Als sich die Länder Berlin und Brandenburg Ende der 90er Jahre Gedanken darüber machten, wie man das Innovationspotenzial der Region geschickt aufbauen und vermarkten kann, durfte natürlich auch die Verkehrs- und Logistikbranche nicht fehlen. Diese hat in der Region Tradition, auch wenn dabei nicht wie im Süden der Republik große, international tätige Autokonzerne als Flaggschiffe hervorgegangen sind. Vorteil und Charakteristikum der Verkehrs- und Mobilitätsregion Berlin-Brandenburg ist vielmehr die thematische Breite über viele verkehrsrelevante Branchen hinweg.

Eine bunte Mischung

Herausgekommen ist dabei das Cluster Verkehr, Mobilität und Logistik (VML) der Gemeinsamen Innovationsstrategie der Länder Berlin und Brandenburg (innoBB). „Wir vertreten verschiedene Verkehrsträger, vom Automobil über Schienenverkehrsfahrzeuge, den Bereich Luft- und Raumfahrt bis hin zur Logistik und Verkehrstelematik“, erzählt Thomas Meißner, Clustermanager bei der TSB Innovationsagentur Berlin. Stärke des Clusters sei das interdisziplinäre Zusammenwirken, was vom Management auch stets erneut fokussiert werde, so Meißner weiter. Die Liste der Unternehmen, die die Region Berlin-Brandenburg vor allem als Produktionsstandort nutzen, ist lang: Das BMW-Motorradwerk in Spandau ist seit 1939 in Berlin vor Ort, seit 1969 werden Motorräder ausschließlich hier gefertigt; sowohl Bombardier als auch Siemens haben den Hauptsitz ihrer Bahntechniksparten in Berlin und sind mit wichtigen Produktionswerken in der Region vertreten. Rolls-Royce Deutschland produziert und testet seit 1993 im brandenburgischen Dahlewitz im Bereich zivile Luftfahrt, hinzukommen das Motoren- und Transporterwerk von Daimler Benz. Daneben gibt es viele kleinere, regional verankerte Firmen, die zumeist als Zulieferer und Dienstleister tätig sind und so Kooperationspotenziale geschickt ausnutzen können. Besonderes Beispiel hierfür ist Finow Automotive in Eberswalde, die exklusiv Längsträger für den Landrover Discovery herstellt. Insgesamt bieten die produzierenden Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen des Clusters ca. 54.000 Menschen einen Arbeitsplatz, mit großen Verkehrsbetreibern und Logistikdienstleistern handelt es sich in Summe um ca. 164.000 Beschäftigte.


Kräfte bündeln

Dabei liegt den im Cluster VML versammelten Branchen eine Zusammenarbeit von Natur aus Nahe. „Im Bereich Elektromobilität war die Luft- und Raumfahrtbranche in puncto Leichtbau für uns schon immer Vorbild“, berichtet Harald Bleimeister, Geschäftsführer des Kooperationsnetzwerks automotive BerlinBrandenburg e.V. Mit 250 Automobilzuliefererunternehmen vertritt Bleimeisters Netzwerk die Automotive-Branche innerhalb des Clusters VML, knapp die Hälfte der insgesamt 400 Unternehmen. Auch komme es bei der Logistik zwischen Hersteller und Zulieferer seit jeher auf hocheffiziente Prozesse und professionelle Strukturen an, so der Branchenexperte.

Harald Bleimeister, Geschäftsführer, Kooperationsnetzwerks automotive BerlinBrandenburg e.V. Bild: Kooperationsnetzwerks automotive BerlinBrandenburg e.V.

Die thematische Breite der verkehrsrelevanten Branchen in Berlin-Brandenburg ist jedoch eine Besonderheit innerhalb des deutschen und europäischen Wirtschaftsraumes. Seit seiner Gründung 2011 möchte das Cluster VML diese Kräfte gezielt bündeln und Symbiosen forcieren, was von einigem Erfolg gekrönt ist: „Wir stehen an der Spitze der Bahntechnikregionen in Europa, haben den Anspruch, Europas modernstes Verkehrsmanagement zu besitzen und sind Deutschlands führende Modellregion für intermodale Mobilität“, berichtet Meißner.

