„Sennheiser konzentriert sich auf die Eigenfinanzierung – das sichert unsere Unabhängigkeit“

 

Die Sennheiser-Gruppe ist mit einem Jahresumsatz von rund 390 Mio. EUR einer der weltweit führenden Hersteller von Mikrofonen, Kopfhörern und drahtlosen Übertragungssystemen. Im Januar 2011 hat Sennheiser den von dem Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte initiierten Axia-Award für Innovation im Mittelstand erhalten. Volker Bartels spricht im Interview über das Geheimnis des Unternehmenserfolgs, unabhängige Forschungsstandorte und die Bedeutung des Auslandsgeschäfts für Sennheiser.

Unternehmeredition: Herr Bartels, wie haben sich Ihr Umsatz und Gewinn 2010 im Vergleich zum Vorjahr entwickelt?
Bartels: 2010 war generell ein sehr gutes Jahr für uns. Das Geschäft hat ordentlich angezogen. Genaue Zahlen dazu werden wir in unserer Pressekonferenz im Juni 2011 bekanntgeben. Die Gründe dafür sind in der Art unseres Geschäfts zu suchen. Der Consumer-Bereich hat durch die Krise hindurch nicht wirklich gelitten. 2009 hatten wir vor allem Einbrüche bei den Firmenkunden, was an der Investitionszurückhaltung lag. Insbesondere die Theater und Bühnen haben kein neues Hochfrequenzequipment eingekauft. 2010 hat sich das Geschäft aber wieder deutlich belebt.

Unternehmeredition: Wie sind Ihre Erwartungen für die nächsten zwölf Monate und inwieweit wird Ihr Geschäft von der Katastrophe in Japan beeinflusst?
Bartels: Die Ereignisse in Japan sind eine absolute Katastrophe. Unsere Gedanken sind bei den Menschen vor Ort. Auch wir haben in Tokio eine Vertriebsniederlassung, die zunächst einmal für eine Woche den Betrieb eingestellt hat. Die Mitarbeiter sind bislang Gott sei Dank unverletzt und wir hoffen natürlich, dass das auch weiterhin so bleibt. Die Auswirkungen dieser Vorkommnisse sind noch gar nicht abzusehen, sowohl für Japan als auch für die Weltwirtschaft. Wir beobachten schon jetzt, dass die Börsenmärkte weltweit stark davon betroffen sind. Diese Entwicklung sehen wir mit Sorge. Unabhängig von diesem Ereignis blicken wir aber insgesamt recht positiv in die nächsten zwölf Monate.

Unternehmeredition: Im Januar hat Ihr Unternehmen den Axia-Award für Innovation im Mittelstand erhalten – was haben Sie Ihren Wettbewerbern voraus?
Bartels: Ich denke, wir haben in den vergangenen Jahren einiges richtig gemacht. Neben einer Menge Glück gehört da natürlich auch gutes Management dazu. Zum Beispiel ein klar strukturierter Innovationsprozess, der zum Ziel hat, nicht alles selbst zu machen, sondern auch mit Netzwerken und Universitäten zusammenzuarbeiten. Es ist wichtig, weiter in die Zukunft zu blicken, als es der normale Produktionsprozess ermöglicht. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit mit der Sennheiser Innovation AG in Zürich eine Organisation gegründet, die über den Horizont von fünf bis zehn Jahren hinausschaut, um festzustellen, welche gesellschaftlichen und soziologischen Trends sich dort abzeichnen. Wir versuchen dann herauszufinden, welchen Einfluss diese Trends auf das Geschäft von Sennheiser haben werden. Wichtig ist, auf welche Art unsere Kunden in Zukunft unsere Produkte nutzen werden. Aber dazu muss man eng mit den Kunden zusammenarbeiten und Szenarien entwickeln, welche Dinge sich unter Umständen in deren Arbeitsumfeld ändern.

