19. Innovationsgipfel 2026: KI-Aufbruch mit Umsetzungslücke

Experten diskutieren europäische Souveränität und technologische Zukunftsvisionen 

Foto: © GoingPublic Media AG

Der 19. Deutsche Innovationsgipfel im Münchner Charles Hotel stand ganz im Zeichen von Digitalisierung, KI, Nachhaltigkeit und technologischer Transformation. Rund 100 Vertreter aus Industrie, Wissenschaft, Politik und Start-up-Szene diskutierten am vergangenen Mittwoch darüber, wie Europa technologisch aufholen kann und welche Rolle Künstliche Intelligenz künftig in Unternehmen spielen wird. Als roter Faden zog sich dabei die Frage durch den Tag, wie aus technologischen Möglichkeiten schneller marktfähige und skalierbare Anwendungen werden.

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Bereits das morgendliche „Start-ups for Breakfast“-Format lieferte erste Antworten. Zehn junge Unternehmen, darunter AI2Connect GmbH, anabrid GmbH, COSA Group, doinstruct, emeryAI, Fiber Elements GmbH, GOLDENCORE, syniotec, Theion Consulting und xelerate.tech, präsentierten Lösungen für Logistik, industrielle Prozesse, Energieeffizienz und Datenanalyse. Das Dortmunder Start-up AI2Connect demonstrierte anschaulich, wie KI-Agenten die Rampenplanung in der Logistik automatisieren können. Gründerin Mariya Rajendran beschrieb die Ineffizienz heutiger Prozesse drastisch: „Diese Ineffizienzen kosten die europäische Logistikbranche 160 Mrd. EUR pro Jahr.“ Ihre Lösung solle Disponenten nicht ersetzen, sondern entlasten.

Einen Blick in die Zukunft des energieeffizienten Computings bot das Münchner Unternehmen anabrid. Lars Heimann warb für Analog-Computing als mögliche Antwort auf den explodierenden Energiebedarf moderner KI-Systeme: „Wenn ich heute ein Rechenzentrum mit einem Gigawatt Anschlussleistung planen müsste, könnte Analog Computing diesen Energiebedarf künftig möglicherweise auf einen Bruchteil reduzieren.“

Auch COSA griff den Energiehunger der KI auf – allerdings aus der Perspektive der Materialinnovation. Gründerin Janine-Melanie Potreck stellte Hochleistungsmaterialien für die Halbleiterindustrie vor, die beim 3D-Advanced Packaging ansetzen und langfristig helfen sollen, Rechenzentren deutlich energieeffizienter zu machen.

Doinstruct wiederum adressiert ein sehr praktisches Problem vieler Unternehmen: Wie lassen sich Mitarbeitende effizient schulen, wenn sie nicht am Schreibtisch arbeiten? Die KI-Plattform erstellt, übersetzt und trackt Trainings automatisiert und ist bereits in 36 Sprachen und in mehreren Ländern im Einsatz.

Fiber Elements zeigte schließlich, dass Innovation nicht nur digital sein muss. Das Start-up will Basalt als alternative Bewehrung in die Bauindustrie bringen – als Ersatz für Stahl, der rostanfällig ist und hohe CO₂-Emissionen verursacht.

Aiwanger fordert Mentalitätswechsel

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Den politischen Auftakt übernahm Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Seine Rede geriet weniger zu einem klassischen Grußwort als vielmehr zu einem leidenschaftlichen Appell für mehr Geschwindigkeit, weniger Bürokratie und eine innovationsfreundlichere Kultur.

Besonders eindringlich schilderte er den Fall eines bayerischen Drohnenunternehmens, das monatelang auf Genehmigungen warten musste: „Es ist frustrierend zu sehen, wie schwerfällig die Umsetzung innovativer Ideen häufig verläuft.“

Deutschland brauche mehr Risikobereitschaft, mehr Wagniskapital und eine andere Fehlerkultur. Mit Blick auf internationale Wettbewerber sagte Aiwanger: „Wir  befinden uns wirtschaftspolitisch in schwierigen Zeiten.“ Seine zentrale Botschaft an die Innovatoren im Saal lautete: „Werdet lauter, lasst euch nicht zu viel gefallen.“

Vöpel: Transilienz statt bloßer Resilienz

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Den gedanklichen Rahmen des Tages setzte Prof. Dr. Henning Vöpel in seinem Grand Opening „Radikale Zukunft – über Nordsterne und Wachstumskerne“. Zukunft sei heute radikal, weil die Gegenwart immer weniger verlässliche Rückschlüsse auf das Morgen zulasse. Vöpel plädierte deshalb für „Transilienz“: nicht nur Widerstandskraft gegen Krisen, sondern die Fähigkeit, in neue Zustände zu springen. Orientierung gebe dabei ein „Nordstern“ – ein gemeinsames Zukunftsbild, das Erwartungen bündelt. Entscheidend seien aber zugleich „Wachstumskerne“: kleine Einheiten, die bereits die Zukunft repräsentieren und dennoch in der Gegenwart handlungsfähig bleiben. Sie seien „Hebel, Katalysatoren und Perspektivgeber des Wandels“. Damit lieferte Vöpel eine zentrale Klammer für den Gipfel: Innovation entsteht nicht allein aus Technologie, sondern aus der Verbindung von Vision, Umsetzungskraft und der Bereitschaft, das Grundsätzliche neu zu denken.

