„Der Wille zum Wachstum ist wichtig“

 

Mit der Ausgabe von Genussrechten geht das größte Bestattungshaus in Baden-Württemberg einen für die Branche unkonventionellen Weg, um das weitere Wachstum zu finanzieren. Das frische Kapital soll den Ausbau des Filialnetzes im Großraum Stuttgart finanzieren. Im Interview spricht Inhaber Christian Haller über die Genussscheinfinanzierung und die „Wachstumsstory Bestattungsunternehmen“.

Unternehmeredition: Herr Haller, mit derzeit 14 Filialen in und um Stuttgart sowie mehr als 20 Mitarbeitern ist Haller das größte Bestattungsunternehmen in Baden-Württemberg und steht für vielfältige Servicedienstleistungen und unternehmerische Innovationskraft. Das Familienunternehmen belegte unter anderem beim Wettbewerb „Beste Arbeitgeber Stuttgarts 2010“ den dritten Platz und erhielt mit 1,25 die beste Note, die der TÜV Saarland im Bereich Kundenzufriedenheit je vergeben hat. Welche Erfolgsfaktoren haben maßgeblich dazu beigetragen?
Haller: Wir haben das Glück, die besten Mitarbeiter der Welt zu haben. Wir legen viel Wert auf eine Unternehmenskultur, die von Sinn und Wertschätzung geprägt ist. Aber auch das Lachen darf nicht zu kurz kommen. Unsere Mitarbeiterbesprechungen sind oft heiter und spielerisch. Für uns liegt der Schlüssel in der Personalauswahl. Wir suchen Menschen, die aus Leidenschaft Dienstleister sein wollen. Unsere Mitarbeiter haben viel Freiheit und viel Verantwortung. Wir vertrauen ihnen, und die meisten blühen dann regelrecht auf. Ich denke, der Wille zum Wachstum ist wichtig. Wachstum kann aber auch unbequem sein. Man muss sich immer wieder auf Neues einlassen. Meine Schwester Andrea und ich sind ein gutes Führungsteam, wir ergänzen uns hervorragend und haben klare Verantwortungsbereiche. Wir mussten aber auch einiges über den anderen lernen. Gemeinsames Coaching hat uns über manche Hürde gebracht. Zusätzlich hatten wir das Glück, in einem Markt aktiv zu sein, der sich sehr langsam entwickelt. Als wir vor 15 Jahren anfingen, haben Bestatter kaum Werbung für sich gemacht. Sie waren unsichtbar. Heute ist die Wettbewerbssituation eine ganz andere. Und die charismatische Persönlichkeit unserer Mutter Ilona, die mit 50 nochmal den Mut hatte mit mir neu anzufangen, hat uns in den ersten Jahren sehr geholfen.

Unternehmeredition: Ihr Ziel war es, bis Ende Januar maximal 20 Genussrechte bei einer Anlagesumme von mindestens 25.000 EUR zu begeben. Haben Sie Ihr Ziel erreicht? Wie war die Nachfrage? Wie sieht Ihre „Investorenstruktur“ aus?
Haller: Wir hatten über 400 Anfragen. Viele von Menschen, mit denen wir bereits verbunden waren. Kunden, Lieferanten, Geschäftspartner. Das italienische Fernsehen hat in seinen 20-Uhr-Nachrichten einen Bericht gebracht, der auf große Resonanz gestoßen ist. Darauf sind wir aber nicht weiter eingegangen. Wir wollten eine Verbindung zu den Menschen, die sich mit uns und unserer Arbeit identifizieren können. Wir haben uns in den ersten Tagen nach den Presseberichten entschieden, die Anlagen zu staffeln, da wir 500.000 EUR gar nicht in einem Jahr sinnvoll ausgeben können. Die anderen stehen nun auf einer Warteliste. Wir hatten auch einige Interessenten, hauptsächlich Family Offices, die uns die 500.000 EUR aus einer Hand geben wollten. Es war uns aber wichtig, nicht von einem einzigen Anleger abhängig zu sein. Auch die persönliche Verbindung zu den Anlegern spielt für uns eine große Rolle.

Unternehmeredition: Wofür brauchen Sie das Geld? Welche Wachstumsstory verbinden Sie mit Ihrem Unternehmen?
Haller: Wir möchten im Umland von Stuttgart neue Filialen gründen. In der Vergangenheit haben wir unser Wachstum immer aus den laufenden Einnahmen finanziert. Das ist zwar sehr spannend, aber manchmal etwas atemraubend. Filialwachstum war für uns immer mit dem richtigen Personal verbunden, die richtige Person an den richtigen Ort zu bringen. Freude an Neuem zu haben. Und wir haben oft auch einfach Glück gehabt.

Unternehmeredition: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Genussschein zu begeben? Welche Vorteile sehen Sie in diesem Instrument und welche Rolle spielt es in Ihrem Finanzierungsmix?
Haller: Banken finanzieren das unternehmerische Risiko nicht. Da muss man schon selbst auf Ideen kommen. Der Vorteil der Genussscheine ist, dass wenn sie über fünf Jahre angelegt werden, sie auch unsere Eigenkapitalquote erhöhen. Und diese ist wichtig, wenn wir Immobilien kaufen wollen.

Unternehmeredition: Was ist Ihr wichtigster Rat bezüglich des Finanzierungsinstruments Genussschein an andere Unternehmer?
Haller: Noch ist es zu früh für uns, Ratschläge zu erteilen. Vielleicht fragen Sie uns in zwei Jahren wieder. Aber wir glauben, eine gute rechtliche Beratung und solide Konzeptentwicklung sind extrem wichtig, sonst kommt man schnell in Grauzonen, die man gar nicht einschätzen kann. Eine spannende Frage für uns war, wie wir die Rendite auf die Anlagen von unserem natürlichen Wachstum trennen.

Unternehmeredition:
Sehr geehrter Herr Haller, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person: Christian Haller
Christian Haller ist Gründer und Inhaber des Bestattungshauses Christian Haller e.K. Seit 1994 führt er das Unternehmen zusammen mit seiner Mutter Ilona und seiner Schwester Andrea. Das Bestattungshaus betreut 14 Filialen im Großraum Stuttgart und beschäftigt mehr als 20 Mitarbeiter. www.bestattungshaus-haller.de

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