Besondere Potenziale des Standorts Berlin

Dass man beim Thema Automobilindustrie nicht sofort an Berlin-Brandenburg denkt, weiß auch Bleimeister. „Die internationale Wahrnehmung der Branche ist natürlich historisch nicht die eines Baden-Württemberg oder eines Niedersachsen. Aber durch die sicherlich sehr fruchtbare Arbeit der letzten Jahre und die Netzwerk-Initiativen der Politik in Berlin-Brandenburg, die auch zu einer Verclusterung der Branchen geführt haben, wird die Wahrnehmung immer besser“, weiß er zu berichten. Als besonders förderlich sieht er dabei die Verzahnung mittelständischer Unternehmen mit der exzellenten Hochschulregion Berlin-Brandenburgs an. „Ein Mittelständler mit 30 Mitarbeitern kann die komplette Wertschöpfungskette vom Entwicklungsprozess bis zur Lieferung der Bauteile nicht alleine aufrechterhalten, er muss mit anderen zusammenarbeiten“, erzählt Bleimeister; eine Kooperation mit Hochschulausgründungen, dem Technologiepark Berlin-Adlershof oder dem ansässigen Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik biete sich also geradezu an. Berührungsängste gerade von Seiten des Mittelstandes beobachtet Bleimeister dabei keine. „In Zeiten, in denen die Hersteller nur noch 20% an Fertigungstiefe eines Automobils selbst verantworten, haben die Zulieferer begriffen, dass sie nur als Systemlieferant eine Chance haben. Für den Automobilbereich beobachten wir mehr Offenheit denn je“, berichtet er zuversichtlich.

Internet belebt auch hier das Geschäft

Auch die Internet Start-up-Szene Berlins wird in die Netzwerkarbeit des Clusters einbezogen. Neben Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern/Sachsen ist Berlin-Brandenburg ausgewählte Modellregion für das „Schaufenster Elektromobilität“. Das Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung möchte Elektromobilität an der Schnittstelle verschiedener Technologien fördern und weiterentwickeln – ideal für den übergreifenden und symbiotischen Ansatz des Clusters. „Durch die Elektromobilität sind neue Player auf dem Markt erschienen, die zuvor wenig mit Mobilität zu tun hatten“, freut sich Meißner. So zum Beispiel Carzapp, ein junges Start-up aus Berlin, das eine App für privates Carsharing inklusive Schlüsselfunktion durch das Smartphone entwickelt hat. Im Verbund mit den Unternehmen capgemini, E.ON und dem Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrttechnik kann die Technologie auch in für drei Jahre geleasten Elektrofahrzeugen angewendet werden, die dann wiederum flexibel „untervermietet“ werden können. „Der klassische Fahrzeugbau kommt also zusammen mit Unternehmen der Energiewirtschaft und Start-ups aus komplett anderen Branchen, und so werden neue Geschäftsfelder erschlossen“, zeigt sich Meißner zufrieden. Koordiniert wird das Schaufensterprojekt Berlin-Brandenburg von der Berliner Agentur für Elektromobilität, kurz eMO, die momentan mehr als 15 aktuelle Forschungs- und Modellprojekte ausweist und als Agentur des Landes speziell zur Entwicklung des Themas zukunftsorientierter Mobilität vor zwei Jahren gegründet wurde. Die meisten der von eMO koordinierten Projekte befassen sich mit der Integrierbarkeit von Elektromobilität in das Verkehrs- und Energiesystem, aber versuchen auch, industrielle Potenziale für die Region zu heben.

Thomas Meißner, Clustermanager, TSB Innovationsagentur Berlin. Bild: TSB Innovationsagentur Berlin GmbH.

Verkehrsknotenpunkt ausbauen
Die Stärke des Logistik- und Verkehrsstandortes Berlin-Brandenburg lässt sich also nicht auf einen Nenner runterbrechen, sondern ergibt sich aus dem Zusammenspiel und der gezielten Koordinierung der einzelnen Branchen, u. a. durch die Clusterarbeit der innoBB. Hinzukommt die geografisch günstige Lage Berlins, die als Kreuz wichtiger Verkehrsachsen vor allem für den Logistikbereich entscheidend ist. Auch wenn die ganz starken Wirtschaftsräume der anderen Branchen von Berlin etwas entfernt sind, sieht Meißner auch hier durchaus Positives am Werk: „Der weitere Ausbau von Nord-Süd- und Ost-West-Achsen in Europa wird die Region Berlin-Brandenburg stärken und logistische Mehrwerte schaffen. Letztlich wird auch der neue Flughafen Berlin Brandenburg in Schönefeld – trotz aller aktuellen Schwierigkeiten und Verzögerungen – in Zukunft ein wichtiges Element der Verkehrskompetenz der Region darstellen“, ist er überzeugt.

Verena Wenzelis
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