an die Chinesen, solange wir noch etwas dafür bekommen“. Um in diesem Umfeld zu bestehen, müsse Europa als ein geschlossenes Team agieren und ein Update der eigenen Strategie vornehmen.
Geopolitischen Folgen der Zeitenwende

Der Bundesfinanzminister a.D., Peer Steinbrück, widmete sich den Konsequenzen einer zunehmend multipolaren Welt für Politik und Wirtschaft. Er kritisierte, dass sich viele Akteure bequem in einer permanenten Gegenwart eingerichtet hätten. Zudem bemängelte er eine unterentwickelte Konfliktbereitschaft in der Gesellschaft. Nach seiner Einschätzung hat die Politik die Menschen in den vergangenen Jahren eher sediert. Als problematisches Signal sieht er die Netto-Investitionsquote in Deutschland, die derzeit nahe null liegt. Auch die Demographie lasse sich politisch nicht überlisten.
Steinbrück forderte einen grundlegenden Wandel in den Strukturen. Er betonte: „Wir müssen den Wandel von einer Misstrauens- zu einer Vertrauenskultur schaffen. Dazu gehören mehr Entscheidungs- und Abweichungskompetenzen, der Abbau von Bürokratie, Anreize für Innovation sowie eine Fehlerkultur, die Fehler zulässt und gleichzeitig deren Korrektur ermöglicht“. Er sieht den Restrukturierungsbedarf nicht nur in der Politik, sondern auch in den Unternehmen. Dort seien wichtige Investitionen verschlafen worden. Steinbrück forderte daher eine klare industriepolitische Strategie, um unabhängiger und resilienter zu werden.
Risiken auf dem Immobilienmarkt
Ein weiterer Schwerpunkt des Forums lag auf den Entwicklungen auf dem gewerblichen Immobilienmarkt. Nach Einschätzung der Experten kommen traditionelle Finanzierungsmodelle an ihre Grenzen. Die Neu-Kreditvergabe bewegt sich zwar auf dem Niveau des langjährigen Mittels, doch die Risiken im Immobiliensektor steigen kontinuierlich. In der Logistikbranche läuft das Geschäft nur noch selektiv. Projektentwicklungen müssen sich heute selbst finanzieren und einen positiven Cashflow vorweisen. Der Fokus darf nicht mehr nur auf einem schnellen Exit liegen.
Durch diese veränderten Rahmenbedingungen drängen alternative Anbieter auf den Markt. Sogenannte Debt-Funds finden derzeit gute Bedingungen vor. Die Experten betonten jedoch, dass Private Debt keine verdeckte Finanzierung für notleidende Kredite sein darf. Seit der Krise funktioniert Mezzanine-Kapital nicht mehr wie gewohnt. Besonders schlecht stellt sich die Nachfrage nach Büro-Immobilien in B- und C-Lagen dar. Angesichts der strengen Anforderungen von Basel IV wünschen sich Marktteilnehmer bei den ESG-Regeln Erleichterungen für Immobilien, da die Anforderungen an Banken zu hoch seien.
Effizienz in der Sanierungspraxis

Im Rahmen der Diskussionen zur Sanierungsfähigkeit von Unternehmen wurde deutlich, dass finanzielle Restrukturierungen allein nicht ausreichen. Laut den Praktikern existieren in vielen Konzernen komplexe interne Querfinanzierungen, die aufgelöst werden müssen. Der sanierungswürdige Teil eines Unternehmens muss präzise herausgeschält und gezielt saniert werden.
Die Verantwortlichen forderten mehr Geschwindigkeit im gesamten Prozess. Die Zeit langwieriger Präsentationen im Management sei vorbei. Einzelne Sektoren müssen im Notfall schnell und konsequent geschnitten werden. Die Restrukturierung darf sich nicht nach dem langsamsten Beteiligten richten. Alle Akteure müssen einen spürbaren Beitrag zur Rettung leisten. Einigkeit herrschte darüber, dass sich Prozesse durch multiple Krisen und langwierige Refinanzierungen verzögern. Neben operativer Exzellenz brauche es Mut zu klaren Entscheidungen über den nachhaltigen Kern eines Unternehmens.







