„Spätestens acht Wochen nach dem Lockdown gehen viele Lichter aus“

© thodonal – stock.adobe.com

Mehr als drei Wochen gelten inzwischen die bundesweiten Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Krise. Schon vorher waren viele Betriebe, wie Hotels, Reiseunternehmen oder Eventfirmen von weitgehenden Einschränkungen betroffen. Nun ruht das öffentliche Leben in vielen Bereichen beinahe vollständig. Unternehmeredition-Redakteur Alexander Görbing sprach mit Albrecht von der Hagen, Hauptgeschäftsführer Verband der Familienunternehmer, über die Lage bei seinen Mitgliedsunternehmen und seine Forderungen an die Politik.

Unternehmeredition: Sie haben sich sehr schnell um eine umfassende Information für Unternehmen gekümmert. Wie war das Echo darauf?
von der Hagen: Das Echo war und ist überwältigend positiv. Wir erhalten täglich etliche Mails von unseren Mitgliedsunternehmern, die sich für unsere jetzt so wichtigen Tipps und Hilfestellungen bedanken. Viele Firmenchefs sind derzeit so sehr mit der Stabilisierung ihrer Firmen beschäftigt, dass sie absolut nicht die Zeit haben, sich all die für sie wirklich relevanten Informationen selbst zu besorgen. Diese aber können jetzt überlebenswichtig sein. Wir halten unsere Mitglieder ganz aktuell auf dem Laufenden, was viele als enorme Entlastung empfinden. Durch den engen Kontakt mit den Unternehmern erfahren wir unmittelbar, wo jetzt die Probleme der Familienunternehmen ganz genau liegen und wo die Hilfsangebote des Staates nicht funktionieren, zu schwach greifen oder nicht ankommen. Wir stehen daher natürlich auch in engem Kontakt mit der Politik, die ebenfalls dankbar für unsere schnelle Resonanz ist, um zielorientiert nachzusteuern. Endlich einmal geht es nicht in erster Linie um Parteiinteressen, fast alle ziehen derzeit wirklich an einem Strang, um diese Krise gemeinsam zu bewältigen. Das muss auch mal gelobt werden.

Wie schätzen Sie drei Wochen nach der Verhängung der Ausgangsbeschränkungen die wirtschaftliche Situation Ihrer Mitgliedsunternehmen ein?
Die Corona-Krise hinterlässt deutliche Spuren. Die Lage der Unternehmer spitzt sich mit zunehmender Dauer des Shutdowns zu. In vielen Unternehmen nimmt die Liquidität von Woche zu Woche ab und damit die Bedrohung ihrer Existenz zu. Es ist jetzt dringend erforderlich, dass die Regierung einen Zeitpunkt benennt, wann die Beschränkungen gelockert werden. Die Unternehmer stehen bereit, um ihr Geschäft wieder hochzufahren. Wir haben unsere Mitglieder per Mailumfrage hierzu befragt: Zwei Drittel der 1.465 daran teilgenommenen Familienunternehmer gibt hierbei an, dass ihre Unternehmenstätigkeit gesunken ist – um durchschnittlich 50%. Dabei bestätigen 87% der Befragten, dass der Ausfall vor allem auf die verringerte bzw. ausbleibende Nachfrage zurückzuführen ist. Ganz aktuell hat fast die Hälfte der Firmen bereits Kurzarbeitergeld beantragt. Hinsichtlich ihrer Liquidität müssten 31% der Unternehmen spätestens acht Wochen nach dem Lockdown die Lichter ausmachen, da sie ohne Hilfe pleite wären.

