„Unternehmer zu sein ist etwas Phantastisches“

Strenesse ist eines der letzten deutschen Modelabels von internationaler Bedeutung, das sich noch in Familienbesitz befindet. Gerd Strehle steht seit mehr als 40 Jahren an der Spitze des 1949 von seinen Eltern ursprünglich als Strehle KG in Nördlingen gegründeten Unternehmens. Er führt die Geschäfte zusammen mit seiner Frau Gabriele und seinen Kindern Luca und Viktoria. Im Interview spricht er über die Einheit von Familie und Unternehmen, seine Finanzierungsstrategie und wie er es geschafft hat, 2006 die schwerste Krise der Firmengeschichte zu überwinden.

Unternehmeredition: Herr Strehle, wie ist es Ihnen gelungen, aus einem Produzenten konventioneller Damenmäntel und -kostüme ein internationales Modelabel zu formen?
Strehle:
Als ich nach Abschluss meines Studiums 1967 in die Firma, die damals Wohlfahrt & Co hieß, kam, wollte ich eine neue Kollektion schaffen, die irgendwann einmal eine Marke werden sollte. So entstand der Name Strenesse – zusammengesetzt aus Strehle und Jeunesse, französisch für Jugend. Als meine Frau Gabriele 1973 als ausgebildete Designerin in die Firma kam, haben wir begonnen, einen eigenen, unverwechselbaren Stil zu entwickeln. Wir haben uns auf die Stärken der Firma besonnen, Fertigungs-Know-how, Qualität, hochwertiges Material, hohe Schnitttechnik. 1990 haben wir die Nische verlassen und der Marke Strenesse mit einer konsequenten Werbekampagne ein klares Bild in der Öffentlichkeit gegeben. Strenesse ist 62 Jahre alt und ein Modeunternehmen in der dritten Generation. Das gibt es ganz selten in Deutschland, da die Branche sehr kurzlebig ist. Unsere Vision ist und war es, aus Strenesse ein internationales Juwel zu machen – sowohl als Marke als auch als Unternehmen.

Unternehmeredition: Ihre Frau Gabriele Strehle arbeitet bereits seit 1973 im Unternehmen und verantwortet den kreativen Bereich. Auch Ihre Tochter Viktoria und Ihr Sohn Luca sind heute Mitglieder der Geschäftsleitung. Wie wichtig ist für Sie die persönliche Identifikation mit der Firma, die Einheit von Familie und Unternehmen?
Strehle:
Unternehmer zu sein, ist etwas Phantastisches, dazu gehört wahnsinnig viel Leidenschaft, Selbstaufgabe und Ehrlichkeit. Es ist ein Bekenntnis zu einem ganz speziellen Leben. Sie können kein Familienunternehmen führen, wenn Sie sich nicht hundertprozentig damit identifizieren. Sonst geht das Unternehmen unter oder muss verkauft werden. Wenn darüber hinaus Kinder da sind, die fähig und willens sind, ins Unternehmen einzutreten, dann ist das großartig. Ich selbst wollte die Firma ursprünglich nicht übernehmen, sondern Musik studieren, und meine Eltern ließen mich. Später habe ich doch erkannt, dass ich eigentlich Unternehmer bin. Es war mein eigener Entschluss, und ich finde es wichtig, dass man die Kinder selbst entscheiden lässt. Mein Sohn Luca startete seine Karriere erfolgreich bei Mercedes und meine Tochter Viktoria bei Harrods, ihnen standen alle Möglichkeiten offen. Beide haben sich jedoch für Strenesse entschieden. Als Familie zu funktionieren, ist großartig, aber schwierig. Das geht nicht reibungslos. Bei uns sind es zwei Generationen, vier unterschiedliche, sehr ausgebildete und ausgereifte Charaktere, die hier aufeinandertreffen. Der entscheidende Punkt ist, ein gemeinsames Ziel zu haben und immer wieder zurückzufinden auf den Weg dorthin. Das ist die Herausforderung, und das gelingt uns sehr gut.