Schaeffler: Innovation braucht Fokus

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In der ersten Keynote des Tages diskutierten Christian Weyhersmüller von Schaeffler und Lucas Sauberschwarz vom SGMI Management Institute St. Gallen über die Frage, wie Innovation in Unternehmen messbaren Business Impact erzeugen kann. Im Mittelpunkt stand dabei weniger die einzelne Idee als vielmehr die Fähigkeit, Innovationsinitiativen strategisch zu priorisieren, konsequent zu fokussieren und in skalierbare Anwendungen zu überführen. Gerade in großen Industrieunternehmen entscheidet sich Innovationskraft nicht allein an der Zahl neuer Projekte, sondern daran, ob sie auf klare Wachstumsfelder einzahlen, Ressourcen bündeln und schnell genug in marktfähige Lösungen übersetzt werden.

Next Level Mittelstand: Vom Wissen zum Handeln

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Der CXO-Talk „Next Level Mittelstand“ machte deutlich, wie intensiv sich auch traditionelle Familienunternehmen inzwischen mit KI, Digitalisierung und Start-up-Kooperationen auseinandersetzen. Henrik Schunk betonte, Transformation brauche vor allem ein klares Commitment von oben: Ohne Richtung, Verantwortlichkeiten, Kollaborationsbereitschaft und Budget versinke Digitalisierung schnell im Tagesgeschäft.

Dr. Ludwig Ruder beschrieb den Mittelstand als grundsätzlich offen für neue Ansätze – bei Underberg etwa durch Kooperationen mit Start-ups im alkoholfreien Segment. Gleichzeitig sei KI ein zentrales Thema: Entscheidend sei, konkrete Use Cases zu identifizieren, die Effizienz heben und Mitarbeitende unterstützen.

Magdalena Oehl lenkte den Blick auf die Talentfrage. Future Skills und KI-Kompetenz müssten deutlich früher vermittelt werden; allein über das Bildungssystem werde dies absehbar nicht schnell genug gelingen. Dr. Tobias Christoph Brunner wiederum unterstrich aus Gründerperspektive, dass Start-ups nicht in der Analyse verharren dürften: „Nicht meckern, sondern machen“ – entscheidend sei, schneller in die Umsetzung zu kommen.

Google Cloud und IBM: KI zwischen Innovation und Souveränität

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Wie stark KI inzwischen in den Unternehmensalltag hineinreicht, zeigte das Panel von Google Cloud AI und IBM. Christoph Mittendorf von Google Cloud AI demonstrierte anhand eines augenzwinkernden Lederhosen-Beispiels, wie KI aus Such- und Trenddaten konkrete Handlungsempfehlungen ableiten kann. „Ich habe ein Modell gebaut, das extrahiert, welche Lederhosen zur Wiesn am trendigsten sind“, erklärte er.

Hinter der humorvollen Anekdote stand jedoch eine ernste Botschaft: Daten werden zum strategischen Rohstoff. „Daten sind das Gold, das ihr tatsächlich habt“, sagte Mittendorf.

IBM wiederum setzt den Fokus stärker auf Governance, Datenschutz und sichere Unternehmensanwendungen. Besonders regulierte Branchen wie Banken, Versicherungen oder Behörden seien auf vertrauenswürdige KI-Systeme angewiesen. „Unsere DNA ist, wie wir mit unseren Kunden arbeiten“, betonte Dr. Heike Riel, IBM-Fellow und Präsidentin der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) mit Blick auf Datensouveränität.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Unternehmen weiterhin nach Orientierung suchen. Die technologische Dynamik sei enorm, doch die Integration in bestehende Prozesse bleibe anspruchsvoll.

Haufe: Von klassischer Suche zu dialogbasierten KI-Systemen

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Haufe-Lexware beleuchtete den Wandel der Wissensarbeit gleich aus zwei Perspektiven: Im Workshop „2036 – was muss der Mensch eigentlich noch wissen?“ blickten Lara Burger und Raphael Hackmann auf die Zukunft von Wissen, Lernen und Anwendungskompetenz. In der anschließenden Keynote „Vom Wissen zur Wirkung“ beschrieb Iris Bode, Managing Director von Haufe-Lexware, den Wandel von der klassischen Suche hin zu dialogbasierten KI-Systemen als fundamentalen Paradigmenwechsel: „Wir wollen alle nicht mehr lange suchen, wir wollen Antworten haben.“

Bemerkenswert ist: In den Haufe-Systemen nutzen bereits mehr als die Hälfte der Anwender KI-Assistenten statt klassischer Suchfunktionen. Die Zukunft liege darin, Wissen nicht nur auffindbar zu machen, sondern direkt in Handlungsempfehlungen und Prozesse zu übersetzen.