Albrecht von der Hagen, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Familienunternehmer – © Anne Kreuz Fotografie

Reichen die aktuellen Hilfen aus, die von Bund und Ländern bereitgestellt werden und kommen diese an?
Uns Familienunternehmern ist durchaus bewusst, dass es wahrlich keine Selbstverständlichkeit ist, in dieser Geschwindigkeit so viele Milliarden für die notleidende Wirtschaft bereitzustellen. Der Erfolg dieser enormen staatlichen Rettungsaktionen aber entscheidet sich fundamental am Faktor Zeit: Bislang dauert es noch zu lange, bis die Hilfen in der Breite auch wirklich in den Unternehmen ankommen. Sollte zu vielen Unternehmen das Geld ausgehen, bevor sie die Hilfsgelder auf ihren Konten haben, lässt sich eine wirtschaftliche Abwärtsspirale kaum mehr aufhalten. Je unmittelbarer also die Vergabe der Hilfsgelder umgesetzt werden kann, desto mehr Unternehmen können gerettet werden. Die Bundesregierung hat – auch auf unsere Kritik hin – zum Glück schnell nachgesteuert. Hoffen wir, dass die Hilfsmaßnahmen jetzt auch wirklich funktionieren. Denn für Unternehmen in existentieller Notlage, deren Absatzmärkte nun schon seit Wochen teils komplett brachliegen oder deren Lieferketten gerissen sind, kann jeder unnötige Tag des Wartens auf Bewilligung schon zu spät sein.

Die Bundesregierung hat angekündigt, das KfW-Hilfsprogramm dahingehend zu verbessern, dass seitens der KfW eine Risikoübernahme von bis zu 100% möglich wird. Wie stehen Sie zu diesen Plänen?
Das ist jetzt so geschehen. Die Schnellkredite sind eine deutliche Verbesserung der Hilfsmaßnahmen für Corona-geschädigte Mittelständler. Damit ergänzt die Bundesregierung ihre Erste-Hilfe-Ausrüstung um einen Feuerlöscher, der die Not vieler Firmen da lindern kann, wo es lichterloh brennt. Die Chancen, dass die notwendigen Überbrückungsmittel jetzt auch dort schnell ankommen sind nun deutlich höher. Die Haftungsfreistellung von 100% und die längere Laufzeit von jetzt bis zu 10 Jahren erlaubt den Hausbanken auf umfangreiche und langwierige Bonitätsprüfungen zu verzichten. Der Flaschenhals der bisherigen Kreditvergabe ist damit hoffentlich durchlässiger geworden. Positiv ist auch die Option, ohne jegliche Vorfälligkeitskosten von diesem teureren Kreditinstrument in die günstigeren KfW-Kredite zu wechseln, wenn die Bonität dies erlaubt. Für einige Unternehmen könnte sonst diese erste Mittelstandbrücke über die Mittelstandslücke auf Dauer zu einer gefährlich teuren Passage werden. Allerdings: 500.000 EUR bzw. 800.000 EUR sind für viele mittelständische Unternehmen nicht mal ein Monatsumsatz. Wenn die Umsätze aber wegen der Krise auf null eingebrochen sind, dann ist diese Summe nur ein großer Tropfen auf dem Brandherd. Viele Unternehmen gewinnen dadurch einige Wochen, sind aber bei weitem noch nicht gerettet.

Können Kredite überhaupt eine gute Lösung für mittelständische Unternehmen sein, da eine Rückzahlung in vielen Wirtschaftsbereichen (Gastronomie, Hotels, etc.) schwierig werden dürfte? Wären steuerliche Erleichterungen und die Möglichkeit zu einer erweiterten Verlustrücktrag nicht eine bessere Lösung?
Kredite sind immer eine Hypothek auf die Zukunft. Allerdings werden für viele Unternehmen die jetzt ausfallenden Umsätze in der Zukunft nicht einfach nachzuholen sein. Manche Nachfrage ist halt nicht einfach verschiebbar. Insofern wäre es in der Tat für viele eine große Hilfe, würde Bundesfinanzminister Scholz jetzt die erweiterte Verlustverrechnung mit den Vorjahren einführen. Diverse Modellvorschläge sind hierfür schon auf dem Markt. Auf Basis des letzten verfügbaren Steuerbescheides könnte zum Beispiel die aus diesem hervorgehenden gezahlte Einkommen- bzw. Körperschaftsteuer sofort mit aktuellen Verlusten verrechnet und zurücküberwiesen werden.

 

Vielen Dank für das Interview!