Unternehmeredition: Eine eigene Organisation, die sich ausschließlich mit der Erforschung von Zukunftstrends befasst – das ist für einen Mittelständler ungewöhnlich. Welche Bedeutung kommt kreativen Freiräumen in Ihrer Unternehmenskultur zu und welche Rolle spielen Innovationen für Ihr Geschäft?
Bartels: Die Vorteile der Sennheiser Innovation AG und der damit verbundenen Freiräume liegen darin, Denkbarrieren, die im normalen Projektbetrieb existieren, beiseite zu legen. Wir trennen die Produktenwicklung deshalb klar von solchen Forschungseinrichtungen. Unter Umständen können Mitarbeiter aber nach Abschluss eines Entwicklungsprojektes für eine gewisse Zeit dorthin wechseln. Dort können sie ihr Wissen auffrischen, sich mit den neuesten Trends versorgen und dann wieder in die Projekte zurückzukehren. Einen regen Austausch zu pflegen und in den Einrichtungen selbst den nötigen Freiraum zu haben, um neue Ideen auch einmal zu verwirklichen, ist uns sehr wichtig. Das klappt aber nicht immer und kostet eine Menge Geld. Wir müssen genug verdienen, um solche Innovationseinrichtungen zu finanzieren. Unsere international agierenden Scouts bringen einen zusätzlichen Input an Technologien, die bislang bei Sennheiser noch nicht verwendet werden.

Unternehmeredition: Ihr Unternehmen ist über zahlreiche Tochtergesellschaften weltweit vertreten. Welche Rolle spielt das Auslandsgeschäft für Sie?
Bartels: Eine ganz entscheidende! Wir haben eine Exportquote von 83% und sind mit 15 Vertriebstöchtern weltweit präsent. Die letzte Tochter haben wir in China eröffnet, davor kamen Japan und Indien. Damit haben wir drei Vertriebsniederlassungen im asiatischen Raum, die sehr, sehr stark wachsen.

Unternehmeredition: Wachstum benötigt Kapital. Welche Finanzierungsinstrumente nutzen Sie?
Bartels: Wir sind in Familienhand, und das wollen wir auch bleiben. Wir haben eine Finanzierungsmaxime von unserem Gründer übernommen, die lautet: Wir geben nur das Geld aus, dass wir auch tatsächlich verdient haben. Unsere Finanzierung konzentriert sich also, wann immer es geht, auf eine reine Eigenfinanzierung. So soll es auch tunlichst bleiben. Dies sichert unsere Unabhängigkeit und die Entscheidungshoheit der Eigentümer.

Unternehmeredition: Sennheiser wurde 1945 als Familienunternehmen ins Leben gerufen. Welche Rolle spielt die Familie Sennheiser nach dem Tod von Gründer Fritz Sennheiser im letzten Jahr für das Unternehmen?
Bartels: Die Familie Sennheiser hat immer eine große Rolle im Unternehmen gespielt. Nach Prof. Dr. Fritz Sennheiser hat ja eine Zeit lang Prof. Dr. Jörg Sennheiser das Unternehmen geführt, bis er 1994 die Leitung komplett an eine Fremdgeschäftsführung übertragen hat. Jetzt haben wir seit Januar 2011 die Situation, dass zwei Enkel des Gründers in die Unternehmensleitung eingetreten sind, wir sind jetzt gerade im Integrationsprozess. So wird die Rolle der Familie in den nächsten Jahren wieder deutlich wachsen.

Unternehmeredition: Herr Bartels, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Lukas Neumayr.
redaktion@unternehmeredition.de


Zur Person: Volker Bartels
Volker Bartels ist seit 2007 Sprecher der Geschäftsführung der Sennheiser Electronic GmbH & Co. KG. mit Sitz in der Wedemark (Region Hannover). 2009 erzielte das Familienunternehmen einen Umsatz von rund 390 Mio. EUR. Weltweit hat Sennheiser über 2.100 Beschäftigte sowie eigene Werke in Deutschland, Irland und den USA. www.sennheiser.com

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