Damit wurde zugleich deutlich, warum KI für viele Unternehmen inzwischen nicht mehr optional ist: Komplexität, Regulatorik und Fachkräftemangel erhöhen den Druck, Wissensarbeit effizienter und anwendungsnäher zu organisieren.

Boston Dynamics: Wenn Robotik industrietauglich wird

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Der Auftritt von Boston Dynamics führte vor Augen, wie weit mobile Robotik inzwischen in industriellen Anwendungen angekommen ist. Das Unternehmen demonstrierte, wie beispielsweise der vierbeinige Roboter „Spot“ bereits in Industrieanlagen eingesetzt, um autonom Inspektionen durchzuführen, Schäden frühzeitig zu erkennen oder Sicherheitsprobleme zu melden.

Der Go-to-Market Director für Europa Kevin Kron beschrieb die Entwicklung der vergangenen Jahre als Übergang von der Forschung zur industriellen Skalierung: „Heute haben wir mehr als 3.000 dieser Roboter in der freien Wildbahn.“

Mit Blick auf humanoide Robotik blieb Kron allerdings bewusst vorsichtig. Haushaltsroboter seien zwar denkbar, aber noch Jahre entfernt. Besonders komplex seien unstrukturierte Umgebungen mit Kindern, Haustieren oder Pflanzen. „Sobald du einen dieser Faktoren hast, funktioniert ein vorprogrammiertes System nicht mehr“, so der Referent von Boston Dynamics.

Europäische Souveränität als Leitmotiv

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Ein zentrales Thema des Gipfels war die Frage nach europäischer technologischer Souveränität. Besonders deutlich wurde dies beim Auftritt von Daniel Traub, Head of Manufacturing & Automotive Industry bei Schwarz Digits. Mit STACKIT verfügt die Schwarz Gruppe über eine eigene europäische Cloud- und Colocation-Plattform, die Unternehmen eine souveräne Alternative zu außereuropäischen Hyperscalern bieten soll.

In einem emotional inszenierten Video hieß es: „Für Innovation ohne Kontrollverlust. Für souveräne Clouds.“ Traub ordnete digitale Souveränität dabei nicht nur als technisches, sondern als strategisches Thema ein: Wer Daten, Infrastrukturen und KI-Anwendungen kontrollieren wolle, brauche leistungsfähige europäische Alternativen – gerade in sicherheits- und industriepolitisch sensiblen Bereichen.

Geschwindigkeit als Innovationsfaktor

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Den Abschlussimpuls setzte noch einmal Dr. Heike Riel von IBM mit ihrem Vortrag „Speed is important!“. Am Beispiel des Quantum Computing zeigte sie, wie lang der Weg von wissenschaftlicher Erkenntnis zu marktfähiger Innovation sein kann und warum er dennoch beschleunigt werden muss. Entscheidend seien Talente, Infrastruktur und die Fähigkeit, Forschung, Entwicklung und Anwendung frühzeitig parallel zu denken. Riel warb zugleich dafür, Naturwissenschaften und Technik gesellschaftlich stärker sichtbar zu machen: Zukunftstechnologien entstünden nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo junge Menschen für Physik, Engineering und Forschung begeistert werden.

Fazit

Der Deutsche Innovationsgipfel 2026 offenbarte ein Deutschland zwischen technologischem Ehrgeiz und Umsetzungsdruck. Die Innovationskraft in Unternehmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen ist ungebrochen; zugleich rücken Geschwindigkeit, Kapitalzugang, Regulierung und Risikobereitschaft als zentrale Zukunftsfragen in den Fokus. Besonders fiel der pragmatische Blick auf KI auf: Sie wurde kaum noch als Vision diskutiert, sondern als konkretes Werkzeug für Effizienz, Produktivität und neue Geschäftsmodelle. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Unternehmen KI und neue Technologien einsetzen, sondern wie schnell sie daraus skalierbare Anwendungen machen.

👉 Veranstaltet wird der Deutsche Innovationsgipfel (DIG) von Christine Lange, Gründerin des crossindustriellen Netzwerks CIMT. Mit dem Format bringt sie seit vielen Jahren Entscheider, Technologieexperten und Innovatoren aus unterschiedlichen Branchen zusammen. Der DIG versteht sich dabei als Plattform für Austausch, Impulse und branchenübergreifende Zusammenarbeit und ist von Beginn an Programmpartner der mcbw – munich creative business week. Die Jubiläumsausgabe, der 20. Deutsche Innovationsgipfel, findet im Mai 2027 erneut in München statt.

Autorenprofil
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Eva Rathgeber ist Chefredakteurin der Unternehmeredition und verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation. Inhaltlich liegt ihr Fokus auf Mittelstand, Familienunternehmen, Finanzierung, Investitionen, Private Equity, M&A, Nachfolge, Digitalisierung und Innovation.

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