Unternehmeredition: Durch den Launch einer Männerkollektion 2002 und ein neues Management geriet Ihr Unternehmen in schwieriges Fahrwasser und stand 2006 kurz vor dem Aus. Wie ist es Ihnen gelungen, das Ruder herumzureißen und Strenesse wieder auf Erfolgskurs zu bringen?
Strehle:
Wir haben zuvor die Firma in eine AG umgewandelt, eine Privatbank als Gesellschafter und Hauptkreditgeber für die weitere Firmenexpansion an Bord geholt. Diese Bank wurde zwei Jahre später insolvent und die weitere Finanzierung lief dann über ein Bankenkonsortium. Diese Situation, das neue große Projekt Männerkollektion auch die Zusammenarbeit mit neuen Fremdmanagern – das alles führte 2005 die Firma in eine finanziell enge Situation. Mit der Hilfe eines Freundes, der sich für ein paar Jahre finanziell engagierte, konnte eine Umfinanzierung erreicht werden. Im Zuge dessen haben wir die Firma schlanker und flexibler gemacht, alle Prozesse untersucht und soweit nötig verändert. Und genau in diesem Zeitpunkt gelang es uns, den Auftrag zu erhalten, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auszustatten, was sich ja für uns als Volltreffer erwies. Heute erwirtschaften wir längst wieder Gewinne, und die Finanzierung läuft erfolgreich wieder über ein Bankenkonsortium. Der Wille war da, alle Mitarbeiter haben mitgemacht. Entscheidend für den Erfolg war die Transparenz gegenüber den Financiers und den Mitarbeitern. Wir haben uns wirklich auf die Fahnen geschrieben: Wir besprechen alles! Für mich ist Transparenz heute ein ganz wichtiger Charakterzug eines Unternehmers und eines Unternehmens. Ich versuche so zu leben und predige es auch meinen Kindern. Es ist heute Teil der Unternehmenskultur. Wir haben damit auch großes Vertrauen bei unseren Banken geschaffen.

Unternehmeredition: Welche Finanzierungsstrategie fahren Sie? Wie stehen Sie Alternativen zum klassischen Bankkredit wie etwa Private Equity oder einem Börsengang gegenüber?
Strehle:
Auf einer Veranstaltung sagte ein Unternehmer kürzlich: Machen Sie sich nicht abhängig von Banken, denn die spannen den Regenschirm auf, wenn die Sonne scheint, aber wenn es regnet, machen sie ihn zu! Das musste ich wie gesagt auch so erfahren. Welche Finanzierungsmöglichkeiten hat ein mittelständischer Unternehmer? Er kann sich aus der eigenen Tasche finanzieren und vollkommen unabhängig sein – so war es bei uns über viele Jahrzehnte lang, bis das Unternehmen stark gewachsen ist und es nicht mehr ohne wesentliche Fremdfinanzierung ging. Finanzierungsoptionen sind Bankkredite, Börsengang, Private Equity. Familienunternehmen denken langfristig, in Generationen, Private Equity und die Börse eher kurzfristig, da gibt es unterschiedliche Interessen. Ein privater Investor ist für mich denkbar und eben die klassische Finanzierung über Banken. Ich finde, man fährt mit Banken ganz gut, wenn man das richtige Konsortium hat, die Zahlen stimmen und man transparent mit ihnen umgeht. Wenn man jedoch in eine wirtschaftliche Schieflage gerät, wird es schwierig.

Unternehmeredition: Was ist Ihr persönlich wichtigster Rat an andere Familienunternehmer in Bezug auf die Unternehmensfinanzierung?
Strehle: Es gibt nicht den einen Rat. Es kommt auf die Mentalität an, auf die Situation, die Branche und auf das eigene Sicherheitsbedürfnis – man ist kein Unternehmer, wenn man kein Risiko eingeht. Aber als Unternehmer muss man neue Dinge versuchen. Die sind jedoch nicht immer genau berechenbar, da ist oft viel Intuition dabei. Wichtig ist deshalb, sich nicht zu abhängig von anderen zu machen.

Unternehmeredition: Herr Strehle, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person: Gerd Strehle
Gerd Strehle ist Mehrheitsgesellschafter und Vorstandsvorsitzender der Strenesse AG. Unter dem Markendach von Strenesse stehen Strenesse Gabriele Strehle, Strenesse Blue und Strenesse Men mit den dazugehörigen Accessoires-Linien. Das selbstständige Familienunternehmen in dritter Generation erwirtschaftete 2008/09 einen Umsatz von rund 70 Mio. EUR (ohne Lizenzen). www.strenesse.com

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